Wirtschaft

Tanker umgeleitet: Indien setzt wieder auf Erdöl und Gas aus Russland

Neu-Delhi hat sein Interesse an russischem Erdöl wiederentdeckt, nachdem die USA dessen Import verboten hatten. Gleich zwei Tanker mit Erdöl aus Russland wurden nach Indien umgeleitet. Neu-Delhi benötigt auch Flüssigerdgas, das einst aus Katar bezogen wurde, aber nun im Persischen Golf festsitzt.
Tanker umgeleitet: Indien setzt wieder auf Erdöl und Gas aus Russland© Urheberrechtlich geschützt

Von Olga Samofalowa

Indien – einer der vom Nahostkonflikt betroffenen Abnehmer für Energieressourcen – hat erneut damit begonnen, Tanker mit russischem Erdöl umzuleiten. Gleich zwei Tanker mit russischem Erdöl an Bord änderten laut der Nachrichtenagentur Bloomberg ihren Bestimmungsort von Ostasien nach Indien. Insgesamt lieferten sie 1,4 Millionen Barrel russisches Erdöl in indische Häfen.

In den letzten Monaten hat Indien aufgrund des Drucks der USA seine Einkäufe von russischem Erdöl reduziert. Während das Land Mitte letzten Jahres täglich zwei Millionen Barrel aus Russland importierte, waren es im Februar dieses Jahres nur halb so viel – 1,159 Millionen Barrel pro Tag.

Aber der südasiatische Staat hat nicht nur Probleme mit Öllieferungen für seine Raffinerien, sondern auch mit Gas. Es wird berichtet, dass Indien nach der Einstellung der Flüssigerdgasproduktion in Katar die Gaslieferungen für seine Industrien reduziert. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters beläuft sich die Reduzierung der Lieferungen auf 10 bis 30 Prozent. Der größte Flüssigerdgasimporteur Petronet LNG hat das staatliche Unternehmen GAIL und andere Marktteilnehmer über die Verringerung der verfügbaren Gasmengen informiert.

Igor Juschkow, Experte des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit und der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, sagt:

"Indien verfügt natürlich über Ölreserven, auf die es zurückgreifen kann, solange es keine Rohstoffe aus dem Nahen Osten erhält. Dennoch ist es aus zwei Gründen logisch, wieder russisches Erdöl zu kaufen. Der erste Grund ist, dass sich die Beziehungen zu den USA stark verändert haben. Russisches Öl wurde für die USA zum Vorwand, die Zölle auf indische Waren zu erhöhen und damit die Inder zu zwingen, ein für sie weniger vorteilhaftes Handelsabkommen zu unterzeichnen. Am Ende einigten sie sich, und Indien begann sogar, seine Erdöleinkäufe aus Russland zu reduzieren. Ein Teil davon wurde als Öl aus Drittländern getarnt. Die Situation änderte sich jedoch, als ein US-Gericht feststellte, dass all diese Zölle illegal sind. Nun ist es für Indien logisch, demonstrativ die Importe von russischem Öl sogar zu erhöhen, damit die USA nun statt der Peitsche das Zuckerbrot für den Verzicht auf russisches Öl anbieten."

Der zweite Grund ist dem Experten zufolge wirtschaftlicher Natur: Indien habe derzeit keine Hauptlieferanten für Erdöl mehr. Nach Russland lag Iran an zweiter Stelle der Öl-Lieferanten nach Indien, an dritter Stelle Saudi-Arabien und an vierter Stelle die Vereinigten Arabischen Emirate.

Heute kommt kein Erdöl mehr aus diesen Ländern. Durch Importe aus Russland können strategische Ölreserven für den Fall eines langwierigen Konflikts zwischen den USA und Iran eingespart werden. Wladimir Tschernow, Analyst bei Freedom Finance Global, meint dazu:

"Angesichts der militärischen Aktionen in der Region und der Risiken für Lieferungen durch die Straße von Hormus ist es für indische Raffinerien wichtig, schnell Mengen zu beschaffen, die ohne langwierige neue Ausschreibungen erhältlich sind. Genau aus diesem Grund kommen Lieferungen zum Einsatz, die sich bereits in der Nähe befinden und innerhalb der nächsten Tage entladen werden können."

Als Indien begann, russisches Erdöl abzulehnen, ging ein Teil der Mengen nach China, während ein anderer Teil in Tankern vor den Küsten Indiens und Chinas als schwimmende Lagerstätten angesammelt wurde. Juschkow hebt hervor:

"Dieses Öl wurde nicht verschifft, weil es keinen Sinn machte, es für einen Spottpreis zu verkaufen. Die Eigentümer dieses Öls zogen es vor, es in Tankern zu lagern und auf einen Preisanstieg zu warten, entweder aufgrund der Lage in Iran, was sich letztendlich bewahrheitete, oder aufgrund des Beginns der neuen Autosaison im Frühjahr."

