Gesellschaft

Russischer Präsidentenberater warnt vor "menschenloser Demokratie" und Cyberstaaten ohne Territorium

Wladislaw Surkow, ehemals Vizechef der russischen Präsidialverwaltung, sagt in einem Essay eine düstere Zukunft voraus: In "menschenlosen Demokratien" werden Computer alles kontrollieren – und viele Staaten gar nur im Cyberspace existieren.
Russischer Präsidentenberater warnt vor "menschenloser Demokratie" und Cyberstaaten ohne TerritoriumQuelle: Gettyimages.ru © Kwanchai Lerttanapunyaporn / EyeEm

In 100 Jahren wird die Politik, wie wir sie kennen, zu einer "menschenlosen Demokratie" verkommen sein, in der Entscheidungen von Maschinen anstelle von gewählten Anführern und Repräsentanten getroffen werden. Viele Länder werden kein physisches Territorium mehr haben, weil sie stattdessen im Cyberspace existieren und von dort ihre Macht ausüben.

Das ist die Theorie des russischen Präsidentenberaters Wladislaw Surkow. Er hat einen Artikel mit dem Titel "Menschenlose Demokratien und andere Wunder der Politik im Jahre 2121" verfasst, in dem er seine Voraussagen für die Entwicklung von Politik und Regierungen im nächsten Jahrhundert darlegt.

Surkow war bis Februar 2020 Berater des russischen Präsidenten und arbeitete seit dem Jahr 1999 in verschiedenen Funktionen unter Putin, war Unterhändler für den Donbass und Vize-Ministerpräsident.

An seine Zeit im Kreml erinnert sich der Westen am ehesten anhand der obsessiven Berichterstattung und Analytik in Verbindung mit seiner Person: Ausländische Kommentatoren stellten oft nicht den Präsidenten des Landes Wladimir Putin, sondern ihn als den Kopf hinter der ganzen Operation dar, als die sie Russland betrachteten (oder auch vielleicht immer noch betrachten). Doch auch Surkow selbst ist dem Schreiben so gar nicht fremd: Sein gesellschaftsphilosophischer Artikel beziehungsweise Ideologem "Der dauerhafte Staat Putins: Dazu, was hier überhaupt los ist", im Jahr 2019 in der russischen Nesawissimaja Gaseta veröffentlicht, erlangte seinerzeit einige Beachtung – nicht zuletzt auch im Westen.

In seinem jüngsten Beitrag, diesmal für die Publikation Aktualnyje Kommentarii, skizzierte Surkow seine Sicht der Welt in den nächsten 100 Jahren. Dem ehemaligen Kremlberater zufolge wird das kommende Jahrhundert die "Aufteilung" und "Kolonisierung" des Cyberspace erleben, obwohl viele Kriege weiterhin auch auf und um echten Boden geführt würden.

Was die Regierungsstruktur betrifft, werde das Internet zu einer Form der direkten Demokratie führen. Es wird dabei nicht mehr notwendig sein, dass die Menschen Vertreter wählen. Stattdessen werde jeder, der möchte, nicht nur über Gesetzesvorschläge abstimmen, sondern sie auch einreichen können – seien doch technische Möglichkeiten einer direkten Demokratie, einer unmittelbaren Selbstvertretung durch die Bürger, bereits in der jetzigen "elektronischen Moderne" angelegt:

"Wenn zum Beispiel ein neues Gesetz erforderlich wird, etwa über die Bienenzucht, so können alle, die sich dafür interessieren – Imker, Honigliebhaber, Kosmetiker und Pharmazeuten, Menschen, die einst von Bienen gestochen wurden, und Menschen, die einst selbst Bienen gestochen haben, dann auch die Allergiker und die Anwälte, Hersteller von Bienenstöcken, Imkerpfeifen und Imkereismokern, Apiphile und Apiphobe sowie [nicht zuletzt] diejenigen, die sich immer für alles interessieren –, online unmittelbar an der Ausarbeitung, dem Einreichen, an der Diskussion und der Verabschiedung des Gesetzes mitwirken", prognostiziert Surkow.

"In diesem System gibt es kein Parlament. An seine Stelle treten Kommunikationswerkzeuge, Algorithmen und Moderatoren."

Von direkter Demokratie zur menschenleeren Herrschaft – "für die Menschen?"

Doch was dem gesunden Menschenverstand nach, zumal als direkte Demokratie, einem möglichen Idealzustand gleichkommt, darin sieht Surkow in seinem Versuch der Futurologie nicht einmal eine Zwischenstufe zur Herrschaft der Maschine. Bereits diese Befreiung von den althergebrachten politischen Institutionen werde nur eine falsche Befreiung sein:

"[Noch] während der Wähler sich der 'usurpierenden Kongressabgeordneten' entledigt, tappt er sofort ins World Wide Web und verheddert sich darin wie in Spinnweben. Er geht eine zweideutige und ungleiche Beziehung mit der Welt der Maschinen ein."

Im Laufe dieser Entwicklung, so Surkow, werden die Menschen langsam aus dem Entscheidungsprozess entfernt, und die Maschinen werden ständig danach streben, den "menschlichen Faktor" zu eliminieren – "[der als] Begriff längst zum Synonym für einen fatalen Fehler geworden ist". Die biologischen Bürger werden immer mehr Komfort genießen können – aber auch immer weniger Wert haben, bis zu einem Punkt, an dem der Mensch schließlich gar keinen Einfluss mehr hat.

Auch die Entstehung neuer Arten von Staaten sagt Surkow voraus: Vor allem "virtuelle Republiken" ohne reales Territorium sowie "postpatriotische Gemeinschaften", in denen die Pflege von Traditionen und Verehrung der Vorfahren nicht mehr gegeben seien.

Als weitere Art von Staat würden sich "Zwergsupermächte" entwickeln. Diese beschreibt er als Staaten mit einem Minimum an physischem Land, aber dafür mit riesigen Mengen an Cyber-Ressourcen. Sie werden, wenn nötig, "das militärische und wirtschaftliche Potenzial der größten Staaten lähmen" können.

Als Analogon dafür dient ihm das doch recht überschaubare Portugal des 16. Jahrhunderts, das dafür mit einigen Tausend Seeleuten und Händlern auf einigen Dutzend Schiffen rechtzeitig "besitzerlose" Seehandelswege besetzen und so zu unverhältnismäßig großer Macht gelangen konnte.

Wieder andere Staaten ihrerseits werden als "ökologische Diktaturen" agieren, die den Konsum zwangsweise einschränken, um so die Umwelt zu schützen – mit dem "unwohlgesonnenen" Gesicht von Greta Thunberg auf ihren (wahrscheinlich grünen) Geldscheinen und Staatswappen. 

Surkow schließt ab:

"Ist denn das Jahr 2121 besser als 1984? Ist die Zukunft rosig? Ist sie schön? Es kommt darauf an, wie man es betrachtet. Ist diese Vorhersage klug? Ist sie ernst zu nehmen? Das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist sie lächerlich genug, um wahr zu werden. So wird sie denn auch wahr – quia absurdum."

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