Europa

"Luftangriff" - Fehlalarm auf US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein versetzt Armeeangehörige in Panik

Tausende US-amerikanische Armeeangehörige auf der US-Luftbasis Ramstein bekamen Mitte Dezember die alarmierende "Große Stimme" zu hören: "Luftangriff, Luftangriff, Deckung suchen, Deckung suchen!". Grund für den Alarm soll der Abschuss von vier Interkontinentalraketen von einem russischen Atom-U-Boot im Ochotskischen Meer gewesen sein.
"Luftangriff" - Fehlalarm auf US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein versetzt Armeeangehörige in PanikQuelle: Reuters © Lucas Jackson

Am frühen Morgen des 12. Dezember ist auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz etwas Bemerkenswertes passiert. Das Personal der Ramstein Air Base, des größten US-Militärkomplexes im Ausland, erhielt die beängstigende Anweisung, sich vor einem bevorstehenden Raketenangriff in Sicherheit zu bringen. Von heulenden Sirenen begleitet, warnte die sogenannte "Große Stimme":

 "Luftangriff, Luftangriff, Deckung suchen, Deckung suchen!"

Nichts Ungewöhnliches, wenn es um eine Übung geht. Doch der entsprechende Hinweis fehlte, was die Soldaten in eine kurzzeitige Panik versetzte. Entwarnung wurde erst gegeben, nachdem der gemeldete Raketenstart von der Kommandozentrale "als Teil einer Trainingsübung und nicht als Bedrohung für das Gebiet der Kaiserslautern Militär Community (KMC)" eingeschätzt wurde.

"Der Gefechtsstand der Ramstein Air Base wurde über ein amerikanisch-deutsches Alarmierungssystem über einen realen Raketenstart im europäischen Raum informiert. Der Gefechtsstand befolgte das vorgeschriebene Verfahren und informierte die Militärangehörigen in der Militärgemeinde Kaiserslautern per Lautsprecherdurchsagen", teilte die Kommandozentrale am gleichen Morgen auf der offiziellen Facebook-Seite der Air Base mit.

US-Medien berichteten erst am nächsten Montag über den Vorfall. Dabei zitierten sie mehrere Facebook-Nutzer, die über einen Zustand der Angst berichteten. Ein Pilot schrieb: "Ich rannte in [die Zentrale der Militärbasis] und rief den Leuten zu, sie sollten in Deckung gehen ... Wenn man über den Lautsprecher hört 'Das ist keine Übung', dann dreht sich einem der Magen um." Ein anderer schrieb: "Mein Herz stand einen Moment lang still."

Viele US-Amerikaner berichteten jedoch, sie hätten keine Warnung bekommen. In einigen Fällen waren die Lautsprecher auf dem riesigen Gelände der Basis nicht zu hören, in anderen erhielt das Personal falsche Anweisungen oder keine Mitteilungen per Handy. Auf der US-Basis Ramstein sind mehr als 8.000 Militärangehörige beschäftigt, insgesamt zählt die KMC rund 54.000 US-Amerikaner.

Später mussten die von CNN  zitierten Beamten des Verteidigungsministeriums einräumen, dass "die Warnung auf der Ramstein Air Base zu mehreren Minuten der Unsicherheit und des Alarms führte, bis es eine Entwarnung gegeben hat".

Obwohl es letzte Woche noch keine offizielle Stellungnahme des Pentagons zum Vorfall gab, brachten die US-Militärs den Falschalarm mit dem Raketenstart bei einer russischen Militärübung in Verbindung. "Streng geheime US-Militärsatelliten, die die Infrarotspur ballistischer Raketen verfolgen, stellten fest, dass ein untergetauchtes russisches U-Boot am Samstag vier Interkontinentalraketen von seiner Unterwasserposition im Ochotskischen Meer vor Ostrussland testweise abgefeuert hatte", schrieb  CNN

Die russische Übung gab es tatsächlich. Vier Tage vor ihrem Beginn, hatte Russland die übliche "Mitteilung an Piloten" herausgegeben, das Gebiet zu meiden, und angezeigt, dass eine derartige Übung stattfindet. Am 12. Dezember teilte das russische Verteidigungsministerium mit, dass das atomgetriebene U-Boot "Wladimir Monomach" der Pazifikflotte vier ballistische Bulawa-Raketen aus den Gewässern des Ochotskischen Meeres gestartet hatte. Nach Angaben des Ministeriums wurde der Salvenstart von einer Unterwasserposition auf dem Schießplatz Tschischa in der Region Archangelsk auf 5.500 Kilometer Entfernung durchgeführt. Damit fand der von der Ramstein Air Base am Samstag gemeldete "reale Raketenstart" nicht wie angegeben "im europäischen Raum" statt, sondern im Fernen Osten. 

