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Junkers im Sturzflug – Wie ein Sechsjähriger die Stalingrader Schlacht und Okkupation überlebte

Vor kurzem jährte sich das Ende der Stalingrader Schlacht zum 79. Mal. Die Tragödie der Stadt spielte sich vor den Augen des damals sechsjährigen Wladislaw Mamontow ab. Seine Mutter und er waren nur knapp dem Tode entkommen. Eine RT-Gesprächsaufzeichnung liefert einen authentischen Blick auf den Kriegsalltag.
Junkers im Sturzflug – Wie ein Sechsjähriger die Stalingrader Schlacht und Okkupation überlebteQuelle: RT

von Wladislaw Sankin

Fast vier Jahre ist es her, dass ich Wladislaw Iwanowitsch Mamontow an einem trüben Aprilabend in seinem Zimmer in der Wolgograder Pädagogischen Universität befragte. Das mehrstündige Gespräch mit dem gastfreundlichen Archäologie-Professor, das mit der feierlichen Öffnung einer Cognac-Flasche endete (er hatte erst kürzlich Geburtstag), war ein Stück lebendige Zeitgeschichte und für mich, einen Wolgograder Geschichtsstudenten der 1990er Jahre, eigentlich unvorstellbar.

Für uns war der Pionier der archäologischen Forschung in Wolgograd schon Anfang der 1990er Jahre eine Größe, seine zahlreichen Bücher zu den Sarmat-Kulturen oder Ausgrabungen in der gesamten Wolga-Don-Region Pflichtlektüre. Doch bis zu jenen Apriltagen des Jahres 2018, als ich mich als Journalist für Dreharbeiten auf den Weg von Berlin nach Wolgograd machte und nach Gesprächspartnern für mein Videoprojekt recherchierte, wusste ich nicht, dass mein legendärer Namensvetter auch noch ein Kind Stalingrads und immer noch in der Veteranen-Szene aktiv ist. Zum Zeitpunkt des Gesprächs, das ich als Teil einer Reportage über Kriegsgedenken in Wolgograd von einem Kameramann aufzeichnen ließ, war Wladislaw Mamontow 82 Jahre alt. Er starb im November 2019, nur wenige Wochen nach der Rückkehr von seiner letzten Expedition.

Die 30-minütige Reportage "Stalingrad und die Deutschen" wurde 270.000 Mal auf YouTube aufgerufen, bis es mit Tausenden weiteren RT DE-Videos zusammen mit den Kanälen "RT Deutsch" und "Der fehlende Part" von der Plattform gelöscht wurde. Ein Stück Zeitgeschichte mit wichtigen und exklusiven Aussagen ging damit verloren.

Die Hitler-Truppen waren wegen des erbitterten Widerstands nicht imstande, Stalingrad komplett einzunehmen, die Front verlief durch Häuser und Straßenzüge. In einem dieser Häuser lebte auch der damals sechsjährige Wladislaw Mamontow. Die Stalingrad-Wende im Zweiten Weltkrieg hatte eine welthistorische Tragweite und jeder, der dieses Ereignis aus nächster Nähe beobachten konnte, ist ein wichtiger Zeitzeuge. Die Berichte von Mamontow strotzen nur so vor kleinen, durch Kinderaugen gesehenen alltäglichen Details.

Deshalb ist es meine journalistische Pflicht, seine außerordentliche Überlebensgeschichte zu Papier zu bringen. Das tue ich auch als Kind einer komplett zerstörten, aber sich nicht ergebenen Stadt, in deren Gedächtnis die Erinnerung an den Krieg aller Kriege für ewig eingebrannt ist.

Zarizyner der ersten Stunde

Wolgograd wurde im Jahr 1589 als Wehranlage gegen südliche Nomadenstämme gegründet und hieß bis zum Jahr 1925 Zarizyn. Der 1936 geborene Wladik Mamontow war damit ein eingeborener Zarizyner, denn seine Familie kam Ende des 19. Jahrhunderts nach Zarizyn – zu jener Zeit, als die Bevölkerung der Stadt in nur vierzig bis fünfzig Jahren von nur wenigen Tausenden auf hunderttausend Einwohner wuchs. Sein Urgroßvater war Schmied, und für den Standort seines Hauses und seiner Schmiede wählte er eine Straße, die direkt nach Moskau führte. Dies sicherte ihm und seinen Nachfahren fortlaufende Aufträge.

