Asien

Russische Denkfabrik: IS-Terrormilizen in Afghanistan gefährlicher als Taliban

Nach dem Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan, sehen sich die Taliban als Sieger des zwei Jahrzehnte dauernden Krieges gegen die ausländischen Soldaten in ihrem Land. Eine größere Bedrohung sieht RIAC-Direktor Kortunow aber in den IS-Milizen, die im Schatten des Abzugs ihre Positionen stärken könnten.
Russische Denkfabrik: IS-Terrormilizen in Afghanistan gefährlicher als TalibanQuelle: AFP © Wakil Kohsar

In Afghanistan weiten sich die Gefechte zwischen den Taliban und den Kräften der Regierung in Kabul weiter aus. Große Städte drohen in die Hand der Taliban zu fallen. Die Taliban hatten in den letzten Tagen Bezirk für Bezirk die Gebiete in Norden des Landes überrannt, ohne wirklich auf Widerstand der afghanischen Armee zu stoßen. 

Die sich verschärfenden Angriffe der Taliban in Afghanistan inmitten des US-Truppenabzugs seien ein Beweis dafür, dass die Operation des Westens in diesem Land eine schwere Niederlage erlitten habe, sagte der Generaldirektor des Russischen Rates für internationale Angelegenheiten (RIAC), Andrei Kortunow, am Montag gegenüber TASS. "Allem Anschein nach geht die Offensive der Taliban viel schneller voran als vorhergesagt", fügte er hinzu.

Je weiter die Taliban vorrückten, desto wahrscheinlicher werde "ein ziemlich entschlossener Machtwechsel" in Afghanistan, so Kortunow. Die USA hätten es versäumt, einen Kompromiss mit den Taliban zu erzielen, "die sich als Gewinner dieses Krieges sehen". Nach der Ankündigung des US-Truppenabzugs "haben die USA ihren Einflusshebel auf die Taliban verloren, den sie zuvor hatten", stellte der russische Experte fest.

Trotz des Abzugsplans gebe es für die USA mehrere Möglichkeiten, eine Teilpräsenz in Afghanistan aufrechtzuerhalten, sagte Kortunow. Washington erwäge die Möglichkeit, Zugang zu militärischen Infrastrukturen "rund um Afghanistan, insbesondere in zentralasiatischen Staaten", zu bekommen, um sie zur Unterstützung der Regierung in Kabul aus der Luft zu nutzen, so Kortunow weiter. In den letzten Tagen berichteten US-Medien, dass das Pentagon erwäge, nach dem US-Abzug aus dem Land Luftangriffe in Afghanistan durchzuführen, wenn die Hauptstadt Kabul oder eine andere Großstadt an die Taliban zu fallen droht.

"Eigentlich wollten die US-Amerikaner die Funktion übernehmen, die die russische Luftwaffe in Syrien ausübt. Aber es gibt keine Klarheit darüber, wie ausreichend diese Unterstützung sein wird. Die meisten Experten sehen diese Option skeptisch, da im Fall Syriens pro-iranische Milizen (als Bodentruppen) eine große Rolle dabei spielten, abgesehen von der russischen Luftunterstützung und so weiter."

Im Zuge des innenpolitischen Konflikts sei die Stärkung der Positionen von der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) auf afghanischem Boden "eine ernsthafte Bedrohung", sagte der Experte. Der Islamische Staat sei insofern gefährlicher als die Taliban, als die Taliban-Kämpfer mit all ihren spezifischen politischen Vorgaben in erster Linie afghanische Nationalisten seien, die versuchen, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen, ohne dass sie irgendwelche regionalen oder internationalen Expansionspläne hätten. Allerdings hätten IS-Terrorgruppen oder al-Qaida zweifellos solche Pläne. "Für sie ist Afghanistan nur ein Ort, um Operationen zu planen", sagte Kortunow.

Die russische Denkfabrik Waldai-Klub geht auch in diesem Zusammenhang der Afghanistan-Frage nach und stellt anhaltende Konflikte unter ethnischen Gruppen in Afghanistan als größte Herausforderung für die Zukunft des Landes. Die größte Zukunftsfrage Afghanistans und die größte Herausforderung für die Regionalmächte werden die Beziehungen der Taliban zu den nicht-paschtunischen Ethnien sein, von denen viele in den 1990er Jahren sehr hart gegen die Taliban kämpften. "Werden die Taliban in der Lage sein, sich mit diesen Gruppen zu verständigen, um ihnen lokale Autonomie zu garantieren?"

In den letzten Jahren hätten die Taliban beträchtliche Fortschritte bei der Rekrutierung von Kämpfern aus nicht-paschtunischen Ethnien erreicht. Sie blieben aber eine hauptsächlich paschtunische Kraft und werden als solche angesehen, analysiert der Autor im Waldai-Klub.

"Wenn zwischen den Taliban und anderen ethnischen Gruppen keine Form der Einigung erzielt werden kann, droht Afghanistan ein endloser Bürgerkrieg mit anhaltenden Strömen von Flüchtlingen, Drogen und Terroristen in die Nachbarländer und nach Europa. Die erste Aufgabe der regionalen Diplomatie muss es daher sein, solche Vereinbarungen zu vermitteln."

Die USA marschierten vor etwa 20 Jahren in Afghanistan ein, um die Taliban zu bekämpfen und den Afghanen "Demokratie" zu bringen. Nun bleibt den USA allerdings nichts anderes übrig, als die Entscheidung zum Abzug umzusetzen, obwohl sie keines ihrer Ziele erreicht haben. Die Taliban sind wieder dabei, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen. 

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