Afrika

Afrika und der Ukraine-Krieg – Neutralität oder Parteinahme?

Im anhaltenden Patt zwischen dem Westen und dem Osten wird Afrika versuchen, neutral zu bleiben. Aber die dramatische Verschärfung der globalen Spannungen werden sich zweifellos auf die wirtschaftliche und politische Landschaft innerhalb des afrikanischen Kontinents auswirken.
Afrika und der Ukraine-Krieg – Neutralität oder Parteinahme?Quelle: AFP © Michele Cattani / AFP

Eine Analyse von Andrei Maslow und Wsewolod Swiridow

Die im Februar von Russland in der Ukraine eingeleitete Militäroperation und die darauffolgende dramatische Verschärfung der globalen Spannungen werden sich mittelfristig zweifellos auf die wirtschaftliche und politische Landschaft Afrikas auswirken, ebenso wie auf das Gleichgewicht der auf dem Kontinent tätigen externen Mächte und auf Afrikas Entwicklungstempo in Schlüsselbereichen.

Auf diplomatischer Ebene hat sich Afrika, wie ein Großteil der Länder des Globalen Südens, für eine neutrale Haltung gegenüber dem Konflikt entschieden. 26 von 54 afrikanischen Staaten haben die Resolution der UN-Generalversammlung zur Verurteilung des russischen Vorgehens in der Ukraine nicht unterstützt. Eritrea stimmte dagegen, während sich 17 andere afrikanische Länder (von insgesamt 35) der Stimme enthielten. Dazu gehören Algerien, Angola, Burundi, Simbabwe, die Republik Kongo, Madagaskar, Mali, Mosambik, Namibia, Senegal, Sudan, Tansania, Uganda, die Zentralafrikanische Republik, Äquatorialguinea, Südafrika und Südsudan. Acht weitere Länder haben nicht abgestimmt: Burkina Faso, Guinea, Guinea-Bissau, Kamerun, Marokko, Togo, Eswatini und Äthiopien. Ägypten hat zwar seine Unterstützung für die Resolution zum Ausdruck gebracht, hält aber dennoch an der konstruktiven Zusammenarbeit mit Russland fest. Kein Land des afrikanischen Kontinents hat sich bisher den Sanktionen angeschlossen.

Bemerkenswerterweise schlossen sich sowohl der Senegal als auch Tansania, die führenden Volkswirtschaften des Kontinents des vergangenen Jahrzehnts, nicht der Verurteilung Russlands durch ihre traditionellen Handels- und Geschäftspartner an. Nicht minder bedeutsam ist die Erklärung des südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa, der im Parlament sagte, "der Krieg hätte vermieden werden können, wenn die NATO über die Jahre hinweg die Warnungen aus den eigenen Reihen beherzigt hätte, dass ihre Osterweiterung zu mehr und nicht zu weniger Instabilität in der Region führen würde."

Seit Beginn der Sonderoperation in der Ukraine hat Präsident Wladimir Putin mit drei afrikanischen Staatsoberhäuptern telefoniert: mit dem senegalesischen Präsidenten Macky Sall (der bis Februar 2023 auch den Vorsitz der Afrikanischen Union innehat), dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fatah El-Sisi und dem südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa.

Offiziellen Verlautbarungen zufolge hat die Situation bisher nichts an den Plänen für den zweiten Russland-Afrika-Gipfel geändert, der noch in diesem Jahr stattfinden soll. Am 3. März erklärte der Sonderbeauftragte des Präsidenten für Afrika und den Nahen Osten, Michail Bogdanow, gegenüber der russischen Nachrichtenagentur TASS, dass "die Vorbereitungen im Gange sind" und "die Termine für den Gipfel noch bekannt gegeben werden müssen."

Unterdessen werden der militärische Konflikt, die Sanktionen und die von der russischen Regierung eingeleiteten wirtschaftlichen Maßnahmen zur Stabilisierung des Binnenmarktes zweifellos erhebliche Auswirkungen auf die afrikanischen Volkswirtschaften haben.

Zwischen 2015 und 2020 lieferten Russland und die Ukraine bis zu 25 Prozent der gesamten Weizeneinfuhren nach Afrika.

Der Sektor ist von zahlreichen Auswirkungen betroffen, darunter ein potenzielles vorübergehendes Verbot von Weizenexporten, eine Unterbrechung der Aussaat in der Ukraine, Verzögerungen bei der Verschiffung über die Schwarzmeerroute und eine drohende Düngemittelkrise, die auch andere wichtige Weizenlieferanten Afrikas, wie beispielsweise Frankreich und Brasilien, betreffen könnte. Diese Probleme stellen eine ernsthafte Bedrohung für die Ernährungssicherheit einer Reihe afrikanischer Länder dar, darunter Ägypten, Algerien, Sudan und Tansania.

