Europa

Der Ukrainisierung zum Trotz – Internet in der Ukraine bleibt russischsprachig

Mehr als sechs Jahre nach dem Euromaidan wird die russische Sprache in der Ukraine im Eiltempo aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Doch dort wo sich die Menschen frei fühlen, wählen sie Russisch – mehr denn je.
Der Ukrainisierung zum Trotz – Internet in der Ukraine bleibt russischsprachigQuelle: Sputnik © Mikhail Woskresenskij

Lange zurück liegen in der Ukraine die Zeiten, als Regierung und Opposition um den Status des Russischen als zweite Staatssprache gerungen haben. Die Regelung entspricht zumindest den Tatsachen – seit Jahren gibt mindestens die Hälfte der Einwohner in der Ukraine in Umfragen an, zu Hause Russisch zu sprechen. Die Mehrheit wünsche sich den staatlich geförderten Russisch-Unterricht. 

Doch die Regierung entscheidet anders. Seit dem bewaffneten Staatsstreich im Jahr 2014 gibt es im Parlament eine nationalistische Mehrheit, die Ukrainisierungsgesetze nach und nach verabschiedet – trotz Kritik aus Russland, Ungarn oder von der OSZE. 2018 wurde dem Russischen der Status als regionale Sprache endgültig aberkannt, seit September findet nun im ganzen Land kein Unterricht mehr in russischer Sprache statt. Russisch hat mittlerweile im ukrainischen Bildungssystem per Gesetz sogar einen niedrigeren Status als EU-Sprachen. Im Radio und Fernsehen gelten Quoten, wonach mindestens 75 Prozent der Inhalte auf Ukrainisch sein müssen. Künftig sollen es 90 Prozent sein. Ähnliche Regelungen gelten für Filme und den Büchermarkt. Als Grund für diese Maßnahmen werden der Schutz und die Förderung der Staatssprache sowie der ukrainischen Kultur genannt.

Seit Jahren werden zudem die russischen Fernsehkanäle, die sozialen Medien, Nachrichten-Apps sowie Internet-Suchmaschinen gesperrt – wegen der "nationalen Sicherheit". Ab dem 16. Januar sollen nun der Handel und Dienstleistungssektor ukrainisiert werden. Wer seine Kunden – ob im Café, Friseursalon oder an der Kinokasse – auf Russisch anspricht, dem drohen empfindliche Strafen. Ein spezieller Regierungsbeauftragter, Sprach-Ombudsmann, soll die Umsetzung dieses Gesetzes überwachen.

Doch aktuelle Nutzer-Statistiken für das Internet zeigen, dass dort, wo die Ukrainer selbst entscheiden können, in welcher Sprache sie kommunizieren und welche Musik sie hören, sie fast nur Russisch bzw. russische Musik wählen. Das ist an sich keine Überraschung – auch in den Vorjahren gab es eine ähnliche Tendenz. Die Dominanz des Russischen und teilweise auch der russischen Themen im Internet waren im Jahr 2020 besonders überwältigend.

In den sozialen Medien bevorzugen nur 16 Prozent Ukrainisch, der Rest – Russisch. Bei privaten Nutzern sind das dann nur noch sieben Prozent. Der Unterschied erklärt sich damit, dass sehr viele ukrainische Beamte ihren Account mit der Staatssprache führen. Auf YouTube herrscht Russisch mit 96,8 Prozent.

Das spiegelt sich auch in den Google-Statistiken wieder. Kein einziges Lied auf Ukrainisch hat es in die Top Ten des Videohostings YouTube geschafft, wobei fast alle gewählte Künstler auf Russisch singen. Diese Ergebnisse decken sich auch mit den Umfragen, die ukrainische Medien im Jahr 2019 gemacht haben. Ihnen zufolge bevorzugt fast die ganze ukrainische Jugend russische Rap-Musik. Der Streamingdienst Spotify brachte in seinen Top-Listen ebenso kein einziges ukrainischsprachiges Lied – bevorzugt wurden russische und internationale Hits.

Diese Tendenz gilt auch für die allgemeine Internet-Nutzung. Acht der zehn populärsten Google-Anfragen waren in der Ukraine auf Russisch verfasst, berichtet die Internetzeitung strana.ua. Die restlichen zwei – auf Englisch, was dem Programm für häuslichen Fernunterricht zu Corona-Zeiten, Google-Classroom, geschuldet ist. Bezeichnend ist auch, dass im Jahr 2017 die häufigsten Fragen mit "wie" und "was" die Fragen zur Umgehung der Sperre des russischen sozialen Netzwerks VKontakte waren. Hoch im Kurs standen im Jahr 2020 auch russische Themen und Personen – sie nahmen vier Plätze in der Liste ein.

"Bei Suchanfragen wie "Was ist das Coronavirus" sind die Top Ten ausschließlich auf Russisch, was dafür spricht, dass die reale Sprachstatistik in unserem Land eindeutig dem widerspricht, was durch die staatliche Politik vorgegeben wird", schreibt strana.ua.

Ist der Musikgeschmack der überwiegend jüngeren Internet-Nutzer – die etwa 75 Prozent der Bevölkerung ausmachen – eine Niederlage für die ukrainische Musik und Sprache? Experten sprechen von einem negativen Quoteneffekt. Seitdem das Radio die ukrainischen Quoten einführte, ging auch der Wettbewerb der russischsprachigen Pop-Kultur gegenüber zurück, was die Qualität des ukrainischen Produktes verschlechterte.

Auf diesen Effekt deutet auch die Zahl der staatlich geförderten Filme, die im noch laufenden Jahr auf Ukrainisch gedreht wurden. Da sie wenig gesehen werden und deshalb kommerziell nicht wettbewerbsfähig sind – auch den russischen Filmen gegenüber –, ist ihre Zahl im Vergleich zum Vorjahr um das Fünffache gesunken. Sowohl die Filmindustrie als auch das Showbusiness sind in der Ukraine traditionell russischsprachig oder stark mit Russland verwoben. Der amtierende Präsident des Landes Wladimir Selenski ist ein Beispiel – seine Karriere machte er als Moderator, Schauspieler und Produzent in beiden Ländern. Die Kult-Show seines ehemaliges Studios "Das Quartal 95" bleibt mach wie vor russischsprachig.

Russisch – die nach der Anzahl der Webseiten zweite Sprache im Internet – ist für die Ukrainer das Fenster zur Welt der Globalisierung. "Wichtiger als Englisch", schreibt strana.ua.

"Wenn ein Ukrainer über das Internet oder die sozialen Netzwerke die globale Welt betritt, betritt er zunächst einmal einen riesigen russischsprachigen Raum."

Diese Ergebnisse sind für die Verfechter der Ukrainisierung ein beunruhigendes Signal. Die Kinderschriftstellerin Larisa Nizoi, die wegen ihrer radikalen Forderungen zur Ukrainisierung in der Vergangenheit regelmäßig in die Schlagzeilen geriet, bereut die "Russifizierung der ukrainischen Jugend" in einem Artikel. Sie gesteht, dass auch sie gern russische Pop-Musik hörte, bis sie es sich verbat – noch "vor Quoten und Krieg". "Junge Menschen wählen die Musik, die in ihrer Umgebung vorherrscht. Und sie ist leider russisch." Dies sei das Ergebnis einer großen Lücke in der humanitären Politik. Ihre Vorschläge klangen allerdings diesmal weniger radikal. Sie forderte, einfach "mehr für die Popularisierung der ukrainischen Musik" zu tun.

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