Europa

USA bald ohne Stützpunkt in der Türkei? Erdoğan droht mit Rausschmiss

Die nach dem US-Präsidenten Harry Truman benannte Truman-Doktrin bildete die Basis für die Neuausrichtung der US-Außenpolitik und führte unmittelbar zur Gründung der NATO. Der Türkei fiel dabei eine zentrale Rolle zu. Doch die Entfremdung zwischen Washington und Ankara nimmt weiter zu.
USA bald ohne Stützpunkt in der Türkei? Erdoğan droht mit RausschmissQuelle: www.globallookpress.com © Depo Photos/ZUMAPRESS.com

Harry Truman wollte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem nahtlosen Ausbruch des Kalten Krieges sicherstellen, dass Griechenland und die Türkei nicht unter den Einfluss der Sowjetunion fallen. Vordergründig ging es darum, den Kommunismus einzudämmen. Doch auch geostrategisches Kalkül lag der Entscheidung zugrunde, beiden Ländern finanziell und notfalls auch militärisch beizustehen. Insbesondere die Türkei, die als letzte Instanz darüber wachen konnte, wer in das Schwarze Meer ein- und ausfahren konnte, war von unschätzbarem Wert für Washington.

Dieser Wert bestätigte sich später auch in der Erstellung von geheimen Horchposten im Osten des Landes, um die Sowjetunion, aber auch Länder wie den Iran, den Irak oder Syrien auszuspionieren. Daran änderte sich auch mit der Auflösung der Sowjetunion nichts, der strategische Wert der Türkei blieb bestehen.

Die Vorgänge seit dem versuchten Putsch gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Jahr 2016 erzeugen immer stärkere Fliehkräfte, die die Truman-Doktrin zu einem Relikt des Kalten Krieges zurücklassen könnte. Die Anerkennung des Genozids an den Armeniern durch beide Kammern des US-Kongresses ist ein weiterer Tiefschlag in der Beziehung zwischen Washington und Ankara. Die Frage, die sich langsam aufdrängt, ist die: Wie viele solcher Tiefschläge in vergleichsweise kurzer Zeit hält diese Beziehung aus?

Glaubt man den letzten Drohungen von Präsident Erdoğan, scheint diese Grenze immer näher zu kommen. Sollten die USA Ankara aufgrund des Kaufs des russischen S-400 Luftabwehrsystems mit Sanktionen belegen, dann "werden wir das natürlich vergelten", sagte er am Sonntag.

Wir werden, wenn nötig, İncirlik schließen.  

Obwohl der Luftwaffenstützpunkt İncirlik der türkischen Armee gehört, wird er aber hauptsächlich von der US Air Force betrieben. Von hier aus starten zahlreiche Kampfjets in Richtung Syrien und Irak, um im Rahmen der Anti-IS-Koalition Angriffe durchzuführen. Zwar verfügen die USA über weitere Stützpunkte in der Region – insbesondere in den arabischen Golfmonarchien – aber keines dieser Länder ist ein NATO-Mitglied.

Wie im rheinland-pfälzischen Fliegerhorst Büchel lagern in İncirlik rund 50 US-amerikanische thermonukleare B-61 Bomben (etwa 20 sollen es in Büchel sein). Sollte die Türkei tatsächlich den Stützpunkt für die USA schließen, müssten auch die Atombomben weg. Damit würde die NATO nebst Italien den wichtigsten Partner im Programm der "nuklearen Teilhabe" verlieren. Doch für Erdoğan wäre hier noch nicht Schluss. Nebst dem Luftwaffenstützpunkt hat er auch die Schließung der von den USA installierten Kürecik-Radarstation in der Provinz Malatya ins Spiel gebracht, die als Frühwarnsystem für die NATO-Raketenabwehr eine strategische Rolle spielt.

Mit der Androhung der Schließung von İncirlik und Kürecik hat der türkische Präsident enormes Gewicht in die Waagschale mit Washington geworfen. Es ist nicht davon auszugehen, dass er tatsächlich einen Bruch mit den USA oder der NATO anstrebt. Aber die Innenpolitik in beiden Ländern könnte dazu führen, dass die Präsidenten ihren Worten auch Taten folgen lassen könnten.

Vergangene Woche gab einen kleinen Ausblick in die möglichen Konsequenzen eines solchen türkischen Schritts. Aufgrund des umstrittenen Abkommens zwischen der Türkei und Libyen, welches einen Großteil des östlichen Mittelmeeres zum türkischen Festlandsockel erklärt, führten Frankreich, Italien und Zypern ein Militärmanöver mit Kanonenbooten südlich der Insel durch. Damit signalisierten sie Ankara, dass die türkischen Bohrungen nach Gas in diesem Gebiet nicht länger stillschweigend hingenommen werden. Zuletzt erklärte Athen, sich direkt an die NATO wenden zu wollen, nachdem sich die EU bislang zu keinen weiteren Maßnahmen als der leeren Verurteilung durchringen konnte.

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