Europa

EMA-Direktorin war jahrelang Lobbyistin der größten europäischen Pharmaorganisation

Bis 1998 vertrat Emer Cooke die Interessen von Konzernen wie AstraZeneca und Pfizer in dem europäischen Dachverband der Pharmaindustrie. Im November 2020 wurde sie EMA-Direktorin. Einen Monat später erhielt der Corona-Impfstoff von Pfizer die EU-Zulassung, wenig später der von AstraZeneca. Sie gilt zudem als vehemente Verteidigerin von AstraZeneca trotz zahlreich gemeldeter Nebenwirkungen.

Die Direktorin der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), Emer Cooke, war in früheren Karriereschritten viele Jahre für die Pharmaindustrie tätig. So arbeitete sie zwischen 1991 und 1998 für die European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations (EFPIA), einem europäischen Dachverband, in dem zahlreiche Pharmaunternehmen Mitglied sind – unter anderem AstraZeneca, Johnson & Johnson und Pfizer. Zentraler Zweck der EFPIA ist es, die Konkurrenzfähigkeit der forschenden Pharmaunternehmen in Europa im regulatorischen und politischen Umfeld zu verbessern. So konnte durch dieses Gremium in Zusammenarbeit von Arzneimittelbehörden und Pharmaverbänden u.a. die Arzneimittelzulassung zwischen der Europäischen Union, den USA und Japan harmonisiert werden. Nach ihren Zwischenaufenthalten u.a. bei der WHO übernahm Cooke schließlich am 16. November 2020 ihre heutige Position als EMA-Direktorin, und zwar als erste Frau auf diesem Posten. Kurz darauf wurden die Corona-Impfstoffe von drei Pharmakonzernen für die EU zugelassen:

  • am 21. Dezember 2020 der Corona-Impfstoff von Pfizer und BioNTech
  • am 29. Januar 2021 der Corona-Impfstoff von AstraZeneca
  • am 12. März 2021 der Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson

Auf der Webseite der EMA wird in der Vita von Cooke hervorgehoben, dass sie 30 Jahre Berufserfahrung vorweisen könne. Von 1985 bis 1991 arbeitete Cooke in verschiedenen Positionen der irischen Pharmaindustrie. 1991 wechselte sie in den Vorstand EFPIA, wo sie bis 1998 als Managerin im Bereich der Zulassungsangelegenheiten aktiv war. Gleichzeitig betätigte sie sich als politische Beraterin bei pharmazeutischen Fragestellungen. 1998 bis 2002 leitete sie die pharmazeutische Abteilung der EU-Kommission. Von dort aus wechselte sie zur EMA, wo sie bis 2016 als Inspektionsleiterin und Leiterin für internationale Angelegenheiten tätig war. Nach vier Jahren bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wo sie als Direktorin die Abteilung für Regulierung und Präqualifikation tätig war, übernahm sie im November 2020 den Vorsitz der EMA.

Die EFPIA ist die Lobbyorganisation der größten europäischen Pharmakonzerne, die einige der weltweit größten Pharmakonzerne vertritt – darunter auch bekannte deutsche Unternehmen wie Bayer und Merck und das schweizerische Unternehmen Novartis. Zu den Mitgliedern der EFPIA gehören auch drei als Entwickler von Corona-Impfstoffen bekannte Unternehmen: AstraZeneca, Johnson & Johnson und Pfizer.

In einer Rede im österreichischen Parlament hinterfragte der FPÖ-Abgeordnete Gerald Hauser, ob eine Person mit derart ausgeprägtem Pharma-Hintergrund wie Cooke unbefangen über eine Zulassung entscheiden könne. Hauser betonte, mit Emer Cooke leite die EMA "eine Lobbyistin jener Pharmakonzerne, die sich nun für die Zulassung ihrer Covid-Impfstoffe bewerben". Es sei höchst fraglich, dass genau Cooke nun zuständig sei "für die Zulassung, für die Kontrolle und für die Wirksamkeit von Medikamenten und Impfstoffen – wie etwa auch für AstraZeneca". Hauser resümierte:

"In jeder anständigen Demokratie würde man in einem solchen Fall von einem Interessenskonflikt sprechen."

Im Fall von AstraZeneca setzte sich besonders Emer Cooke für eine Beibehaltung der EU-Zulassung ein, obwohl zahlreiche Fälle von zum Teil tödlichen Hirnvenenthrombosen im Zusammenhang mit einer AstraZeneca-Impfung gemeldet wurden. Cooke sprach sich in einer Videobotschaft für eine Weiterimpfung mit dem AstraZeneca-Vakzin aus die Vorteile würden überwiegen. Die EMA schätzte den AstraZeneca-Impfstoff als "sicher und effektiv" ein. die Nach wochenlangen zögern bestätigte am Dienstag Marco Cavaleri, Chef der Impfabteilung bei der EMA, in einem Medieninterview, "dass es einen Zusammenhang mit dem Impfstoff gibt". Die EMA als Institution ruderte prompt zurück: Der Fall werde noch geprüft.

Am Mittwoch erklärte die EMA, weiter am Corona-Impfstoff des Herstellers AstraZeneca festhalten zu wollen. Trotz sehr seltener Fälle von Blutgerinnseln in Hirnvenen empfehle man weiterhin uneingeschränkt die Anwendung des Impfstoffes. Cooke erklärte dazu in Amsterdam: "Der Nutzen des Wirkstoffes bei der Bekämpfung von Covid-19 ist deutlich höher zu bewerten als die Risiken."

Für das Jahr 2021 gibt die EMA ihr Gesamtbudget mit knapp 385,9 Millionen Euro an. Davon stammen 55,5 Millionen Euro aus EU-Geldern (etwa 14 Prozent). 330,4 Millionen Euro stammen aus Gebühren der Pharmaunternehmen (etwa 86 Prozent). Das EMA-Budget ist in den vergangenen Jahren stetig und deutlich gewachsen: 2018 lag es noch bei 306,6 Millionen Euro, 2019 bei 315 Millionen Euro, 2020 dann bei 355,8 Millionen Euro. Der Anteil aus der Pharmaindustrie lag 2020 bei "nur noch" 87 Prozent, 2019 und 2018 noch bei 93 Prozent.

Eine Anfrage von RT DE zur Lobby-Vergangenheit der EMA-Direktorin Cooke und zum Einfluss der Pharmaindustrie auf die Entscheidungen der EMA für die Zulassung von Impfstoffen ließ die EMA unbeantwortet.

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