Nahost

Wird eine Aussöhnung zwischen Ankara und Damaskus den zwölf Jahre alten Konflikt beenden?

Eine gemeinsame Basis mit Ankara zu finden, könnte Damaskus helfen, viele Probleme zu lösen, einschließlich der Beendigung der US-Besetzung syrischer Gebiete. Eine türkisch-syrische Annäherung könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein.
Wird eine Aussöhnung zwischen Ankara und Damaskus den zwölf Jahre alten Konflikt beenden?Quelle: Gettyimages.ru © Anadolu Agency

Von Robert Inlakesh

Gegen den Willen Washingtons scheinen sowohl die syrische als auch die türkische Führung einer Wiederherstellung ihrer Beziehungen näherzukommen. Könnte eine solche Annäherung nach einer fast zwölfjährigen Unterbrechung der Beziehungen den Weg ebnen, um das letzte Kapitel des brutalen Krieges in Syrien abzuschließen, indem die derzeitige Pattsituation durchbrochen wird?

Laut dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu könnte er seinen syrischen Amtskollegen Faisal al-Miqdad bereits im kommenden Februar treffen, um weitere Gespräche über die Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen den beiden Staaten zu führen. Trotz des Protests des Sprechers des US-Außenministeriums, Ned Price, der sagte, dass die USA "Länder nicht dabei unterstützen, ihre Beziehungen zu Syrien zu verbessern oder ihre Unterstützung für die Rehabilitierung des brutalen Diktators Baschar al-Assad auszudrücken", setzen Ankara und Damaskus ihren Weg in Richtung Normalisierung der Beziehungen fort.

Der erste große Schritt zur Wiederherstellung der Beziehungen erfolgte Ende Dezember, als Berichten zufolge die Verteidigungsminister der Türkei und Syriens in Moskau zusammentrafen. Was aus diesem Treffen hervorging, war Ankaras ausdrückliche verbale Zusage, die territoriale Integrität Syriens zu respektieren, die anhaltende Flüchtlingskrise zu lösen und sich gegen "alle terroristischen Gruppierungen" zu verteidigen, die eine Bedrohung an den türkischen Grenzen darstellen. Dies hat zu vielen Spekulationen über die Bedingungen geführt, die für eine ordnungsgemäße Wiederherstellung der Beziehungen auf beiden Seiten geschaffen werden müssen.

Aus Sicht der türkischen Regierung könnte eine Annäherung an Damaskus eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen, darunter bei der Bekämpfung der kurdisch geführten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), die hauptsächlich von der YPG kontrolliert werden und die wiederum von Ankara als Terrororganisation eingestuft wird. Ende vergangenen Jahres, im November, lancierte die Türkei eine Luftoperation unter dem Namen "Operation Tigerkralle", die darauf abzielte, die YPG im Nordosten Syriens anzugreifen. Aus Sicht der türkischen Regierung stellt die YPG eine Gefahr für die nationale Sicherheit der Türkei dar und wird beschuldigt, im vergangenen Jahr einen Bombenanschlag im Zentrum von Istanbul geplant zu haben. Die Luftoperation wurde als Antwort der Türkei auf diese Bedrohung dargestellt. Ebenfalls auf der erklärten Agenda Ankaras steht eine dritte Operation am Boden in Nordsyrien, die laut dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan jederzeit beginnen könnte, um einen 30 Meilen tiefen "Sicherheitspuffer" im Norden Syriens und des Irak entlang der türkischen Grenze zu schaffen.

Die Türkei bietet derzeit über 3,6 Millionen syrischen Flüchtlingen Zuflucht und ist damit das weltweit größte Aufnahmeland für Flüchtlinge. Nun wird die Türkei aufgefordert, einige der Flüchtlinge, die nach der Wiederherstellung des Friedens in ihr Heimatland zurückkehren können, zu repatriieren. Eine mögliche Normalisierung der Beziehungen zwischen Damaskus und Ankara könnte der Schlüssel zu Verhandlungen nicht nur über eine umfassendere Lösung des Konflikts in Syrien sein, sondern auch über Vereinbarungen zu Flüchtlingsfragen und zur Bekämpfung der bewaffneten kurdischen Gruppen auf syrischem Territorium.

Die Regierung von Baschar al-Assad war seit 2019 nicht in der Lage, nennenswerte militärische Anstrengungen zu unternehmen, da die militärische Präsenz der Türkei in der syrischen Provinz Idlib die Syrisch-Arabische Armee (SAA) und ihre Verbündeten daran hinderte, den al-Qaida-Ableger Haiʾat Tahrir asch-Scham zu bekämpfen, der das Gebiet weitgehend kontrolliert. Die Türkei drang in zwei Fällen in den Norden Syriens ein, zuerst im Jahr 2018 im Nordwesten und dann im Jahr 2019 im Nordosten und besetzte, zusammen mit einer Stellvertretertruppe namens Syrische Nationale Arme (SNA), einen Streifen syrischen Territoriums.