Seine Großmutter gebar fünfzehn Kinder. Ihre Schicksale spiegeln die Geschichte Russlands in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wider. So wurde Unteroffizier Mamontow vom Zaren Nikolaus dem Zweiten bei einer feierlichen Osterzeremonie geküsst. Ein Geschenk der Zarenfamilie wurde über Jahrzehnte aufbewahrt. Ein anderer starb als Mitglied einer Revolutionspartei bei der Verteilung von Flugblättern. Angeblich sagte der Wahrsager Grigori Rasputin das tragische Schicksal seines anderen Großonkels im Ersten Weltkrieg voraus. Dieser starb bei einer deutschen Gasattacke. Ein weiterer Verwandter starb während der Wirren des Bürgerkrieges an Typhus. Wladik war damit der einzige Junge in der Großfamilie.

"Unsere Frauen – Mutter, Großmutter und Großtanten – behüteten und retteten mich schließlich."

"Dort lagen meine Freunde"

Wladislaw Mamontow kommt bereits zu Beginn des Gesprächs auf das schrecklichste Ereignis seines Lebens zu sprechen – die Bombardierung am 23. August, bei der schätzungsweise zwischen 40.000 und 90.000 Menschen starben.

"Am Anfang flogen die Jagdflugzeuge über die Stadt und warfen Flugblätter heraus. Ich kann mich sehr gut an diese Flugblätter erinnern. Blutrot mit dunklen Rändern, die deutsche Panzer und Flugzeuge darstellten, und im Zentrum die zerstörte sowjetische Militärtechnik in roter Farbe. Auf der Rückseite stand: 'Ihr seid eingekesselt. Die glorreichen deutschen Truppen werden Eure Stadt einnehmen, ergebt Euch.' Es war verboten, diese Flugblätter zu fangen. Doch die Leute waren neugierig: 'Was haben die da gedruckt?'"

Auch seine Mutter rannte aus dem Haus, um die Flugblätter zu fangen. Man verlor sie aus den Augen. "Plötzlich sahen wir eine erschreckende Anzahl an Flugzeugen, die aus der Richtung des Mamajew-Hügels im Norden der Stadt langsam anflogen. Die Bomber wurden von Jagdflugzeugen begleitet, die unsere Jagdflugzeuge fortjagten. Es ist unwahr, dass die Amerikaner die Teppichbombardements als Erste erfunden haben. Nein, es waren die Deutschen. Sie wussten, dass es bei uns im Zentrum keine Werke der Militärindustrie gab, aber sie bombten alles weg."

"Wir rannten in unser Haus. Ich wurde unter einen Tisch geschubst. Alle bekreuzigten sich und sagten: 'Wir sind schon alt, aber die Kinder sollten am Leben bleiben.' Das Bombardement dauerte mehrere Stunden, alle Fenster waren ausgeschlagen und es war ein übler Geruch nach Brandsätzen zu vernehmen. Als wir herauskamen, habe ich meine Stadt nicht wiedererkannt."

Alle noch verbliebenen Holzbauten am Rande der Stadt brannten. Das Haus Mamontows stand auf einer Anhöhe, und man konnte sich umsehen: Die Öltanks standen in Flammen, die riesigen schwarzen Rauchwolken waberten entlang des Flusses in Richtung Süden.

"Mutter? Wo ist Mutter? Man drehte die Leichen um. Ein Riesengeschrei von allen Seiten. Bombenkrater überall und viele Leichen. Mutter versteckte sich in einem Schützengraben, den Frauen kurz zuvor ausschaufelten. Sie war noch am Leben und kam angerannt. Meine wunderbare Mutter, die ich umarmte! In einem Haus nebenan Volltreffer – die Leichen wurden herausgetragen, elf Leichen. Jemand las ein Sterbegebet vor und vergrub sie in einem Gemeinschaftsgrab. Dort lagen auch meine Freunde, mit denen ich kurz zuvor am Vormittag Krieg gespielt habe."

