Gesellschaft

"Dimensionen eines Verbrechens": Ausstellung zu sowjetischen Kriegsgefangenen im Museum Karlshorst

Zum 80. Mal jährt sich dieses Jahr der Überfall auf die Sowjetunion. Daher gestaltete das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst eine Sonderausstellung, die ab dem 18. Juni zu sehen ist. Damit werden erstmals die sowjetischen Kriegsgefangenen in den Fokus gerückt.
Autor: RT DE

Historischer Hintergrund: Die vergessene Opfergruppe

Im Krieg gegen die Sowjetunion ab dem 22. Juni 1941 war es das erklärte Ziel Hitlers, die als "minderwertig" deklarierte Bevölkerung radikal zu dezimieren und zu unterwerfen, um "Lebensraum im Osten" für das deutsche Volk zu gewinnen.

Im Rahmen des sogenannten Russlandfeldzugs der Nationalsozialisten starben insgesamt 27 Millionen sowjetische Menschen, mehr als 14 Millionen davon Zivilisten. Die Kriegsgefangenen machen mit über drei Millionen Toten eine der größten Opfergruppen aus, die dennoch bislang nur wenig Aufmerksamkeit erhielt. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

Jörg Morré, Direktor des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, sieht einen Grund darin, dass sich das Leid dieser Menschen überwiegend außerhalb Deutschlands abgespielt hat und so nur wenig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen ist. Hinzu kommt aber auch der Kalte Krieg als ein hindernder Faktor bei der historischen Aufarbeitung. "Es war so eine terra incognita", sagt Morré. "Man ist da nicht hingefahren, man wollte mit der Sowjetunion nichts zu tun haben, man konnte kein Russisch, die Archive waren zu – das ist jetzt 30 Jahre her. Es ist viel passiert, aber immer noch zu wenig, um es in einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln."

"Dimensionen eines Verbrechens": Die Ausstellung

Die Ausstellung ist zwar – coronabedingt – als Freilichtausstellung angelegt, sie kann jedoch nach der Pandemie, wenn sie auf Wanderschaft geht, auch in Innenräumen ausgestellt werden. Dem Thema sowjetische Kriegsgefangene nähert sich die Ausstellung aus drei verschiedenen Perspektiven. Zum einen wird thematisch mit Dokumenten, Fotografien und Zitaten in das Feld eingeführt. Zum anderen kann man sich dem Thema jedoch auch über die Biografien der Opfer sowie über eine Karte nähern, die die statistische Dimension der deutschen Kriegsverbrechen an den sowjetischen Kriegsgefangenen plastisch greifbar macht. All dies soll möglichst viele Perspektiven auf das Thema ermöglichen. Besonders das Arbeiten entlang biografischer Geschichten sei wichtig, so Museumsdirektor Morré: "Wir versuchen jetzt eben auch bewusst, Geschichten zu erzählen – Individualgeschichten –, weil das meistens ein gutes Mittel ist, um entlang einer Person, entlang eines Lebensweges etwas zu verdeutlichen, um dann zu sagen: Was diesem Menschen widerfahren ist, ist noch Millionen Menschen widerfahren."

Gemeinsames Wachhalten der Erinnerung

Gerade auch in Zeiten politischer Spannungen ist es besonders wichtig, die Erinnerung an die Geschichte wachzuhalten. Auch der Botschafter der Russischen Föderation Sergei Netschajew betonte, dass die Erinnerung an die grausamen Verbrechen der Wehrmacht wachgehalten werden müsse – und dass es ein wichtiges und positives Zeichen sei, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu dieser wichtigen gemeinsamen Gedenkveranstaltung erschienen sei. Zudem dankte der Botschafter Steinmeier für seine einfühlsamen Worte.

Teil einer gemeinsamen Erinnerungskultur muss aber auch sein, die Geschichte so objektiv wie möglich zu betrachten. Dies betonte auch Netschajew: "Wir sind, wie Sie wissen, gegen die Fälschung der Geschichte. Wir möchten das [Erinnern, Anm. d. Red.] objektiv und wahrheitsgetreu aufrechterhalten, ohne jegliche Versuche, das irgendwie so auszulegen, dass man versucht, die Verantwortung zwischen der Sowjetunion und dem Nazi-Regime aufzuteilen oder andere Dinge, die wir niemals akzeptieren werden."

Doch nicht nur für die politische Ebene ist es wichtig, die Erinnerung an deutsche Kriegsverbrechen wachzuhalten und auch die Perspektive Russlands und der Staaten der ehemaligen Sowjetunion einzubeziehen. Auch für die Völkerverständigung ist diese gemeinsame Erinnerungskultur wichtig.

"Wir sind vollständig darauf ausgerichtet, die Völkerverständigung zu suchen. Wir haben mit den Deutschen nach dem Kriege einen steinigen, schweren, aber trotzdem einen großen Weg zurückgelegt zu unserer historischen Aussöhnung", so Netschajew. "Wir bleiben weiterhin dran, die gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten. Dafür haben wir entsprechende deutsch-russische Projekte."

Für Aufmerksamkeit hatte im Vorfeld der Gedenkveranstaltung der Boykott des ukrainischen Botschafters Andrei Melnik gesorgt. Er hatte beklagt, dass die Veranstaltung im Deutsch-Russischen Museum stattfinde. Kritisch bewertete Melnik, dass das Museum nur Russland im Namen führe und nicht die Namen weiterer Sowjetrepubliken – darunter die Ukraine. Dies führe zu einer Gleichsetzung der UdSSR mit Russland. Museumsdirektor Morré bedauerte die Absage.

Das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst

Die Geschichte des im Jahr 1995 eröffneten Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst reicht bis in die 1960er-Jahre zurück. Die Trägerschaft des Museums liegt in den Händen von Institutionen aus vier Nationen: Deutschland, Russland, Weißrussland und der Ukraine. Auch historisch ist der Ort bedeutsam: Hier wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterzeichnet.

Neben der aktuellen Sonderausstellung zu sowjetischen Kriegsgefangenen gibt es auch eine Dauerausstellung, in deren Fokus der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion steht. Das Besondere daran: Auch die sowjetische Perspektive wird gezeigt. Weiter wird der militärische Sieg über Deutschland durch die Anti-Hitler-Koalition thematisiert.

"Zu guter Letzt zeigen wir eine ganze Menge über Erinnerungskultur", erklärt Museumsdirektor Morré. "Dieses Haus besteht seit 1967. Diese Zeitschichten unterschiedlicher musealer Gestaltung können hier alle nachverfolgt werden, und wir vermitteln das auch dem Publikum, welche erinnerungskulturellen Konzepte dahinterstehen – und können, wenn es gewollt wird, bis in die Jetztzeit gehen."

Die Wanderausstellung "Dimensionen eines Verbrechens" ist noch bis zum 3. Oktober 2021 zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos, geöffnet ist sie von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.    

Mehr zum Thema - Die Linke fordert Gedenkstunde im Bundestag zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion

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