Nebst dem Bestreben nach einem türkischen Rückzug aus syrischen Territorien im Norden ist ein anhaltendes Problem für Damaskus die De-facto-Besetzung eines Drittels des Landes durch die USA. Das US-Militär besetzt zusammen mit seiner kurdischen Stellvertretertruppe, den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF), den Nordosten Syriens, wo sich die fruchtbarsten landwirtschaftlichen Flächen zusammen mit 90 Prozent der Ölressourcen des Landes befinden. Während ein Angriff auf Idlib oder den Nordosten die SAA wahrscheinlich in direkten Konflikt mit den USA oder der Türkei bringen würde, könnte eine Normalisierung der Beziehungen zu Ankara diese Gleichung dramatisch ändern.

Wenn die syrische Regierung die türkische Position übernehmen soll, dass die SDF eine terroristische Gruppierung und eine Sicherheitsbedrohung darstellt, könnte hypothetisch eine Einigung erzielt werden, wonach jeder zukünftigen türkischen Offensive im Norden eine syrische Offensive folgen könnte, um schließlich den Euphrat zu überqueren und das Territorium rund um die Ölfelder von al-Omar zu befreien. In beiden früheren türkischen Offensiven verließen die zur Unterstützung ihrer kurdischen Verbündeten dort stationierten US-Streitkräfte das Territorium vollständig, wahrscheinlich aus Angst vor einer unnötigen Konfrontation mit einem anderen NATO-Staat. Das US-Militär hat auch kein offizielles Recht, in Syrien Krieg zu führen, da keine Zustimmung für die Besetzung von Gebieten oder Kriegshandlungen durch den Kongress erteilt wurde. Wenn die Türkei einmarschiert, werden sich die USA wahrscheinlich wieder aus dem Nordosten Syriens zurückziehen und damit der syrischen Regierung eine Chance eröffnen.

Wenn Syrien einen Rückzug der türkischen Streitkräfte aus dem Nordwesten des Landes aushandeln kann, könnte dies zumindest die Wiedereröffnung lebenswichtiger Routen zwischen Aleppo und Damaskus ermöglichen, zu einer Offensive in Idlib führen und/oder sogar den Weg ebnen zu einem endgültigen Friedensabkommen, um den Konflikt zu beenden. Obwohl sowohl die Türkei als auch Syrien sich während des Krieges als Todfeinde gegenüberstanden und sich Ankara als vielleicht größte Hilfe bei den Bemühungen zum Sturz der Regierung von Assad erwies, ist es unvermeidlich, dass sich beide Seiten irgendwann versöhnen müssen, nachdem sich die syrische Regierung als siegreich gegen alle Fraktionen gezeigt hat, die in dem von den USA unterstützten Krieg gegen sie gekämpft hatten.

Auch wenn die syrische Regierung in der Lage sein sollte, den größten Teil des Landes zurückzuerobern, bleiben die größte Herausforderung die Wirtschaftssanktionen des Westens, die die Wirtschaft des Landes lahmlegen und die Zivilbevölkerung in Massenarmut gestürzt haben. Vielleicht könnte die Wiederherstellung der Kontrolle über die landwirtschaftlichen Flächen und natürlichen Ressourcen zu einer Erholung beitragen. Die Sanktionen behindern jedoch eindeutig die Wiederaufbaubemühungen und den Import lebenswichtiger Güter und haben zu Wirtschafts-, Strom-, Gas-, Wasser- und verschiedenen anderen Krisen im Land geführt. All diese Auswirkungen der Sanktionen, einschließlich der Verschärfung eines aktuellen Cholera-Ausbruchs in Syrien, haben die UN-Expertin Alena Douhan dazu veranlasst, den Westen aufzufordern, seine "erstickenden" Sanktionen einseitig aufzuheben.

Die syrische Regierung hat noch einen langen Weg vor sich, um die Krise zu beenden und die leidende Nation und ihr Volk wiederzubeleben. Eine türkisch-syrische Annäherung könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Aus dem Englischen.

Robert Inlakesh ist politischer Analyst, Journalist und Dokumentarfilmer und lebt derzeit in London. Er hat aus den besetzten palästinensischen Gebieten berichtet und dort gelebt und arbeitet derzeit für Quds News und Press TV. Er ist Regisseur des Films "Diebstahl des Jahrhunderts: Trumps Palästina-Israel-Katastrophe". Man kann ihm auf Twitter unter @falasteen47 folgen.

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