Rettung im Sammelrohr

"Warum wurden sie nicht evakuiert?", fragte ich Mamontow. Es sei schwierig gewesen. Von allen besetzen Gebieten im Westen und aus dem eingekesselten Leningrad seien Zehntausende Flüchtlinge in die Stadt gekommen. Die Bevölkerung wuchs damit zwischenzeitig bis auf 700.000 (vor dem Krieg betrug die Einwohnerzahl Stalingrads 445.000 – Anm. der Red.). Logistisch sei es sehr schwierig gewesen, so eine große Anzahl von Menschen unter ständigen Bombardements auf die andere Seite des Flusses zu überführen. Unmittelbar vor dem Bombardement am 23. August befanden sich in der Stadt etwa 500.000 Menschen, so Mamontow. Doch einen Fluchtversuch gab es dennoch.

"Nur wenige Tage nach diesem Bombardement hat Mutter mit enormen Schwierigkeiten eine Erlaubnis für die Evakuierung mit der Fähre besorgt. Wir nahmen etwas Korn und trockene Brote mit und verabschiedeten uns von dem Rest der Familie. Wir kamen durch das Zentrum der Stadt zum Ufer, wo der Dampfer stand, der uns auf die andere Flussseite bringen sollte. In diesem Moment sah ich, wie zerstört unsere Stadt war. Wir gingen durch Pfade zwischen den Ruinen hindurch. Schon die Eisenbahngleise zu überqueren war schwer – der Weg war durch zerstörte und zerknitterte Eisenbahnzüge versperrt. Wir gingen am berühmten Barmalei-Brunnen mit den tanzenden Kindern vorbei. Vor dem Krieg habe ich dem Frosch mit dem Wasserstrahl immer meinen Finger in den Mund gelegt." Im Laufe des Gesprächs wird Wladislaw Mamontow immer wieder an die Schönheiten von Stalingrad vor dem Krieg erinnern. Er zeigt mir die Luftaufnahmen der Stadt, Fotos und beschreibt die von der Erdoberfläche verschwundenen Bauten so, als hätte er sie noch gestern gesehen.

"Am Ufer gab es eine Vielzahl an Schwimmdocks, überall waren Tragen mit stöhnenden Verwundeten. Zuerst sollten sie auf unser Schwimmdock geladen werden, erst danach durften wir es betreten. In diesem Moment kamen Junkers-87 angeflogen. Sie flogen im Sturzflug auf uns zu und schalteten diese fürchterliche ohrenbetäubende Sirene an."

Die Rettung fanden sie in einem Sammelrohr am Wasserturm. In diesem Rohr floss noch immer Wasser, aber es war inzwischen wie ein Bombenkeller eingerichtet, mit Bänken von beiden Seiten.

"Wir sollten tiefer hineingehen, um nicht von Bombensplittern getroffen zu werden. Während des Bombardements blieben wir drinnen sitzen. Mehrmals prallten Splitter an der Betonwand des Rohrs ab. Als wir herauskamen, war das Ufer nicht wiederzuerkennen, durch die Bomben war es wie gerodet. Unser Schiff brannte, und man trug die Verwundeten ans Ufer zurück. So sind wir in der Stadt geblieben und warteten, bis die Deutschen kamen. Und sie sind gekommen … "

"Bist du Jude?"

Er erzählte, wie sich seine Familie mit einer massiven Haustür in einem eigens dafür ausgegrabenen Erdunterschlupf vom Minenbeschuss der Deutschen in Sicherheit brachte, vom letzten Kampf vor dem Rückzug, als Soldaten der Roten Armee einen Verwundeten, der ein Bein bis zur Hüfte verlor, ins Haus brachten und die Frauen seinen Stumpf mit Lumpen festgezogen. "Eine Nachbarin hat das letzte Huhn für ihn gerupft, um ihm eine Bouillon zu kochen. Doch es brachte nichts, der Soldat lag schon im Sterben. Am gleichen Nachmittag starb er bei uns im Hof." Er wurde sofort an der Mauer des in der Nähe liegenden Klosters begraben. Die Frauen kümmerten sich um alles, nur ein Priester hat das Trauergebet gelesen. Zwischenzeitlich kam ein Soldat mit einem Fernrohr herein und sagte, dass er bereits die deutschen Panzer sehe. Die Soldaten mussten in Richtung Ufer abziehen. An diesem Abend war es aber still.

