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Irischer Präsident kritisiert "vorgetäuschte Amnesie" über britischen Imperialismus

Irlands Präsident Michael D. Higgins übt scharfe Kritik am britischen Imperialismus und der "vorgetäuschten Amnesie" von Akademikern und Journalisten, die sich seiner Ansicht nach weigerten, sich mit dessen Erbe auseinanderzusetzen. Es gehe dabei auch um die Zukunft.
Irischer Präsident kritisiert "vorgetäuschte Amnesie" über britischen ImperialismusQuelle: AFP © Hector Retamal

In einem Artikel in der britischen Zeitung Guardian kritisiert Higgins nicht namentlich genannte Akademiker und Journalisten dafür, die Augen vor den verheerenden Auswirkungen des Kolonialismus nicht nur in Irland, sondern in der ganzen Welt zu verschließen.

"Eine vorgetäuschte Amnesie in Bezug auf die unbequemen Aspekte unserer gemeinsamen Geschichte wird uns nicht helfen, eine bessere gemeinsame Zukunft zu schmieden", sagt Higgins und vergleicht dabei die "britische Vergesslichkeit" mit Irlands Reflexionen über seinen Unabhängigkeitskrieg und die Teilung vor einem Jahrhundert.

Das Ignorieren der "Schatten, die unsere gemeinsame Vergangenheit geworfen hat", sei Teil eines größeren Widerwillens, sich mit dem imperialen Erbe auseinanderzusetzen, so Higgins weiter. Sein Artikel erschien im Vorfeld eines Seminars über Imperialismus, das er am 25. Februar geben will.

"Ich bin erstaunt über die Abneigung", sagt er, "sowohl in akademischen als auch in journalistischen Berichten, das Imperium und den Imperialismus zu kritisieren. Offenheit und Engagement für eine Kritik des Nationalismus scheinen größer zu sein. Und während es für unsere Zwecke in Irland unerlässlich war, den Nationalismus zu untersuchen, ist es genauso wichtig, dasselbe für den Imperialismus zu tun, und das hat eine Bedeutung weit über die britisch-irischen Beziehungen hinaus".

In seinem Gastbeitrag im Guardian nimmt Higgins, ein Sozialist, Dichter und ehemaliger Soziologiedozent, den britischen und europäischen Imperialismus ins Visier und knüpft damit an die Proteste von Black Lives Matter aus dem vergangenen Jahr an, die zur Entfernung und Umbenennung jener Denkmäler führten, die mit Sklaverei und Kolonialismus in Verbindung stehen.

"Imperiale Mächte benutzen eine Maske der Modernität für kulturelle Unterdrückung, wirtschaftliche Ausbeutung, Enteignung und Herrschaft", sagt Higgins. "Denjenigen, die auf der Empfängerseite des imperialistischen Abenteurertums standen, wurde kulturelle Handlungsfähigkeit abgesprochen, sie wurden als unfähig dazu angesehen und für die Gewalt gegenüber den auf sie gerichteten 'modernisierenden' Kräften verantwortlich gemacht."

Die britischen Imperialisten erkannten die Iren nicht als Gleichberechtigte an, sagt er. "In seinem Kern beinhaltet der Imperialismus eine Reihe von Behauptungen, die zur Rechtfertigung seiner Annahmen und Praktiken – einschließlich der ihm innewohnenden Gewalt – herangezogen werden. Eine dieser Behauptungen ist die Annahme der Überlegenheit der Kultur."

2014 hielt Higgins die erste Rede eines irischen Präsidenten vor dem britischen Parlament. In einer Rede im vergangenen Dezember forderte er die Iren auf, die Briten wegen des Brexits und dessen destabilisierenden Auswirkungen auf Nordirland nicht zu stereotypisieren. Er setzt sich für die Versöhnung zwischen Großbritannien und Irland ein. Bei einem Besuch der Queen in England erkannte er so zum Beispiel auch an, dass irische Republikaner während und nach dem Unabhängigkeitskrieg Gräueltaten begangen haben.

Der irische Präsident wird alle sieben Jahre direkt von der Bevölkerung gewählt und kann maximal für eine weitere Amtszeit gewählt werden. Die Präsidentschaft beschränkt sich größtenteils auf eine zeremonielle Stellung.

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