Gesellschaft

Wissenschaftler gründen Plattform zur offenen Diskussion der Corona-Strategie

Weil ihnen ein ergebnisoffener Diskurs zur Corona-Strategie in Deutschland fehlt, gründeten einige Wissenschaftler eine Online-Plattform. Sie entwerfen einen Plan zur Beendigung der Pandemie und warnen: "Wir müssen uns auf ein Leben mit dem Virus einstellen."
Wissenschaftler gründen Plattform zur offenen Diskussion der Corona-StrategieQuelle: www.globallookpress.com © Christian Ohde via www.imago-images.de

Eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Medizinprofessor Matthias Schrappe (Forschungsschwerpunkte: Patientensicherheit und Qualitätsmanagement) und den Medizinstatistiker Prof. Gerd Antes hat eine neue Online-Plattform mit dem Namen Coronastrategie gegründet, auf der sie nach Angaben des Online-Portals 2020news "eine neue, evidenzbasierte, auf die Minimierung von Kollateralschäden zielende Pandemiestrategie diskutieren" wollen.

Die Gruppe kritisiert, dass bislang öffentliche Besprechungen zur Strategie im Umgang mit der Pandemie "nur mit einzelnen Wissenschaftlern aus Spezialdisziplinen" geführt werden – "wesentliche Bereiche" der Gesellschaft seien "nicht vertreten". Generell existiere "zu wenig oder kein Platz für den wissenschaftlichen Diskurs im Vorfeld der Entscheidungsfindung".

"Es herrscht der Eindruck, dass Positionen, die nicht zum fest geprägten Standpunkt der Entscheidungsträger passen, nicht berücksichtigt werden, auch wenn sie die Entscheidungsfindung schärfen und die Suche nach der besten Lösung befördern können. Ein offener Diskurs mit allen wesentlichen Fachbereichen ist aber entscheidend zur Überwindung der Krise."

Die Wissenschaftler formulieren in ihrem Grundsatzstatement, dass ein "unabhängiges Expertengremium" fehle, das "Risikoeinschätzungen für die Bundesregierung" für die Bundesregierung vornehmen könne. Konkret komme es jetzt zum Beispiel darauf an, "den Beitrag von bestimmten Lebensbereichen für Infektionen von Risikopersonen und in stationären Einrichtungen zu evaluieren". Priorität hätten dabei "Kitas, Grundschulen und der Einzelhandel".

Schrappe bezog in der Vergangenheit mehrfach in kritischer Weise Stellung zur Strategie der Bundesregierung bei der Pandemiebekämpfung. Dem ZDF sagte er im November 2020, dass die RKI-Zahlen mit Blick auf die Erarbeitung einer seriösen Strategie nichts wert seien:

"Es werden Grundrechte eingeschränkt, ohne dass wir eigentlich genau verwertbare Zahlen haben, und ich halte das als Wissenschaftler, aber, ich sage es offen, auch als Bürger, für ein Unding, dass wir ohne eine feste Zahlenbasis zu solchen Einschränkungen schreiten."

Die Forderung: Ein Stufenplan zur Beendigung der Pandemie

Die Gruppe fordert nun die Erarbeitung eines "elastischen und transparenten Stufenplanes", der "Deutschland ohne stetig neue Grundsatzdiskussionen bis zum Pandemieende bringt". Als "entscheidende Erfolgskriterien zur Abbildung der Pandemiesituation" werden formuliert:

  • R-Wert-Trend
  • risikogruppenspezifische Inzidenzen
  • Belastung des Gesundheitssystems
  • Belegung der Intensivstationen
  • Sterbefälle

Deutlich positionieren sich die Wissenschaftler gegen die Überbetonung der Sieben-Tage-Melderate: Diese reiche als alleiniger Faktor "zur gesundheitlichen und epidemiologischen Bewertung der Pandemiestufen" nicht aus. Als Grundlage müsse gelten:

"Die Maßnahmen der Pandemiepläne müssen in allen Stufen durchhaltbar und tragfähig für die Gesellschaft sein. Die Politik muss daher einen Prozess des wissenschaftlichen und politischen Diskurses darüber initiieren, welcher Zielkorridor/welche Pandemiestufe durchhaltbar angestrebt werden soll."

Die Gruppe fordert eine ergebnisoffene Bewertung der Kollateralschäden des Lockdowns – insbesondere auch durch die Schließung von Kitas und Schulen. Man müsse beachten, dass Schulen und Kitas "für Kinder und Jugendliche systemrelevant" seien. Eine Einschränkung der Grundrechte von Kindern und Jugendlichen, "die ihnen fremdnützig auferlegt wird, bedarf einer strengen ethischen Abwägung und wissenschaftlich konkret belegbaren Rechtfertigung".

Zu beachten sei ferner, dass Kinder zwar am Corona-Infektionsgeschehen teilnehmen, "aber selbst keine Treiber der Pandemie" seien:

"Die Effektivität von Kita- und Schulschließungen zur Senkung von mit SARS-CoV-2 assoziierten Todesfällen in den Risikogruppen der Alten und Pflegebedürftigen ist in der Literatur nicht belegbar."

"Wie endet die Pandemie?"

Auf ihrer Website formulieren die Wissenschaftler die Frage: "Wie endet die Pandemie?" Sie geben darauf die Antwort, dass "der biologische Ausgang des Naturereignisses SARS-CoV-2-Pandemie" vorhersagbar sei: "Die Pandemie wird aufhören, wenn die meisten Menschen immun geworden sind." Das sei aber noch nicht das Ende der Geschichte des Coronavirus:

"Nach der Pandemie kommt die Endemie: für Deutschland gegen Anfang 2022. Das Virus zirkuliert auf niedrigem Niveau weiter mit Winterspitzen in der nördlichen und südlichen Hemisphäre. Das bleibt so, weil das Virus weltweit immer wieder empfängliche Menschen finden wird."

Die Wissenschaftler berechnen, dass bei weltweit jährlich 100 Millionen geborenen Kindern sich die "allermeisten bis zum Alter von ca. 14 Jahren infizieren" und "in der überwältigenden Anzahl" eine "milde oder asymptomatische Erkrankung" haben werden. Davon werde ihnen für eine gewisse Zeit ein Antikörperschutz erhalten bleiben. Bei einer möglichen Reinfektion im Erwachsenenalter werden sie "nur in sehr seltenen Fällen mehr als eine Erkältungserkrankung erleiden".

"Auf dem Weg zum Pandemieende und während der Endemie danach können wir SARS-CoV-2 nicht ausrotten. Genau wie bei anderen Virusinfektionen wie z. B. Mumps, Röteln, Influenza und der Vielzahl von Schnupfenviren müssen wir uns auf ein Leben mit dem Virus einstellen."

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