"Als wir kleinen Jungs am Morgen aus dem Erdunterschlupf, in dem wir übernachteten, herauskrochen, sahen wir hinter dem Zaun die Silhouetten der herumschleichenden deutschen Soldaten. Wir sprangen in den Unterschlupf zurück und flüsterten: 'Die Deutschen sind gekommen!' Die Großmütterchen begannen sich zu bekreuzigen."  

Bald tauchte ein Offizier mit mehreren Soldaten im Vorgarten auf. Alle waren mit Mänteln bekleidet. Sie befahlen den Schutzsuchenden, aus ihrem Unterschlupf rauszukommen.  "Soldaten da? Juden? Kommissare?", fragten sie. "Nein, niemand!" Sie schauten herein und kehrten zum Tor zurück. Das waren die Vordertruppen.

"Dann kamen die Nachrückenden. Sie gingen rein und raus, durchsuchten das Haus, und jeder steckte sich irgendwas ein. Meine Großmutter hatte keine Angst vor ihnen. Als ein weiterer Soldat die Schränke öffnete, schrie sie: 'Was guckst du, die Euren haben schon alles beschlagnahmt, was ihr so braucht.' Aber danach kamen die Rumänen, die all das mitnahmen, was die Deutschen liegen gelassen haben."

Einer der ersten deutschen "Besucher" blätterte eine Frauenzeitschrift durch und sah ein Stalin-Portrait auf der Titelseite. Er machte ein Kreuz: "Stalin kaputt! Neue Ordnung kommt." Dann drehte er sich um und sah Wladik in der Ecke. Kurz zuvor hatte er Krätze, wodurch seine Haare nach einer Kopfbehandlung mit Röntgenstrahlen kraus wurden. Er sagte "Jude" und simulierte das Geräusch des Abfeuerns eines Projektils: "Peng, Peng". Sein Kamerad und er lachten laut und gingen davon. "Stellen Sie sich vor, wie es meiner Mutter in diesem Moment ging. Sie schnappte schnell eine Schneiderschere und schnitt mir die Haare komplett ab. Bis unsere Truppen kamen, war mein Kopf immer kurzgeschoren."

"Schatztruhe" im Garten

Die Deutschen haben sich schnell eingerichtet. Es wurden Befehle ausgehändigt, die besagten, was gemacht werden darf und was nicht, wobei die Regeln der "Neuen Ordnung" nicht nur die Einwohner betrafen, sondern auch Soldaten selbst. Da die Wasserversorgung gekappt wurde, war es sehr schwer, Wasser zu besorgen. Dieses holten die Einwohner aus einer Schlucht und trugen es mit Eimern zu ihren Häusern. Doch die Deutschen nahmen das Wasser von den Einwohnern für deren Fahrzeuge.

Die Frauen der Familie scheuten sich nicht vor Streit mit den Besatzern. So hat die Großmutter einen Westukrainer gerügt, als sie eine Sprache hörte, die "fast" wie Russisch klang. Der Mann trug eine Halskette mit einem Kreuz und eine deutsche Uniform. Sie beschimpfe ihn als Verräter und Unchrist, woraufhin er eine Pistole herausholte und sie auf sie richtete. Die anderen Soldaten zerrten die Großmutter von ihm weg.

In Häusern und Gärten der Einwohner waren die Besatzer ständig auf der Suche nach Verstecktem, denn die Leute haben versucht, Wertvolles in der Erde zu vergraben. Auch die Mamontows vergruben eine massive Truhe aus der Zarenzeit, in die auch ihre Nachbarn etwas reinlegten. Die Deutschen bohrten durch die Erde und fanden die Truhe.

Ein älterer Mann hat den Diebstahl jedoch sofort bei der Kommandantur gemeldet. Er hat auf die proklamierte "Neue Ordnung" verwiesen, wonach das Beklauen der Einwohner untersagt wurde. Tatsächlich erschien ein Kommandant und setzte dem Diebstahl ein Ende. Doch am nächsten Tag kamen die Soldaten erneut und holten alles, was sie brauchten. Als die Mamontows zu protestieren begannen, sagten sie, dass die Kommandantur heute frei habe. 

