Europa

Tschechien soll ohne EU-Zulassung russischen Impfstoff Sputnik V bekommen

Tschechische Spitzenpolitiker haben sich öffentlich für den russischen Impfstoff Sputnik V ausgesprochen. Premier Babiš will nicht auf EU-Zulassung warten und die inländische Genehmigung ermöglichen. Ab Montag tritt in Tschechien der bislang schärfste Lockdown in Kraft.
Tschechien soll ohne EU-Zulassung russischen Impfstoff Sputnik V bekommenQuelle: Sputnik © Alexei Witwizki

Tschechien rechnet mit einer Lieferung des russischen Corona-Impfstoffs Sputnik V. Er habe sich mit einer entsprechenden Anfrage an seinen russischen Kollegen Wladimir Putin gewandt, erläuterte der tschechische Präsident Miloš Zeman am Samstag im Fernsehsender CNN Prima News.

"Wenn ich richtig informiert bin, wird diesem Wunsch nachgekommen", sagte der 76-jährige Politiker.

Man brauche indes noch eine Zulassung für den Impfstoff, räumte Zeman ein. Ihm selbst würde nach eigener Aussage eine Genehmigung durch die tschechische Arzneimittelbehörde SUKL "vollauf genügen".

Dem schloss sich am Sonntag in einem Interview mit der Zeitung Dnes auch Ministerpräsident Andrej Babiš an. Dabei hatte der Regierungschef noch vor Kurzem betont, er wolle erst die Freigabe durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) abwarten.

Die lokale Zulassung des in Russland hergestellten Impfstoffs Sputnik V würde für die Tschechische Republik ausreichen, um ihn zu verwenden, sagte Babiš und signalisierte, dass das Land nicht auf grünes Licht von den EU-Gesundheitsbehörden warten würde.

"Wir können nicht auf die EMA warten, wenn Russland keinen Antrag [auf Zulassung] gestellt hat", erklärte Babiš. "SUKL muss die Unterlagen prüfen und wenn sie es genehmigen, muss das Gesundheitsministerium eine Ausnahmegenehmigung erteilen". Laut der Website idnez.ch soll der tschechische Premier auch folgende Aussage getätigt haben:

"Es ist keine Frage der Geopolitik, sondern eine Frage der menschlichen Gesundheit und unserer Bemühungen, unsere Nation so gut wie möglich zu schützen."

Die Äußerungen der tschechischen Spitzenbeamten stellen offenbar einen Sinneswandel Prags dar, was die Verwendung des in Russland hergestellten Impfstoffs im Land angeht. Anfang des Monats sagte Babiš, dass dies nur möglich sei, wenn die EU-Regulierungsbehörden es genehmigen.

Nun könnte die Tschechische Republik die zweite EU-Nation werden, die sich für Sputnik V entscheidet. Anfang des Monats begann Ungarn damit, seine Bürger mit dem russischen Impfstoff zu impfen, wobei der ungarische Premier Viktor Orbán die Notwendigkeit einer Genehmigung durch die EU als rein politisch abtat.

Babiš betonte, dass er volles Vertrauen in den Impfstoff aus Russland habe. Wie er sich erinnerte, wurden die Tschechen während der Existenz des sozialistischen Blocks mit sowjetischen Impfstoffen geimpft, die von hoher Qualität und wirksam waren. In diesem Zusammenhang wies der Premierminister Versuche zurück, Sputnik V aus politischen oder ideologischen Gründen zu verunglimpfen.

"Wir haben Leute, die mit Sputnik V geimpft werden wollen. Es gibt 65 Länder auf der Welt, die den russischen Impfstoff haben wollen. Sechs von ihnen sind Mitglieder der Europäischen Union", sagte Babiš.

Tschechien mit seinen 10,7 Millionen Einwohnern hat etwa 1,2 Millionen bestätigte Fälle von COVID-19 gemeldet, darunter 20.000 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus. Nach Angaben der Johns Hopkins University ist die Sterblichkeitsrate pro 100.000 Einwohner in Tschechien derzeit die höchste der Welt. Das Land weist momentan unter allen EU-Staaten auch die höchste Corona-Neuinfektionsrate auf.

Etwa 644.300 Tschechen sind bereits mit Impfstoffen von BioNTech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca geimpft worden. In der Bevölkerung wächst angesichts der sehr hohen Corona-Infektionszahlen die Kritik, dass die Impfkampagne zu langsam verlaufe.

Tschechien verschärft Lockdown

In Tschechien gilt von Montag an ein deutlich härterer Corona-Lockdown. Die Menschen dürfen ihren jeweiligen Bezirk für drei Wochen nur noch in Ausnahmefällen verlassen. Erlaubt bleiben Fahrten zur Arbeit, zum Arzt und zu Behörden, wenn schriftliche Nachweise erbracht werden. Die 77 Bezirke entsprechen in ihrer Größe den Landkreisen in Deutschland. Mehr als 25.000 Polizisten und bis zu 5.000 Soldaten sollen die Einhaltung der strikten Maßnahmen kontrollieren. Bei Missachtung drohen Geldstrafen in Höhe von umgerechnet mehr als 400 Euro.

Spaziergänge und Sport sind sogar nur noch in der eigenen Stadt oder Gemeinde erlaubt. Verwandtschaftsbesuche sind verboten. Nur absolut relevante Geschäfte dürfen noch öffnen. Ministerpräsident Babiš warnte eindringlich vor einem Kollaps des Gesundheitssystems und einem "Bergamo in Tschechien". Die italienische Provinz war im Frühjahr 2020 zum traurigen Symbol der Corona-Krise geworden.

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