Russland

Wie die ukrainische Winter-Gegenoffensive gescheitert ist

Den ganzen Winter über versuchte das ukrainische Militär, den russischen Truppenverband Ost anzugreifen, der am Frontabschnitt Saporoschje agiert – erfolglos. Wie gestaltet sich die Lage an diesem Abschnitt heute und wann kann Russlands Armee ihre Offensive wieder aufnehmen?
Wie die ukrainische Winter-Gegenoffensive gescheitert istQuelle: Sputnik © Stanislaw Krassilnikow

Von Jewgeni Krutikow

Seit Mitte Winter unternahm das ukrainische Militär zusätzliche Anstrengungen, um den Vormarsch des russischen Truppenverbands Ost bei Guljaipole nach Westen in Richtung Orechow aufzuhalten. Das war einer der seltenen Fälle, bei denen Kiews Aktionen durch militärische und nicht durch politische Erwägungen motiviert waren. Ein Fall von Orechow könnte zum Zusammenbruch des gesamten ukrainischen Verteidigungssystems an den Frontabschnitten Saporoschje und Dnjepropetrowsk führen, denn hinter diesem befestigten Raum gibt es kaum größere Siedlungen.

Insbesondere versuchten ukrainische Truppen, die alte Verteidigungslinie entlang des Flusses Gaitschur wieder aufzubauen und zusätzliche Kräfte nördlich und nordöstlich von Guljaipole für Gegenangriffe zu sammeln. Kiew nutzte die Strategie der Kräftekonzentration an einzelnen Frontabschnitten und verlegte sogar aus Orechow die kampffähigsten Luftsturmbrigaden, also fast alle verfügbaren Reserven.

Die geballte Kraft des ukrainischen Militärs konzentrierte sich beim Dorf Bolschemichailowka. Offensichtlich bestand ihre Aufgabe darin, dem russischen Truppenverband in die Flanke zu fallen und ihn einzukesseln oder zumindest seinen Vormarsch zu verzögern.

Die ukrainische Armee wandte auch eine Art neuer Taktik an, indem sie ihre Sturmbrigaden in kleine Gruppen aufteilte, die erstmals seit einem Jahr russische Stellungen nicht zu Fuß, sondern auf Panzerfahrzeugen angriffen. Dies erschien dem ukrainischen Generalstab als eine gute Idee, um eine Übermacht an der vordersten Linie zu schaffen. In Wirklichkeit war der Übergang zur Taktik von kleinen Gruppen für das ukrainische Militär durch einen kritischen Personalmangel vorherbestimmt.

Es folgte eine Aufklärung, in deren Zuge Kiew einige Schwachstellen an der Flanke des Truppenverbands Ost aufspürte. Die Hauptvormarschrichtung des Truppenverbands verläuft nämlich nach Westen, sodass die nordwärts gewandte Flanke zum zweitrangigen Abschnitt wurde, an dem kein ernsthafter Druck auf ukrainische Truppen ausgeübt wurde. Gerade das ermöglichte Kiew, innerhalb von zwei Wochen dort die besagten Kampfgruppen zu konzentrieren.

Im Februar überquerten ukrainische Soldaten aus der Marschbewegung heraus den Fluss Woronaja, rückten in die Steppe aus und erreichten über offenes Gelände die Dörfer Stepowoje und Ternowoje. Dort versuchten sie, sich in zwei kleinen Waldstreifen zu befestigen – der einzigen Stellung, die ihren Vormarsch irgendwie bestätigen könnte. Die Einnahme der Dörfer selbst gelang nicht.

Vergleichsweise erfolgreiche Aktionen der ukrainischen Kampfgruppen wurden in den ersten Tagen dieses Einsatzes durch die Anwesenheit von zahlreichen Starlink-Terminals bedingt, über die ihr Vorrücken koordiniert wurde. Doch ohne eine Möglichkeit, sich im freien Feld über lange Zeit zu befestigen, waren die ukrainischen Kampfgruppen dazu verdammt, aufgerieben zu werden.

Dieses Vorrücken unterstützen konnte das ukrainische Militär nicht mehr. In wenigen Tagen wurden ukrainische Truppen sowohl aus den Dörfern als auch aus den Waldstreifen zurückgeschlagen. Die Kontaktlinie kehrte praktisch zum Zustand vom Januar zurück, mit einer Ausnahme: Ein Teil der Steppe wurde endgültig zur "grauen Zone", in der russische Drohnen dominieren. Ukrainische Kampfgruppen verloren ihre gesamte Technik und erlitten hohe Personalverluste. Die verbliebenen Kräfte zogen sich nach Bolschemichailowka zurück.

