Gesellschaft

"Smarte" Toiletten als großer Trend – Big Data künftig auch am stillen Örtchen

Laut den Erfindern intelligenter Toiletten werden diese bald Teil unseres Alltags, da wir in diesem Bereich quasi noch im 19. Jahrhundert feststecken, während wir vermeintlich wertvolle Daten geradezu wegwerfen. Demnach geht es um die Gesundheit – und wohl auch um einen Markt.
"Smarte" Toiletten als großer Trend – Big Data künftig auch am stillen ÖrtchenQuelle: www.globallookpress.com © CHROMORANGE / Bilderbox/ global look press

Saugstark, reißfest, blütenweiß, mit Prägung, duftveredelt und mehrlagig – so manches Toilettenpapier hat es in sich, erscheint innovativ, und eine bewährte deutsche Marke hat sogar bereits vermeintlich "smartes" Toilettenpapier auf den Markt gebracht. Auch das stille Örtchen an sich erscheint in unterschiedlichsten Designs, mit ledernem oder beheiztem Sitz oder auch automatisierter Spülung. Etwas ganz anderes haben seit einiger Zeit findige Forscher und Unternehmer im Sinn, laut denen es hier vielmehr bisher ungenutztes Potenzial für Gesundheitsdaten gibt.

Denn Urin und Fäkalien sind datenreiche und leicht verfügbare Proben, die bisher nicht ausreichend genutzt werden, meint das Duke Smart Toilet Lab in Durham (North Carolina), das sich nach eigenen Angaben den Möglichkeiten widmet, die diese Ausscheidungen bieten. Natürlich nur mit dem Ziel, Menschen in die Lage zu versetzen, "ihr eigenes Wohlbefinden zu steuern". Dazu müsse das, was das Programm als "Hindernis" bezeichnet – eine gewisse Abneigung gegen diese Form des Datensammelns –, überwunden werden, sodass die Toilette als alternatives Probenentnahmegerät genutzt wird, statt all diese wertvollen Daten buchstäblich den Abfluss hinunterzuspülen.

Toilette nachrüsten – im Sinne des vermeintlich "intelligenten Haushalts"

Schon auf der Digestive Disease Week 2021, einer (in diesem Jahr virtuellen) Zusammenkunft von Fachleuten aus der Gastroenterologie und damit verwandten Bereichen, präsentierten die Gastroenterologin Deborah Fisher und die Ingenieursprofessorin Sonia Grego von der Duke University, wie mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Toiletten Stuhlproben auf Anzeichen von akuten oder chronischen Magen-Darm-Erkrankungen analysieren können.

Die gegenüber der Presse in diesem oder ähnlichen Wortlaut wiederholte Argumentation von Dr. Grego, außerordentliche Forschungsprofessorin in Duke und Gründungsdirektorin des Duke Smart Toilet Lab, unterstreicht neben den Möglichkeiten der Krankheitserkennung, dass das stille Örtchen bisher allzu lange hinter der in allen anderen Lebensbereichen fortschreitenden Modernisierungen zurückbleibt:

"Die Toilette mit Wasserspülung ist das einzige technische Gerät im Haushalt, das sich nicht grundlegend verändert hat, seit es für die breite Bevölkerung erschwinglich wurde und Ende des 19. Jahrhunderts Einzug in die Haushalte erhielt", sagte Grego der Fachzeitung Gastroenterology & Endoscopy News. Auch gegenüber der britischen Zeitung The Guardian stellt Grego das stille Örtchen in seiner heutigen Form als besonders rückständig dar:

"Alle anderen Aspekte unseres Lebens – unsere Elektrizität, unsere Kommunikation, sogar unsere Türklingel – haben verbesserte Funktionen."

Die intelligente Toilette, die Grego zusammen mit Brian Stoner und Geoff Ginsburg über das in diesem Jahr gegründete Unternehmen Coprata Inc. auf den Markt bringt, analysiert Stuhlproben und sendet die Daten an eine App. Nach Gregos Ansicht können auf diesem Weg neben vielen anderen chronischen Krankheiten auch "Informationen über Krebs" erkennbar werden. Wie Coprata betont Grego, dass es während dem, was ganz normal ist für die Menschen – dem Toilettengang –, die Technologie aus den Biomarkern im Stuhl eine Früherkennung durchführt, was in ihren Augen die Nutzer beruhigen würde.