Gleichzeitig werden sich die Versorgungsstörungen unterschiedlich auf die afrikanischen Länder auswirken. In Nigeria beispielsweise kann dieses Problem relativ schmerzlos gelöst werden: Weizen ist in diesem Land ein Handelsgut mit variabler Nachfrage und hat einen Marktanteil, der mit dem von anderen Kulturpflanzen wie Mais und Maniok vergleichbar ist.

In anderen Bereichen bedroht die Situation jedoch nicht nur die Nachfrage, sondern stellt auch eine Reihe von Geschäftsvorhaben in Frage, z. B. Großinvestitionen in ein Infrastrukturnetz für die Lagerung von Weizen und anderen Feldfrüchten, da an einigen dieser Investitionsvorhaben russische Unternehmen und Finanzmittel beteiligt sind.

Ein weiteres anhaltendes Problem ist der Mangel an Logistikkorridoren aufgrund von Sanktionen und Beschränkungen. Derzeit ist Russland nicht in der Lage, umfangreiche Getreide- und Düngemittellieferungen über das Kaspische Meer und den Iran abzuwickeln.

Ein Sektor, in dem Afrika den Wandel ebenfalls zu spüren bekommen wird, ist der Energiemarkt. Einerseits bietet die Tatsache, dass Europa russisches Öl und Gas meidet, afrikanischen Ländern wie Algerien, Libyen und Nigeria die Möglichkeit, einzuspringen und die Lücke durch Kohlenwasserstoffexporte zu schließen. Andererseits scheint diese Chance bisher rein hypothetisch zu sein, da keines dieser Länder über die Kapazitäten verfügt, diese Chance innerhalb der nächsten fünf Jahre zu ergreifen.

Nigeria beispielsweise verfügt nicht über die Kapazitäten für freie Exporte, während andere Länder wie Algerien, Libyen und in geringerem Maße auch Ägypten möglicherweise nicht allzu viel überschüssiges Erdgas und Rohöl zu verkaufen haben. Ein weiteres Problem in diesem Bereich, mit dem man sich auseinandersetzen muss, sind die steigenden Ölpreise, die zu einem Anstieg der Preise für Erdölerzeugnisse führen. Die meisten afrikanischen Länder importieren Erdölerzeugnisse, und diese Krise wird die Länder, die auf importierten Diesel und Rückstandsheizöl angewiesen sind, wie Westafrika, am stärksten treffen.

Wenn die Eurozone in eine Krise gerät, könnten ein massiver Kapitalabfluss und eine anhaltende wirtschaftliche Konfrontation mit Russland für Afrika weniger wirtschaftliche und technische Unterstützung durch die EU und ihre Mitgliedstaaten bedeuten.

Auch die Zukunft der auf dem EU-Afrika-Gipfel im Februar im Rahmen des ehrgeizigen Global-Gateway-Investitionspaketes angekündigten Infrastrukturinvestitionsprojekte ist fraglich. Mittelfristig gibt die soziale und wirtschaftliche Lage in Westafrika den größten Anlass zur Sorge. Diese Region wurde von der COVID-19-Pandemie härter getroffen als andere, und eine neue Krise, die die Nahrungsmittel- und Energiesicherheit beeinträchtigt, könnte die regionalen politischen Systeme weiter destabilisieren.

Die globale Krise bestätigt einmal mehr die kritische Abhängigkeit Afrikas von Ereignissen, die nicht direkt mit dem Kontinent zusammenhängen. Dem Risiko einer solchen Destabilisierung kann durch Investitionen in die örtliche Produktion der wichtigsten Rohstoffkategorien begegnet werden, die für die Wirtschaft des Kontinents entscheidend sind: Düngemittel, Erdölerzeugnisse und Nahrungsmittel.

In dem sich entwickelnden Patt zwischen dem Westen und dem Osten wird Afrika versuchen, im übertragenen Sinne "über der Schlacht" zu stehen. Höchstwahrscheinlich wird es seine Ausgaben für die Verteidigung nicht erhöhen müssen. Um dies zu erreichen, muss es lediglich sicherstellen, dass die Konfrontation zwischen den USA, Russland und China den afrikanischen Kontinent nicht tangiert, und versuchen, seinen neutralen Status beizubehalten und dabei geeint zu bleiben – was derzeit ein Problem ist, wie die jüngste UN-Abstimmung gezeigt hat.

Übersetzt aus dem Englischen

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Andrei Maslow ist Direktor des Zentrums für Afrikastudien an der Wirtschaftshochschule Moskau.

Wsewolod Swiridow ist als Wissenschaftler bei Intexpertiseder Abteilung für Afrikastudien der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, tätig.

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