Nahost

Luftwaffe, Artillerie und Panzer – Israel verschärft die Angriffe auf Gazastreifen

Die israelische Armee greift Ziele im Gazastreifen nun auch mit Artillerie und Panzern an. Bei massiven Angriffen soll ein Tunnelsystem der Hamas zerstört worden sein. Seit Montag kamen 115 Palästinenser ums Leben, darunter 27 Kinder. In Israel starben sieben Menschen.
Luftwaffe, Artillerie und Panzer – Israel verschärft die Angriffe auf GazastreifenQuelle: AFP © QUSAY DAWUD / AFP

In der Nacht zum Freitag haben die Israelischen Streitkräfte (IDF) ihre Angriffe auf den Gazastreifen weiter verschärft. Ein Sprecher der Armee sagte laut Deutsche Presse-Agentur (dpa) am Freitagmorgen, in der Nacht hätten 160 Luftfahrzeuge in zwölf Geschwadern Objekte im Gazastreifen angegriffen. Als Ziel wurde ein als "Metro" bezeichnetes Tunnelsystem der Hamas genannt. Dabei soll es sich nach Angaben des israelischen Militärs um eine Art "Stadt unter der Stadt" handeln, die von der Hamas über Jahre hinweg ausgebaut wurde. Das israelische Fernsehen berichtete, es sei der heftigste und breitest angelegte Angriff auf den Gazastreifen seit Beginn der Eskalation am Montag gewesen.

Parallel dazu beschoss die israelische Armee den Küstenstreifen auch mit Artillerie und Panzern. Am Donnerstagabend schrieben die IDF auf Twitter:

"Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an."

In der Folge kursierten Gerüchte, Israel hätte eine Bodenoffensive im Gazastreifen begonnen, eine Nachricht, die von mehreren Medien aufgegriffen wurde. Nach Angaben der dpa entschuldigte sich ein Armeesprecher jedoch später für die Fehlkommunikation.

Im Gegenzug setzten militante Palästinenser ihre heftigen Raketenangriffe auf israelische Bevölkerungszentren fort. Am Donnerstagabend wurden erneut zahlreiche Städte beschossen, darunter Aschkelon, Aschdod und Modiin. Auch in Richtung des internationalen Flughafens bei Tel Aviv wurden Raketen abgefeuert. Israelische Behörden riefen Israelis in den Grenzorten in einer Entfernung von bis zu vier Kilometern zum Gazastreifen auf, sich bis auf Weiteres in Schutzräume zu begeben.

Nach Angaben der israelischen Zeitung Haaretz wurden seit Montag im Gazastreifen mindestens 115 Palästinenser getötet, darunter 27 Kinder. Hunderte Menschen wurden verletzt. Allein am Donnerstag wurden laut der Nachrichtenagentur Reuters 52 Palästinenser getötet. Auf israelischer Seite kamen bislang sieben Personen ums Leben, darunter zwei Kinder.

Keine Deeskalation in Sicht

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu begrüßte die intensiven Luftangriffe auf den Gazastreifen. In einer Videoansprache betonte er, man werde die Angriffe "mit großer Intensität fortsetzen":

"Ich habe gesagt, dass Hamas einen sehr hohen Preis zahlen wird. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen und diese Operation wird so lange wie nötig weitergehen."

Der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz hat angesichts der Eskalation die Mobilisierung weiterer 9.000 Reservisten genehmigt. Vor zwei Tagen hatte die Armee bereits 5.000 Reservisten mobilisiert. Nach Medienberichten bereitet sich die Armee auf eine mögliche Bodenoffensive vor.

Ein Sprecher der Hamas sagte laut dpa, man sei bereit, eine israelische Bodenoffensive abzuwehren. Dies sei "eine Gelegenheit, weitere tote Soldaten und Gefangene des Feindes in unseren Besitz zu bringen".

Seit Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan Mitte April eskaliert der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. In den vergangenen Tagen kam es zunächst vor allem in Jerusalem zu heftigen Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Auslöser waren unter anderem Polizeiabsperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die die Bewegungsfreiheit der Palästinenser einschränkten, sowie drohende Zwangsräumungen mehrerer palästinensischer Familien im Stadtviertel Scheich Dscharrah. Am Montag stürmte das israelische Militär die al-Aqsa-Moschee, die drittheiligste Stätte des Islam. Seitdem nehmen die Feindseligkeiten ihren Lauf.

Maas sieht die Verantwortung bei der Hamas

Eine andere Interpretation hat der deutsche Außenminister Heiko Maas vor Augen. In einem Interview mit der Bild-Zeitung behauptet der SPD-Politiker, die Hamas sei für die Eskalation verantwortlich:

"Zumindest die jüngste Eskalation hat Hamas mutwillig herbeigeführt, indem sie über tausend Raketen auf israelische Städte geschossen hat."

Maas betonte das Selbstverteidigungsrecht Israels. Gleichzeitig wolle die Bundesregierung aber alle Kanäle nutzen, um auf eine Entspannung der Lage hinzuwirken. Für Maas steht fest:

"Letztlich wird nur eine verhandelte Zweistaaten-Lösung den fatalen Kreislauf der immer wiederkehrenden Gewalt durchbrechen können."

In der Bundesrepublik kam es unterdessen zu mehreren anti-israelischen Demonstrationen. Mancherorts wurden israelische Flaggen angezündet. In Gelsenkirchen stoppte die Polizei am Mittwochabend einen Demonstrationszug, der sich in Richtung Synagoge bewegte. Die Polizei berief sich auf Sprechchöre mit antisemitischen Inhalten. Minister Maas forderte den Verbot derartiger Demonstrationen, "wenn Straftaten zu erwarten sind". Gleichzeitig zeigte er sich besorgt über die Außenwirkung:

"Andererseits sollen Aufwiegler nicht behaupten können, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland eingeschränkt sei."

Für große Aufregung sorgte am Mittwoch die Stadt Solingen (NRW). Dort hatte man vor dem Rathaus die israelische Flagge gehisst. Nach Angaben der Stadtverwaltung habe man hiermit an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der BRD am 12. Mai 1965 erinnern wollen. Die Flagge wurde in der Nacht zum Donnerstag von Unbekannten heruntergerissen und verbrannt. Die benachbarte Stadt Hagen holte deswegen vorsorglich eine ebenfalls vor dem Rathaus gehisste Israelflagge ein.

Angesichts der Geschehnisse meldete sich auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Wort. Er warnte laut der Bild-Zeitung, "nichts rechtfertigt die Bedrohung von Jüdinnen und Juden in Deutschland oder Angriffe auf Synagogen in deutschen Städten". Er fordert ein polizeiliches Eingreifen:

"Unser Grundgesetz garantiert das Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit. Wer aber auf unseren Straßen Fahnen mit dem Davidstern verbrennt und antisemitische Parolen brüllt, der missbraucht nicht nur die Demonstrationsfreiheit, sondern der begeht Straftaten, die verfolgt werden müssen."

Mehr zum Thema - Israels neue Lage: Innenpolitische Eskalation, außenpolitische Isolation

(rt/dpa)

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