Doch längerfristig sehen die Erfinder ihr Produkt sogar als Ernährungsberater, der den Lebensstil kommentiert. Die intelligente Toilette könnte dem Nutzer beispielsweise zu bestimmten Nährstoffen raten und von anderen Lebensmitteln abraten. Ganz im Sinne der personalisierten Ernährungsberatung, jedoch gewissermaßen vom anderen Ende.

Datensammelndes Klo – vom Gesundheits- zum Lifestyle-Produkt

Urin hält ebenfalls einen reichhaltigen Informationss(ch)atz bereit:

"Es stellt sich heraus, dass man Verbindungen nachweisen kann, die diagnostisch für Sport sind [zeigen, dass man Sport getrieben hat]; man kann sehen, wann ein rezeptfreies Medikament in den Körper gelangt und wieder verschwindet; man kann Moleküle erkennen, die damit korrelieren, wie gut man geschlafen hat, wie viel Fett man gegessen hat, wie hoch die Kalorienzufuhr war", erklärt der Professor für Chemie und Biochemie an der Universität von Wisconsin-Madison Joshua Coon.

Auch bei der "Consumer Electronics Show" wurden Produkte wie eine Wellness-Toilette vorgestellt, die bis zu einem gewissen Grad den Gesundheits- und auch den Gemütszustand messen soll. Forscher an der Stanford School of Medicine haben eine Technologie erarbeitet, die Fäkalien und verschiedene Eigenschaften von Urin analysieren kann. Zusammen mit dem koreanischen Toilettenhersteller Izen arbeiten sie an einem Prototypen. Izen hat einen Scanner entwickelt, wie es im Guardian heißt, der anhand der physischen Merkmale die Person erkennen kann, was anhand der "charakteristischen Merkmale ihrer Anoderm" (der Haut des Analkanals) geschieht, statt eines Fingerabdrucks ein Analabdruck.

Auch Vik Kashyap arbeitet mit der Firma Toi Labs seit Langem an einer smarten Toilette und meint, die Zeit dafür sei reif. Nicht nur messen Menschen ihre Gesundheitsdaten bereits anhand von Geräten wie der Apple Watch, auch gebe es mehr Offenheit sogar für Infos zur Gesundheit unseres größten Organs, das auch schon mal als zweites Gehirn bezeichnet wird.

Laut Kashyap hat auch die COVID-19-Pandemie den Weg weiter geebnet, was er in dem Ansturm auf die Klopapierrollen gesehen habe, da die Menschen insbesondere zum Thema Toilettenpapier in Panik gerieten, während die Labors das Abwasser untersuchten, um das Virus aufzuspüren. "Und schließlich sind die Kosten für die Bereitstellung von sensorbasierten Systemen für das Internet der Dinge zu Hause erheblich gesunken. Produkte wie Alexa haben sich etabliert, und die Menschen beginnen zu begreifen, dass sich ihr Zuhause mit der Zeit weiterentwickeln wird", so Kashyap.

Überwachungszuhause bis in den letzten Winkel

Seine Firma arbeitet an einem Toilettensitz, TrueLoo, der auf einer vorhandenen Toilette aufgesetzt werden kann und den Benutzer anhand seines Smartphones oder einer Kombination physiologischer Parameter wie etwa Gewicht oder Sitzweise erkennt und dann die Ausscheidungen mit optischen Methoden analysiert. Während dies derzeit insbesondere für ältere Nutzer interessant sei, sieht er es als eine Art Gebrauchsartikel, den sich jeder zulegen kann, der eine Toilette hat.

Dass es sich hier aber um eine besondere Privatsphäre handelt, aus der nicht jeder Toilettennutzer Daten sammeln, analysieren und übertragen lassen möchte, hinterfragen die Erfinder der smarten Toiletten offenbar weniger als externe Beobachter. So stellt beispielsweise der Professor für Computerwissenschaften und Cybersecurity Eerke Boiten von der De Montfort University in Leicester die bisher unerwähnten Fragen: "Welche Art von Organisation hat diese Daten? Mit wem wird sie Daten teilen? Mit welchen Daten werden sie kombiniert? Werden wir Transparenz darüber haben, wohin die Daten gehen? Dies ist ein Bereich, in dem wir nicht einmal die Risiken vollständig kennen. Wir brauchen hier umfangreiche Untersuchungen."