In Tankern vor der Küste Indiens werden 9,5 Millionen Barrel mit Zugang innerhalb einer Woche und bis zu 30 Millionen Barrel in einem weitläufigen Gebiet des Indischen Ozeans gelagert. Tschernow erklärt:

"Es wird vielleicht nicht zu einem sprunghaften Anstieg der Lieferungen nach Indien kommen, wie in den Spitzenzeiten 2023 bis 2024, aber ein deutlicher Aufschwung ist durchaus realistisch. Auf dem Markt sind große russische Mengen im Umlauf, die schnell zwischen Indien und China umgeleitet werden können, und Indien versucht gerade, einen Teil dieser Lieferungen abzufangen, um nicht allein mit den erhöhten Risiken im Persischen Golf konfrontiert zu sein. Dabei ist die Konkurrenz mit China nach wie vor vorhanden. China verstärkt in solchen Momenten ebenfalls seine Einkäufe und ist überhaupt zu einem wichtigen Käufer auf dem Seeweg geworden."

Für Russland ist das natürlich ein großer Vorteil, da es seine Ladungen zu einem höheren Preis verkauft und zudem mit Preisnachlässen zwischen den beiden größten asiatischen Märkten manövrieren kann, fügt der Experte hinzu.

Nach Einschätzung von Juschkow könnte Russland grundsätzlich seine Förder- und Exportmengen um weitere 300.000 bis 400.000 Barrel pro Tag steigern, da die OPEC+ keine Beschränkungen auferlegt und die Nachfrage nach russischem Erdöl vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse steigt.

Die Situation mit Flüssiggas (LNG) in Indien ist offensichtlich schwieriger, und die Gasvorräte reichen nicht aus, weshalb Neu-Delhi die Gaslieferungen für seine Verbraucher reduzieren musste, wobei immer zuerst die Industrie betroffen sein wird. Tschernow erklärt:

"Mit LNG ist es in Indien derzeit schwieriger als mit Öl, weil die Lieferkette anfälliger ist und an bestimmte Terminals, Verträge und Lieferwege gebunden ist.

Wenn die 'langen' Lieferungen aus Katar ausfallen oder sich verzögern, wird das Gas vorrangig für kritisch wichtige Bereiche verwendet, und der Verbauch durch die Industrie wird als erstes eingeschränkt, da ihr Bedarf teilweise durch Heizöl, Kohle oder einfach durch eine vorübergehende Stilllegung gedeckt werden kann."

Russland kann Indien grundsätzlich auch mit Flüssigerdgas helfen. Allerdings wird es schwierig sein, dies schnell und in großen Mengen zu tun, da es Beschränkungen hinsichtlich der verfügbaren schnellen Mengen und der Flotte gibt. Tschernow sagt:

"Die realistischste Option auf kurze Sicht sind kleine Spot-Lieferungen und Swaps über asiatische Händler, auf lange Sicht sind es bereits einzelne Verträge, die an neue Projekte und Infrastruktur gebunden sind.

Die steigenden Preise für Öl und Gas, Frachtkosten und Versicherungen bergen Risiken für eine Inflation und die Zahlungsbilanz Indiens. Der Krieg wirkt sich auch auf die Lieferungen von Düngemitteln nach Asien aus, und Indien ist hier aufgrund seines hohen Importanteils anfällig."

Ein separates Thema sind Erdölprodukte und Exportströme. Der Experte erklärt:

"Indien hat in den letzten Jahren aktiv Diesel und andere Produkte exportiert, unter anderem nach Europa, und dabei davon profitiert, dass der europäische Markt nach den Sanktionen auf alternative Lieferanten umgestiegen ist. Vor dem Hintergrund des Krieges wird der Markt für Mitteldestillate nervös, und die Logistik wird teurer. Der Nahe Osten ist wichtig für den Export von Diesel und Flugbenzin, insbesondere nach Europa, und bei Störungen steigen die Prämien für Diesel und Kerosin. Für Indien hat dies einen doppelten Effekt, da einerseits die Verarbeitungsmarge aufgrund des Dieseldefizits sogar steigen kann, andererseits aber die Risiken in Bezug auf die Rohstofflieferungen, die Versicherung von Tankern und die Lieferfristen zunehmen."

Dies schränke wiederum den Export ein und erhöhe die Volatilität.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 6. März 2026 auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung "Wsgljad".

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