Nahost

Umfrage-Schock für Erdoğan: Oppositionspolitiker liegen vorne

Die Türkei steht vor einer doppelten Herausforderung: einerseits die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Krise, andererseits eine längerfristige strukturelle Schieflage der türkischen Wirtschaft. Immer mehr Wähler wenden sich von Präsident Erdoğan und seiner Partei ab.
Umfrage-Schock für Erdoğan: Oppositionspolitiker liegen vorneQuelle: www.globallookpress.com © Depo Photos/Keystone Press Agency

Eine Umfrage hat ergeben, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan an Popularität eingebüßt hat. Die Umfrage, die von der Yöneylem Sosyal Araştırmalar Merkezi durchgeführt wurde und deren Resultate zuerst in der oppositionellen Zeitung Cumhuriyet veröffentlicht wurden, ergab, dass sich der amtierende türkische Präsident beim zweiten Wahlgang weniger Stimmen sichern würde als zwei führende Oppositionspolitiker der Republikanischen Volkspartei (CHP). An der Umfrage nahmen 3.605 Personen teil.

Gegenüber Ekrem İmamoğlu, dem amtierenden Bürgermeister der größten türkischen Stadt Istanbul, käme Erdoğan nur auf 40,3 Prozent der Stimmen. Sein Rivale könnte dagegen fast 43 Prozent für sich sichern. Mehr als fünf Prozent der Befragten gaben an, unentschlossen zu sein.

In einem Rennen mit dem Bürgermeister der Hauptstadt Ankara, Mansur Yavaş, würde Erdoğan sogar noch schlechter abschneiden. Hier käme er noch nicht einmal auf 39 Prozent. Yavaş hingegen würde mehr als 46 Prozent der Stimmen für sich gewinnen. Auch hier gaben mehr als fünf Prozent der potenziellen Wähler an, noch unentschlossen zu sein.

Bei einem Duell zwischen Erdoğan und den Parteivorsitzenden der Oppositionsparteien CHP und IYI-Partei (wörtlich: Gute Partei) hingegen würde Erdoğan den Sieg davontragen. Der türkische Präsident liegt bei den Befragten mehr als vier Punkte vor Meral Akşener, der Vorsitzenden der IYI-Partei, einer moderaten Abspaltung der Partei der nationalistischen Bewegung (MHP), die derzeit in einem Bündnis ist mit Erdoğans regierender Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP). Kemal Kılıçdaroğlu, Vorsitzender der CHP, schneidet sogar noch schlechter ab. Erdoğan würde 45,5 Prozent erhalten gegenüber den mageren 32,4 Prozent von Kılıçdaroğlu.

Die Umfrage ergab auch, dass sich Erdoğan Sorgen um die Mehrheit seiner Regierungspartei im Parlament machen muss. Zwar bliebe seine Partei mit 27,2 Prozent die größte Partei, jedoch käme ihr Bündnispartner MHP nur auf 5,6 Prozent. Die CHP landet auf Platz zwei mit 17 Prozent. Die IYI-Partei kommt auf 9,3 Prozent. 7,5 Prozent der Befragten gaben an, für die prokurdische Demokratische Partei der Völker (HDP) stimmen zu wollen. 16 Prozent der Beteiligten erklärten, sie seien noch unentschlossen. Bei allen Umfragen gaben zwischen acht und 15 Prozent der Befragten an, nicht an der Wahl teilnehmen zu wollen.

Gegenüber einer Umfrage desselben Instituts vom Februar lässt sich ein eindeutiger Negativtrend für den türkischen Präsidenten und seine Partei ausmachen. Die für Umfragen zuständige Generalkoordinatorin des Instituts, die Universitätsdozentin Dr. Derya Kömürcü, erklärte in einem Interview mit der Cumhuriyet, dass die Wahlergebnisse der AKP allmählich auf ihre Stammwählerschaft schrumpfen. Eine im März durchgeführte Umfrage habe ergeben, dass die AKP über eine entschlossene Stammwählerschaft in Höhe von 15 Prozent verfügt, die in jedem Fall der Partei ihre Stimmen geben würde. Zusätzlich dazu gebe es ein Milieu von etwa neun Prozent der Wählerschaft, das zwar nicht sagt, es würde unter allen Umständen für die AKP stimmen, das jedoch letztendlich fast ausschließlich für Erdoğans Partei stimmt.

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