Vierfacher Raketenstart der ballistischen Raketen "Bulawa" am 12. Dezember:

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Anfang letzter Woche, als in den US-Medien über den Vorfall berichtet wurde, war es von der US-Seite noch nicht klar, warum trotz russischer Vorwarnung der Großalarm bei Kaiserslautern ausgelöst wurde. "Das US Strategic Command konnte schnell bestätigen, dass die Raketen keine Bedrohung darstellten, sodass nicht klar ist, warum die Warnung ausgelöst wurde", sagten von der CNN zitierte anonyme Quellen im Verteidigungsministerium.

"Ein Beamter stellte fest, dass der Vorfall besorgniserregend ist, da angesichts der Spannungen mit Russland immer ein Potenzial für Fehleinschätzungen besteht. Aber es gab diesmal keinen Hinweis auf eine Bedrohung", so das US-Medium.

Angesichts dieser Unklarheit bei einer "besorgniserregenden Situation", stellt der US-Autor und Antikriegsaktivist Bill Van Auken die Frage, wie nahe dieser Vorfall die Welt an den Rand eines Atomkriegs gebracht hat. In seinem Artikel bei wsws.org weist er daraufhin, mit welchen lobenden Worten General Timothy Ray, der Kommandant des Air Force Global Strike Command die Bereitschaft der US-Air Force zum Atomkrieg nur zwei Tage vor dem Vorfall beschrieb: "Unsere Bomberbesatzungen sind heute besser vorbereitet als je zuvor in der Geschichte des Air Force Global Strike Command. Unsere Interkontinentalraketen waren absolut standhaft in diesem ganzen Unterfangen... Sie gerieten nie ins Schwanken. Ich könnte kaum zufriedener sein." Es gebe zu Atomwaffen keine Alternative, betonte er.

Bemerkenswert ist auch ein anderer Artikel, der nur drei Tage nach dem Falschalarm in Ramstein im wichtigsten außenpolitischen US-Journal Foreign Affairs veröffentlicht wurde. Im Beitrag "Schlafwandelnd an den atomaren Abgrund" zogen der ehemalige Energieminister, Ernest Moniz, und der ehemalige Senator und langjährige Vorsitzende des Streitkräfteausschusses, Sam Nunn, einen direkten Vergleich zwischen den aktuellen globalen Spannungen und der Situation vor dem Ersten Weltkrieg. Die Autoren appellieren an die Biden-Administration sich für die Verlängerung des Vertrags zur Reduzierung strategischer Waffen (New START) einzusetzen. Der Artikel wurde vor den Ereignissen im deutschen Rheinland-Pfalz geschrieben.

Auch in Russland gab es Berichte über den Falschalarm, der auf dem deutschen Boden während einer russischen Übung im Nordpazifik ereignete. Der russische Militäranalyst Michail Chodarjonok weist in einem Artikel darauf hin, dass die Weltraum- und Bodenebenen des nuklearen Raketenwarnsystems der Vereinigten Staaten in einem vollautomatischen Modus arbeiten.

"Im Falle eines massiven nuklearen Raketenangriffs muss sowohl das US-Amerikanische Frühwarnsystem über einen Raketenangriff als auch das russische mit sehr hoher Zuverlässigkeit ein "Raketenangriff"-Signal an die oberste militärische und politische Führung geben." Da die US-Amerikaner über alle notwendigen Informationen über den russischen Raketenstart verfügten, sieht er keinen Spielraum für einen Fehler. Die Rede, dass auf der Air Base Ramstein "für einige Minuten Unsicherheit und Alarm" herrschte, scheint also nicht zu stimmen, so Hodarjonok.

Im Unterschied zu Medien in USA und Russland war der große Falschalarm bei Ramstein kein Thema für deutsche Medien. Nur ein lokaler Portal widmete dem Vorfall am darauffolgenden Tag wenige Zeilen. 

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