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Wie in der verwüsteten Stadt Mariupol langsam wieder Ruhe einkehrt – eine Reportage

Die strategisch wichtige Hafenstadt kehrt langsam zum normalen Leben zurück, nachdem die letzten ukrainischen Streitkräfte kapituliert haben. "Rückkehr zum Frieden" mag klischeehaft klingen, aber es ist auch die einfachste Art, die Dinge in Mariupol zu beschreiben.
Wie in der verwüsteten Stadt Mariupol langsam wieder Ruhe einkehrt – eine ReportageQuelle: AFP © Stringer/AFP

Ein Bericht von Alexandra Wigreiser

Bereits im April, als es in Mariupol allmählich ruhiger wurde, war das Auftauchen von Straßenhändler und die Eröffnung von Geldwechselstuben, das erste Anzeichen für eine Rückkehr zur Normalität. Humanitäre Hilfe war eingetroffen, die Menschen verkauften nicht benötigte Dinge, um sich mit dem Nötigsten einzudecken.

Bald öffneten die Märkte, und die ersten Waren wurden importiert. Am Ende des Monats Mai blühte der Flieder, und kaum eine Woche später hatten junge Männer bereits alle greifbaren Zweige für Blumensträuße abgebrochen. Ihre strahlenden Freundinnen nahmen die Blumen freudig entgegen und die jungen Männer in ihre Arme. Von Tag zu Tag konnte man auf den Straßen mehr und mehr junge Paare sehen, die trotz des Kanonendonners aus der Ferne zwischen zerstörten Gebäuden spazieren gingen. Als Wasser wieder zunehmend zur Verfügung stand, wuschen die Mädchen ihre Haare, die sie zuvor unter Kopftüchern und Hüten versteckt hatten, ihre Kleidung wurde erst deutlich sauberer und dann auch zunehmend stilvoller.

Noch im April war jeder, der durch die Straßen von Mariupol ging, mit irgendetwas beschäftigt – entweder zog man einen mit Fünf-Liter-Wasserkanister beladenen Karren oder reihte sich, mit einem Rucksack bewaffnet, in eine Warteschlange, um diesen mit humanitärer Hilfe zu füllen.

Die Menschen waren damals ständig beschäftigt und auf irgendetwas fokussiert. Doch mit der Zeit gab es immer mehr Menschen, die einfach nur spazieren gingen, und dann, am 9. Mai, am Tag des Sieges im Zweiten Weltkriegs, strömten Kinder auf die Straßen, rannten schwatzend und spielend herum, winkten vorbeifahrenden Militärfahrzeugen zu und kreischten vor Freude, wenn sie ein Hupen als Antwort bekamen.

Sie näherten sich den im Straßenbild zahlreich gegenwärtigen Kämpfern, nicht um etwas von ihnen zu erbetteln, sondern nur, um mit ihnen zu plaudern. Als dann die Bürgersteige nach und nach geräumt waren, holten die Kinder ihre Fahrräder und Roller hervor. In der Ferne grollte der Kanonendonner zwar noch – Artillerie und Luftwaffen waren am Asow-Stahlwerk, der letzten ukrainischen Hochburg in der Stadt, noch im Einsatz, und in der Nähe des Werks wurde noch immer gekämpft.

Der Rauch und der Staub der Schlachten und der Brände legte sich allmählich – er war grauschwarz und ölig, schien alles zu durchdringen und klebte an der Haut und an der Kleidung, die dann so richtig nach Ruß roch. Doch mit den ersten Tagen des Mai begann auch dieser Geruch allmählich zu verschwinden.

Noch bis vor Kurzem, als sich nach Sonnenuntergang jeweils die Dunkelheit über die Stadt legte, schien der Himmel darüber der hellste der Welt zu sein – funkelnder als jeder Himmel, der über den südlichen Meeren warmer Länder hängt und die man aus den Büchern seiner Kindheit kennt. "Man kann sogar die Milchstraße sehen", sagte ein stellvertretender Kommandant zu mir und zeigte nach oben. Und tatsächlich, sie war wirklich sichtbar und mit Sternen, wie funkelnde Lichter in einem Kronleuchter.

Als vor etwas mehr als einer Woche in manchen Häusern der Strom wieder angeschlossen wurde, verschwand dieser Himmel umgehend hinter dem Licht aus den Fenstern. Die Sterne wichen wieder den künstlichen Lichtern, von denen jedes ein menschliches Leben beleuchtete. Niemand beachtete die militärisch angeordnete Verdunkelung, und ich wollte in die Fenster spähen, um zu sehen, wie die Menschen leben, zu Abend aßen, redeten und stritten.

Aber auch Streit ist hier ein Zeichen der Veränderung. Die Krankenschwestern in einem Krankenhaus, das ich besuchte, erzählten mir, dass während der Kämpfe alle zusammengehalten und versucht hatten, ihre Nachbarn oder das Personal nicht zu belasten, sich still verhalten und sich selten über irgendetwas beschwert hatten. Ich fand nur noch Anklänge davon. Mit jedem Tag verhielten sich die Menschen mehr und mehr "wie Menschen" – sie waren wütend, launisch, fordernd, streitsüchtig und gereizt.

Die Gespräche wurden immer alltäglicher – Chirurgen, die gerade die Wunde eines Patienten nähten, besprachen den Fahrplan eines kürzlich eingeführten Busdienstes, während Krankenschwestern im Raucherzimmer über die Milchpreise diskutierten. Ein durch Granatsplitter verwundeter Patient, der auf der Suche nach Brennholz in einen Stolperdraht getreten war, schien wütender über die schmerzhaften Injektionen zu sein, die man ihm verabreichte, als über jene Menschen, die diese Sprengfalle aufgestellt hatten. Vor wenigen Tagen legten die letzten Ukrainer, die sich im Asow-Stahl verschanzt hatten, ihre Waffen nieder und ergaben sich. In der Stadt wurde es still, und durch diese Stille lebte auch das gewöhnliche Stadtleben wieder auf.

Heute hörte ich in Mariupol zum ersten Mal Musik. Ein bekannter Kompaniekommandant fuhr vorbei, aus den offenen – und teilweise fehlenden – Fenstern seines Autos erklang die bekannte russische Rockband Tschisch & Co: "Ich möchte so sehr leben, Jungs, aber keine Kraft, um rauszukommen." Aus einem zivilen Renault, der ebenfalls arg verschrammt war, sang eine andere russische Rockband und versprach: "Es kommen bessere Zeiten."

Passanten unterhielten sich, ein älterer Mann schimpfte lautstark mit einem Dackel, der auf einen Müllhaufen geklettert war. In den Wohnungen eines fast intakten Hochhauses wurde mit Geschirr geklappert, telefoniert und gelacht. Hinter einem Fenster, aus dem Glasscherben hingen, spielte jemand auf einem Klavier "Duftende weiße Akazien", in der Ferne blühte eine Akazie, und daneben standen zwei aus einem Lattenzaun gefertigte Kreuze, die zwei Gräber markierten, aus denen stechender Leichengeruch drang.

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Übersetzt aus dem Englischen.

Alexandra Wigreiser ist eine russische Journalistin und befindet sich derzeit in Mariupol.

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