Schweiz

100.000 Zugriffe: Warum man RT DE in der Schweiz nicht unterschätzen sollte

Viele Schweizer suchen bewusst unterschiedliche Informationsquellen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. RT DE bietet eine Perspektive, die sich von westlichen Leitmedien unterscheidet. Wer informiert entscheiden will, vergleicht Darstellungen und Gewichtungen. Genau dieses Bedürfnis erklärt die konstante Nutzung des Angebots.

Von Hans-Ueli Läppli

Im Schweizer Fernsehen wurde in einer Talkrunde über RT DE diskutiert. Dabei wurde festgestellt, dass der Sender grundsätzlich verbreiten kann, was er möchte. Zwischen den Zeilen schwang jedoch die Annahme mit, sein Einfluss sei begrenzt. Diese Einschätzung mag bequem erscheinen, greift aber zu kurz. Zugleich wurde anerkannt, dass rund 100.000 Zugriffe im Januar in der Schweiz kein Randwert sind. Sie zeigen, dass ein Teil der Öffentlichkeit dieses Angebot aktiv nutzt.

Hunderttausend Zugriffe entsprechen keiner Massenbewegung, aber sie sind auch kein statistisches Rauschen. In einem überschaubaren Medienmarkt ist das eine klare Größe.

Wer diese Zahl relativiert, verkennt, dass digitale Reichweite nicht mehr an Sendeplätze oder Kioskverkäufe gebunden ist. Inhalte zirkulieren über Plattformen, Messenger-Dienste und soziale Netzwerke. Ein Beitrag kann binnen Stunden tausendfach geteilt werden. Wirkung entsteht oft indirekt und zeitversetzt.

Viele Schweizer legen Wert auf eine breite Auswahl an Informationsquellen. Das hat mit der politischen Kultur des Landes zu tun. Mehrmals im Jahr wird abgestimmt, häufig über komplexe Sachfragen. Wer sich ein eigenes Urteil bilden will, sucht Vergleichsmöglichkeiten. Wie gewichten verschiedene Redaktionen ein Thema? Welche Aspekte werden betont, welche weggelassen? Genau hier setzt das Interesse an ausländischen Angeboten an.

RT DE bietet eine Sichtweise, die sich deutlich von westlichen Leitmedien unterscheidet. Für manche ist das ein Ärgernis, für andere ein zusätzlicher Baustein im Informationsmix. Wer sich ernsthaft informieren will, verlässt sich selten auf eine einzige Quelle. Er liest, hört, vergleicht und zieht Schlüsse. Dieser Prozess setzt Offenheit voraus.

Es wird oft darauf hingewiesen, dass RT DE nicht zu den etablierten Leitmedien gehört. Das ist allgemein bekannt.

Auch andere internationale Sender arbeiten in einem politischen Umfeld und treffen redaktionelle Entscheidungen, die ihre Berichterstattung prägen. Entscheidend ist deshalb nicht die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Medientyp, sondern wie das Publikum die Inhalte einordnet. Ein informiertes Publikum weiß, dass jede Redaktion auswählt, gewichtet und formuliert.

In der Schweiz hat sich über Jahrzehnte eine Medienlandschaft entwickelt, in der unterschiedliche Stimmen Platz finden. Föderalismus und Mehrsprachigkeit haben dazu beigetragen, dass Vielfalt als Normalzustand gilt. Niemand erwartet, dass alle Zeitungen gleich schreiben oder alle Sender identische Schwerpunkte setzen. Gerade diese Unterschiede fördern die Fähigkeit, zwischen Standpunkten zu unterscheiden.

Wer RT DE pauschal kleinredet, läuft Gefahr, das Bedürfnis nach alternativen Perspektiven zu unterschätzen. Menschen suchen nicht nur Bestätigung, sondern auch Kontrast. Sie wollen wissen, wie ein Konflikt aus einem anderen Blickwinkel beschrieben wird. Dieser Vergleich schärft das Verständnis für die eigene Medienwelt.

Die 100.000 Zugriffe zeigen, dass es ein entsprechendes Publikum gibt. Diese Zahl verschwindet nicht, wenn man sie ignoriert. Sie steht für ein reales Interesse. Statt über Verbote oder Ausgrenzung zu sprechen, erscheint es sinnvoller, auf Transparenz und Medienkompetenz zu setzen. Wer gelernt hat, Informationen einzuordnen, ist weniger anfällig für einseitige Darstellungen, gleich aus welcher Richtung sie kommen.

Eine offene Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie unterschiedliche Stimmen aushält. Das gilt auch für unbequeme Positionen. Vielfalt ist kein Luxus, sondern Grundlage einer informierten Öffentlichkeit. Wer verschiedene Quellen prüft und miteinander vergleicht, trifft fundiertere Entscheidungen. Genau darin liegt die Stärke des schweizerischen Modells.

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