Mit Zunge bewaffnet 

Neben den Gräueln und Entbehrungen war die Besatzungszeit für den Sechsjährigen auch eine Zeit voller gefährlicher Abenteuer. Er beobachtete die Deutschen ständig aus dem Versteck und "bekriegte" sie auf seine Art: "Meine Waffe war es, die Zunge rauszustrecken und die Nase zu machen." Einmal wurde er zufällig zum Teilnehmer einer Propaganda-Aktion.

"Die Deutschen beklebten die Zäune mit Plakaten, die unsere Führer – Kalinin, Woroscholow, Berija – in Volkshemden mit Garmoschkas und Balalaikas darstellten. Das sollte zeigen: Mit dem Fall Stalingrads singen sie ihr letztes Lied. Als ein Mann mit einer silbernen Kamera mich und einen meiner Spielkameraden sah, holte er uns, stellte uns vor das Plakat, steckte eine weiß-rot-schwarze Flagge mit Swastika in die Hand und sagte: 'Lächeln und schwenken.' Er war zufrieden mit den Fotos und drückte uns Süßigkeiten in die Hand."

Als Wladik nach Hause kam, war seine Großmutter sichtlich erfreut über die Leckereien. Die Fahne warf sie sofort in den Ofen.

Vom Hunger erzählt Mamontow eher beiläufig. Doch in der zerstörten Stadt direkt an der Frontlinie musste es für die Einwohner extrem schwer gewesen sein. "Wir haben ständig um etwas Brot gebettelt. In der Okkupation lebten wir noch eine Zeit lang davon, was wir in der Zeit nach den Bombardements aufgesammelt haben – etwa Körner, die man im verbrannten Getreidespeicher aufsammelte."

Läuse auf dem Schnee

Im Oktober wurden Zivilisten aus diesem Teil der Stadt mit einem Lastwagen weggebracht. Viele wurden in die Konzentrationslager deportiert, die Kinder von ihren Eltern getrennt. Seine Familie entkam nur knapp diesem Unglück. "In einer Sammelunterkunft nahe der Stadt erkrankte ich an einer Lungenentzündung. Ich hörte Geschrei. Kinder wurden ihren Eltern weggenommen. Ein Soldat kam zu uns. Er zog die Decke weg und sah, dass ich wirklich krank war. Angewidert von meinem Anblick ging er weg."

"Eine Woche später wurden wir in einen Viehwaggon eingepfercht. Zu essen gab es Wasser, eingefärbt mit Mehl. Es ging nur langsam voran. Eine Frau starb. Da die Wächter sich nicht darum kümmerten, musste die Leiche in Bettlaken eingewickelt und weggeworfen werden", berichtete Mamontow.

Dann stoppte der Zug. Es war kurz nach dem 19. November, als die 62. und 64. Armee ihren Ring 80 Kilometer westlich der Stadt schlossen und die deutschen Truppen in Stalingrad einkesselten. Der Zug musste sofort für militärische Zwecke umdisponiert werden, und ab diesem Moment waren die Vertriebenen sich selbst überlassen.

"Mitten in der verschneiten Steppe warfen sie uns aus den Waggons. Alle begannen, ihre Kleidung auszuschütteln. Diesen Moment kann ich nicht vergessen: Auf dem Schnee krabbelten Läuse, ganz viele Läuse. Großtante Manja war noch zu Zarenzeiten eine Modeschneiderin. Sie nahm ihre Schneidemaschine Singer mit auf die Reise mit – sie nannte sie 'unsere Futterkrippe'. Wir landeten im Rostow-Gebiet, und eine Kosakin nahm uns in ihrem Bauernhaus auf. Mit Kleinreparaturen für unsere Hauswirtin und ihre Nachbarn konnte sie unsere Ernährung sichern." In diesem Moment versetzt sich der Erzähler in ein Glücksgefühl, das er kurz nach seiner Ankunft und nach Kälte und Hunger bei der Bäuerin erlebte. "Nach einem warmen Bad schlief ich sofort ein, sogar gegessen habe ich später."