Auch Phil Booth von der Organisation MedConfidential, die sich für die Vertraulichkeit medizinischer Daten einsetzt, warnt im Guardian davor, dass solche Daten dann an Firmen gelangen: "Man kann diesem bestimmten Unternehmen vertrauen, aber jedes Unternehmen kann von Google oder Facebook oder Amazon gekauft werden. Dann wird das, was ich für meine eigene Gesundheitsüberwachung hielt, zum Futter für Geschäftsmodelle, von denen ich wirklich nichts weiß." Beispielsweise hätten die Menschen sich Fitbits zugelegt und diesen Daten anvertraut, dann wurde das Unternehmen von Google aufgekauft, und schon wurden zahlreiche wertvolle und sensible "Daten von einem Unternehmen übernommen, das andere Ziele verfolgt". Nicht nur Google hat seit einiger Zeit ein Auge auf den Multimilliarden-Dollar-Gesundheitsmarkt geworfen und versucht, die Vorherrschaft im Bereich der Gesundheitsdaten zu erlangen, doch ist der Konzern für andere Unternehmungen bekannt, die auf Daten aufbauen. Auch ist der berüchtigte Konzern Palantir offenbar auf dem besten Weg, sich Gesundheitsdaten anzueignen.

Booth warnt davor, das ganze rosig oder als Spielerei zu sehen, denn was sich so modern "smart home" oder "intelligentes Zuhause" nennt, sei in der Tat ein Überwachungszuhause, bei dem unklar bleibt, welche Daten auf welche Art von den Unternehmen verwendet werden.

"Sobald man beginnt, etwas zu messen, das den Körper betrifft, wird die Grenze zur Privatsphäre überschritten", warnt Booth.

Weitergedacht könnten Sicherheitsbehörden, Versicherungen, Eltern oder Arbeitgeber höchst sensible Daten erhalten, die im schlechtesten Fall sogar ein falsches Bild zeichnen, weil Technik und Datenanalyse von Menschen eben nur Punkte und Linien verbinden, dabei aber nicht unbedingt die richtigen Schlüsse ziehen. Ist jemand, der nachts die Toilette nutzt, wirklich von Schlaflosigkeit und damit gleich von Depression geplagt?  Sind solche Arbeitnehmer oder jene, die bestimmte Medikamente eingenommen haben, wirklich längerfristig unproduktiv oder gar von der Berufsunfähigkeit bedroht? Sollten Behörden oder ambitionierte Konzerne, die für science-fiction-artige Projekte nach privaten Daten hungern oder mit diesen handeln, es unbedingt erfahren, wenn Menschen eine womöglich temporäre Verdauungsprobleme haben oder Stress empfinden?

Der Entwickler Kashyap sieht die Risiken nicht als solche, zumal, auch wenn er ein Lifestyle-Produkt entwickeln möchte, ja bereits andere Gesundheitsdaten längst digitalisiert wurden, aber ausreichend geschützt seien: "So, wie ich das sehe, ist das im Grunde ein Teil Ihrer Krankenakte. Dies fiele wahrscheinlich in die gleiche Risikokategorie – und zumindest in den USA gibt es eine Menge Schutz für medizinische Daten."

Gerade medizinische Daten sollten besonderem Schutz unterliegen, jedoch zeigt die Erfahrung, dass dies nicht unbedingt gegeben ist.

Das auf Datensicherheit und Virenschutz spezialisierte Unternehmen Kaspersky Lab jedenfalls verweist im Hinblick auf Produkte wie Smart-Watches oder andere Wearables, die Quantified-self- oder IoT-Enthusiasten gern mal unkritisch nutzen, auf Risiken wie Sicherheitslücken oder auch die Weitergabe tonnenweise personalisierter Informationen an Dritte, darauf basierende Werbeprofile und unsichere Übertragungswege.

Dass bereits jetzt die Nutzung von mittlerweile ganz alltäglichen Technologien ein sehr detailliertes Profil einer Person samt Vorlieben, Schwächen, Alltagsroutinen und emotionalen Zuständen zeichnen kann, hat unter anderem das Kunstprojekt Made to Measure eindrücklich dargestellt, indem eine Schauspielerin anhand der Google-Daten einer Person deren Leben nachspielen konnte und diese offenbar stark verblüffte, wobei jedoch nicht sicher ist, welche Übereinstimmungen mit der Realität dies auslösen oder wo die Daten ihren eigenen Weg beim Nachzeichnen eines Lebens gegangen sind.

Wie Emine Saner im Guardian schreibt, müssen sehr viele Menschen sich die Fragen um die datensammelnden Toiletten nicht stellen, allerdings aus weniger erfreulichen Gründen als persönlicher Präferenz: 3,6 Milliarden Menschen – fast die Hälfte der Weltbevölkerung – haben keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen oder einer Toilette, nicht einmal einer auf dem vermeintlich rückständigen Niveau des 19. Jahrhunderts.

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