Europa

"Rule, Britannia!" bleibt – vorerst

Ein britisches und über die Landesgrenzen bekanntes Traditionsfestival fällt beinahe den Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zum Opfer. Und einige wollen die Gelegenheit nutzen, es von imperialem Ballast zu entschlacken.
"Rule, Britannia!" bleibt – vorerstQuelle: Reuters © Neil Hall

Allen Freunden klassischer Musik wird es ein Begriff sein: das jährliche Spektakel der "Last Night of the Proms". Es handelt sich dabei um ein Festival mit viel Tradition. Historischer Hintergrund: Der britische Monarch verlässt seit jeher im Sommer die Hauptstadt und zieht sich für mehrere Wochen nach Schloss Balmoral in Schottland zurück. Für die Londoner hieß das dann: endlich mal die Sau rauslassen. Und da im Sommer sogar in England das Wetter ganz gut sein kann, kamen die Menschen irgendwann auf die Idee, Konzerte im Freien zu veranstalten – Promenadenkonzerte sozusagen.

1895 erhielten die "Promenade Series" dann erstmals ihr im Kern noch heute gültiges Format. Die – seitdem ganz offizielle – Konzertreihe entstand aus der Idee heraus, auch Menschen anzusprechen, die sich normalerweise nicht für klassische Konzerte interessieren. Daher gibt es bei den "Proms" auch traditionell keine Kleiderordnung. Die Konzertbesucher kommen zum Teil direkt von der Arbeit und sind dementsprechend angezogen: Vom Business-Anzug bis hin zu legerer Freizeitkleidung ist alles zu sehen. Feine Abendgarderobe wird eher von Touristen getragen, die mit den Gepflogenheiten bei den "Proms" nicht vertraut sind.

Einen besonderen Höhepunkt bildet stets die "letzte Nacht" der Konzertreihe, also die "Last Night of the Proms". Dieses Abschlusskonzert findet jedes Mal in der Royal Albert Hall statt und wird zusätzlich noch nach draußen übertragen. Für Liebhaber dieser Musikrichtung ist das ein ganz besonderes Ereignis. Thematisch folgt die Musik dabei von Jahr zu Jahr einem anderen Thema. Bis auf zwei Lieder: "Rule, Britannia!" und "Land of Hope and Glory", das stets zum Abschluss gespielt wird.

Wegen der Corona-Krise ist dieses Jahr aber alles anders. Mittlerweile läuft das Konzert nämlich unter der Ägide des britischen Rundfunksenders BBC, und es wurde lange darüber diskutiert, ob die "Last Night of the Proms" im 125. Jubiläumsjahr ausfallen müsste. Nach jetzigem Kenntnisstand wird das Konzert stattfinden, jedoch nur als Fernsehübertragung ohne Live-Publikum. Zudem werden statt der sonst um die 80 Instrumentalisten und mehr als 100 Sänger diesmal wohl nur 40 Musiker und 20 Sänger auf der Bühne sein – wegen der Abstandsregeln. Damit ist klar, dass auch das Programm angepasst werden muss.

Einige Organisatoren sehen genau hierin nun die Chance, an Traditionen zu rütteln. Insbesondere Dalia Stasevska, diesjährige Gastdirigentin des BBC Symphony Orchestra, stört sich nämlich an "Rule, Britannia!". Das Besingen einer glorreichen imperialen Vergangenheit sei in Zeiten von Black Lives Matter und bei zunehmender Beschäftigung mit den Schattenseiten des "Empire" nicht mehr zeitgemäß. Gegenüber der Sunday Times ließ die BBC verlauten:

Dalia ist eine große Unterstützerin von Black Lives Matter und hält eine Veranstaltung ohne Publikum für den perfekten Moment, um Veränderungen herbeizuführen.

Noch weiter geht Chi-chi Nwanoku, Leiterin eines Orchesters, das sich die Förderung nicht-weißer Musiker zur Aufgabe gemacht hat. Der Text von "Rule, Britannia!" sei eine Beleidigung. Nach Informationen des Guardian drängte sie den für die "Proms" verantwortlichen BBC-Chef gar, die Veranstaltung ausfallen zu lassen. Bezugnehmend auf die Passage im Liedtext "Briten werden niemals Sklaven sein" ("Britons never shall be slaves") führte sie gegenüber dem Guardian aus:

'Briten werden niemals Sklaven sein' bedeutet, dass es für andere in Ordnung ist, Sklaven zu sein, aber nicht für uns. Es spielt für die heutige Gesellschaft keine Rolle mehr. Es spielt seit Generationen keine Rolle mehr, doch wir scheinen es trotzdem weiter aufrechtzuerhalten.

Und auch "Land of Hope and Glory" steht in der Kritik. Wasfi Kani, Leiterin der Grange Park Opera und Kind indischer Eltern, äußerte sich nach Informationen der Frankfurter Rundschau kritisch. Großbritannien habe Indien "vergewaltigt", und das werde in diesem Lied "gefeiert".

Der Musikkritiker Norman Lebrecht, Autor des Blogs "Slippedisc", zeigte sich dagegen begeistert über den Streit, wie die Frankfurter Rundschau weiter zu berichten weiß. Denn auf diese Weise wüssten die Leute wenigstens, dass die Proms auch dieses Jahr stattfinden. Am Ablauf wolle er aber nichts ändern. Bei "Rule, Britannia!" handele es sich ansonsten um einen "Moment der Einigkeit".

Nach Informationen der FAZ sprach sich auch Premierminister Boris Johnson am vergangenen Montag für den Beibehalt der Musikstücke aus. Er glaube an die darin angesprochenen "Inhalte" und nicht an die Fokussierung auf "Symbole für Probleme". Letztlich sei dies aber eine Entscheidung der BBC und der Organisatoren der "Proms"-Konzerte. Kulturminister Oliver Dowden hatte nach FAZ-Informationen zuvor auf Twitter geschrieben: "Selbstbewusste, nach vorn schauende Nationen löschen ihre Vergangenheit nicht aus – sie fügen ihr etwas hinzu."

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