"Aber das Paradies hat nicht lange angedauert. Das Haus, in dem wir untergebracht waren, wurde bald von einem deutschen Offizier bezogen. Es war die Zeit, als die Rote Armee richtig zurückschlug". 

Der Gehilfe brachte die Essensreste von seinem Herrn weg. "Herr, gib uns Brot", bettelten die Kinder und bekamen Abfälle, Knochen, Brotstücke. "Es war immer etwas Leckeres dabei."

Besatzer singen "Wolga, Wolga"

"Als die Rote Armee begann, die Deutschen zu schlagen, konnte ich interessante Dinge beobachten", so Mamontow weiter. "Mit ihnen geschah etwas Seltsames: Plötzlich begannen sie, uns zu bemerken. In der Stube standen Munitionskisten, ein Radio. Der Gehilfe lud uns Kinder ein. 'Setzt euch.' Er gab jedem von uns ein frisches Butterbrot und holte ein Bündel mit Fotos heraus. Er zeigte uns Fotos seiner Familie: Frauen mit gefederten Hüten, Männer in stolzen Posen. Aber uns haben diese Leute nicht interessiert, denn es gab endlich was zu essen!"

Der Abzug der Deutschen war hastig. "Unsere Artillerie war schon nah. Die Deutschen vergruben die Munitionskisten in der frostigen Erde. Die Großmutter bekreuzigte sich – 'Gott sei dank, die Unseren kommen'."

Aber der Durchbruch gelang nicht. Erfreut kamen die Deutschen zurück und holten Schnaps. Im Haus gab es ein Grammofon und eine Plattensammlung. Sie hörten russische Volkslieder und sangen mit. "Wolga, Wolga ..." Wie schon so oft versucht Wladislaw Iwanowitsch an dieser Stelle, den deutschen Akzent nachzuahmen.

Nachts mussten sie fliehen. "Sie waren wie weggefegt und vergaßen, ihre Munition mitzunehmen. Bald hörten wir das Kratzen der Raupen und sahen weißgetarnte Panzer auf der Straße." "Mütterchen, gibt es hier Minen, kann man hier durchfahren?", fragten die sowjetischen Panzersoldaten.

"Sie wurden von den Frauen eingekreist und bejubelt. Das war ein ganz aufregender Moment."

Wozu sind wir verpflichtet?

Ende März bis Anfang April kehrte Wladik mit seiner Mutter in die Stadt zurück. So weit das Auge reicht, sahen sie nur Zerstörung. "Der Mamajew-Hügel im Norden war nicht mehr von Häusern verdeckt. Einsame Gestalten schlenderten durch die Ruinen. Es war die schönste Stadt an der Niederen Wolga." Um zu ihrem Haus zu gelangen, mussten sie sich Passierscheine besorgen.

"Wo ist unser Haus? Weg. Der Großvater hat das Haus aus Qualitätsmaterialen gebaut. Die Deutschen haben es auseinandergenommen, um ihre Schützengräber mit Holz zu verkleiden. Er und Mutter zogen ins Haus einer Großtante ein, das nur halbzerstört war."

Am Ende seiner Erzählung sagte Wladislaw Mamontow, dass er gegen die Errichtung der deutschen Soldatenfriedhöfe auf Wolgograder Boden war. Besatzer nannte er in der sowjetischen Tradition "deutsch-faschistische Eroberer". Für sie gebe es keine Entschuldigung. Aber dieser Standpunkt hätte mit seinen persönlichen Erlebnissen als Kind dieses Krieges zu tun, fügte er hinzu.

Mamontow erklärte, dass er mit Stolz am jährlichen Volksmarsch "Unsterbliches Regiment" teilnehme und das Schild mit dem Foto seines Vaters mitnehme. Dann sagte er zum wiederholten Mal: "Die Frauen haben mein Leben gerettet." Mit diesem Satz begann auch das Interview.

"Man muss mehr über die Heldentaten unserer Frauen reden. Mit uns retteten sie ganze Generationen, ohne die der Aufbau des Landes und damit seine Zukunft unmöglich wäre. Wir sind dazu verpflichtet, uns an diese Zeit zu erinnern."

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