Später unternahm das ukrainische Militär den zweiten Versuch, an diesem Frontabschnitt auf ähnliche Weise auf mehreren Panzerfahrzeugen durchzubrechen. Inzwischen richtete sich der Vorstoß gegen das Dorf Orestopol, das an Bolschemichailowka unmittelbar entlang des Flusses Woronaja grenzt. Darauf versuchten Kiews Truppen, entlang des Flussufers nach Sosnowka vorzurücken, wurden aber ebenfalls zurückgeschlagen.

Insgesamt reichte das ukrainische Offensivpotenzial für etwa zwei bis drei Wochen. Die Wirkung der ukrainischen Aktionen bei Guljaipole blieb verschwindend gering und bestand höchstens darin, dass ein Teil der offenen Steppe in die "graue Zone" überging.

Mit dem Einsetzen des Frühlings nahm die Intensität der Kämpfe an den Frontabschnitten Saporoschje und Dnjepropetrowsk nicht ab, wie üblich, sondern zu. Das ukrainische Militär wendet weiter die Strategie der Kräftekonzentration an einzelnen Frontabschnitten an, um den russischen Vormarsch zu bremsen.

Gegenwärtig behalten russische Truppen das offensive Tempo westlich von Guljaipole und passierten die Siedlung Schelesnodoroschnoje (ukrainischer Name Salisnitschnoje), die für das ukrainische Militär den Hauptstützpunkt vor Werchnjaja Tersa und dem Dorf Guljaipolskoje bildete. Von dort aus ist es nicht mehr weit nach Orechow.

Bei Orechow selbst stützt sich die ukrainische Verteidigung gegenwärtig auf einen großen Verteidigungsknoten auf einer Anhöhe südöstlich der Stadt vor Malaja Tokmatschka. Darüber hinaus versuchen Kiews Truppen auch in Malaja Tokmatschka selbst zum Gegenangriff überzugehen, sodass das Dorf bereits mehrmals den Besitzer wechselte. Trotz der Verlegung von zwei vergleichsweise frischen ukrainischen Brigaden hierher setzen Russlands Streitkräfte ihren Vormarsch fort und verkürzen den Abstand bis Orechow. Inzwischen beträgt er an unterschiedlichen Abschnitten bis zu 20 Kilometer.

Das Vorstoßtempo der russischen Streitkräfte an einem großen Abschnitt vom Fluss Dnjepr bis Guljaipole mag sich zwar verringert haben, allerdings nicht wegen ukrainischer Gegenangriffe, sondern aus natürlichen Gründen. Russische Truppen verzichten heute auf ähnliche Überfälle und planen eine aktivere Offensive für die Sommerkampagne. Darüber hinaus werden Reserven angesammelt und an günstigere Stellungen an der Frontlinie verlegt.

Eine ähnliche Lage entwickelt sich auch am Abschnitt Fluss Dnjepr – Stepnogorsk, wo die Kämpfe eher einen beweglicheren Charakter tragen. An diesem Abschnitt liegt nämlich in der Steppe eine Ansammlung von großen Dörfern. Eines davon, Nowojakowlewka, wurde bereits im Winter gestürmt, als ukrainische Truppen noch zu ihrem ersten Gegenangriff ansetzten.

Bei Stepnogorsk enden ukrainische Vorstöße mit Versuchen, sich in Hauskellern festzusetzen, worauf Kiews Truppen dort ausgeräuchert werden.

Russlands Streitkräfte erreichten insbesondere bei Stepnogorsk mehrmals neue Stellungen "auf den Fersen" von zerschlagenen ukrainischen Kampfgruppen, die ganze Frontabschnitte entblößten.

Als Hauptstützpunkt zum Sammeln von Kräften nutzt das ukrainische Militär das große Dorf Kamyschewacha. Es erfolgten Versuche, über den Fluss Konka in die Steppe oder zur Straße M-18 bei der Stadt Saporoschje durchzubrechen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass hier Kiew seine Truppen unmittelbar aus der Stadt Saporoschje versorgen kann, was eine schnellere Kräftekonzentration entlang des Flusses Konka ermöglicht.

Das Vorstoßtempo des russischen Truppenverbands Ost war in den vergangenen Monaten so hoch, dass eine operative Pause beinahe als Verzicht auf weiteren frontalen Vormarsch auf Orechow aufgefasst wurde. Doch das ist bloß ein trügerischer Anschein, der mit den Ereignissen der Herbst-Winter-Kampagne kontrastiert. Schätzungsweise werden Russlands Streitkräfte große Offensiven am Frontabschnitt Saporoschje zum Sommer wieder aufnehmen. Dabei erfordert die Flanke des Truppenverbands immer noch eine Verstärkung, denn bis Mitte April könnte Kiew versuchen, hier erneut eine Kampfgruppe zu bilden, die zusätzliche Kräfte ablenken würde.

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung Wsgljad am 7. April.

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