Europa

Verlorener Friedenskampf der montenegrinischen Armee

Der kleine Balkanstaat Montenegro an der südlichen Adriaküste ist aufgrund bestimmter Umstände wieder ins Rampenlicht gerückt. Es wird erneut mit den "Waffen gerasselt". Doch die Militärs haben unterschätzt, was es bedeutet, "Europas erster ökologischer Staat" zu sein.
Verlorener Friedenskampf der montenegrinischen Armee© Gong Bing / Xinhua

von Marinko Učur, Banja Luka

Um sich als glaubwürdiger NATO-Partner darzustellen, der zu verschiedenen Kriegs- und Friedensprojekten fähig ist, entschied sich die etwas mehr als 2.000 (!) Soldaten umfassende montenegrinische Armee mit Unterstützung der Allianz aus Brüssel und der dortigen Militärstrategen, militärische Manöver und Mörserschießübungen auf dem Berg Sinjajevina – einem Naturschutzgebiet im Norden des Landes, das für die Viehzucht und das Sammeln von Heilkräutern bekannt ist – durchzuführen.

Diese Intention war der eigentliche Auslöser für den Aufstand der lokalen Bevölkerung und von Naturschutzorganisationen, die energisch reagierten und vorerst jene Pläne torpedierten. Umweltaktivisten und Bewohner von Sinjajevina organisierten Tag- und Nachtwachen, die es der Armee nicht erlaubten, die Übung durchzuführen. Vertreter von Umwelt-NGOs behaupten, die militärische Übung und die Errichtung eines Übungsgeländes im Gebiet von Sinjajevina behindere das Ökosystem und die biologische Vielfalt der "größten Weide auf dem Balkan". Aleksandar Milatović von der Koalition für nachhaltige Entwicklung teilt nachdrücklich mit:

Wir sind bereit, lebende Ziele zu sein. Lassen Sie diese Armee zuerst auf lebende Ziele schießen, auf ihr eigenes Volk, das ein Stück seines Landes verteidigt. Was sie tun, ist reines Haidukentum.

Eine ähnliche Haltung vertritt auch der Generalstabschef der montenegrinischen Armee, Aleksandar Perović. Dieser behauptet, dass der Plan der Armee dem öffentlichen Interesse widerspreche:

Man kann kein Gebiet bombardieren, das den Menschen Leben bedeutet und das möglicherweise große Entwicklungschancen bietet, vor allem im Tourismus und bei der Herstellung von ökologischen Lebensmitteln. Es muss einfach ein Naturpark bleiben.

So errangen die Bewohner des Berges Sinjajevina und Umweltaktivisten einen Sieg über die NATO-Soldaten. Die Stimmen der Umweltaktivisten übertönten jene der Gewehre und Kanonen. Die Armee gibt jedoch nicht auf und kündigt an, ihre Absichten weiterzuverfolgen – obwohl sie keinen weiteren Ort für die eventuelle Durchführung der geplanten Übungen bestimmt hat:

Wir informieren die Öffentlichkeit, die Medien und Nichtregierungsorganisationen, die Interesse an der Teilnahme an der Übung in Sinjajevina bekundet haben, dass die geplante Präsentation der militärischen Übung verschoben wird, bis die Bedingungen erfüllt sind. Sobald alle Bedingungen erfüllt sein werden, werden wir die Übung fortsetzen", sagte Pantović.

Pantović versuchte, die Tatsache zu verschleiern, dass unter Druck eine Art "Rasseln der Waffen" im Naturschutzgebiet jenes Landes aufgegeben werden musste, das oft als "Europas erster ökologischer Staat" bezeichnet wird.

Um die Sache überzeugender zu gestalten, animierten die Befürworter der militärischen Manöver NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, der neben seinem Versprechen, medizinische Hilfe und Beatmungsgeräte zur Bekämpfung von COVID-19 bereitzustellen, betonte, dass er "keine spezifischen Orte für Übungen in Montenegro kommentieren wird, sondern dass das Bedürfnis nach Naturschutz und das Bedürfnis der Armee nach Übungen in Einklang gebracht werden muss“. Wie diese beiden gegensätzlichen Ansichten in Einklang gebracht werden könnten, beantwortete Stoltenberg nicht.

Diese Erklärung führte offenbar dazu, dass die NATO-Fanatiker weiterhin glaubten, es sei möglich, gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung in einem Land vorzugehen, in dem das Militärbudget von Jahr zu Jahr steigt und 2019 mehr als 60 Millionen betrug. Es ist unnötig zu erwähnen, dass die Militärausgaben hauptsächlich zur Modernisierung und für Rüstungskäufe, und zwar hauptsächlich im Westen, ausgegeben werden.

Möglicherweise wäre die Geschichte des montenegrinischen "Waffenrasselns" völlig unbemerkt geblieben, würde es sich nicht um das Land auf dem "Schießpulverfass des Balkans" handeln, das trotz des Widerstandes der Mehrheit der Bevölkerung 2017 durch den Willen des Regimes von Präsident Đukanović NATO-Mitglied geworden ist.

So wurde die bereits komplizierte geopolitische Karte des westlichen Balkans noch komplizierter, als alle Länder des ehemaligen Jugoslawiens mit Ausnahme von Serbien sowie Bosnien und Herzegowina unter den Schirm der NATO gefallen sind. Deshalb sorgten die geplanten militärischen Manöver in Montenegro angesichts der Zahl an Soldaten der dortigen Armee bei vielen für Spott und Unglauben. Militärstrategen aus Podgorica schenken dem keine Beachtung und kündigen zusätzliche Investitionen in die Modernisierung ihrer Armee an, deren Himmel in Ermangelung einer eigenen militärischen Luftwaffe von Flugzeugen benachbarter NATO-Mitglieder, Griechenlands und Italiens, überwacht wird.

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