
"Falsch geantwortet – erschossen". Bewohner von Sudscha erinnern sich an ukrainische Besatzung

Von Wiktor Swanzew
Totale Plünderung
Regelmäßiges Essen, eine heiße Dusche, trockene Kleidung und Schuhe – endlich siedelten sie aus kalten und engen Kellern in warme und geräumige Übergangsunterkünfte um. Doch das, was sie in den vergangenen sieben Monaten erlebten, werden sie niemals vergessen.
Viele schafften es nicht, auszureisen, als das ukrainische Militär das Kursker Grenzland überfiel. Einige trauten sich nicht, ihre Häuser aufzugeben. Inzwischen gestehen sie: "Hätten wir gewusst, was da auf uns zukommt, wären wir ohne zu zögern geflohen."
"Zuerst brachen die ukrainischen Soldaten in Häuser, Wohnungen und Garagen ein. Sie schleppten Möbel und Haushaltsgeräte hinaus und nahmen Autos mit. Einiges nutzten sie natürlich für militärische Zwecke, doch den Großteil brachten sie in die Ukraine", erinnert sich die Rentnerin Ljubow Michailowna aus dem Dorf Machnowka.
Den Einheimischen wurde eine Evakuierung nach Sumy vorgeschlagen, praktisch alle lehnten ab. Um sich durch die Stadt zu bewegen, war ein Passierschein der Militärverwaltung erforderlich. Ohne einen solchen: ein Sack über den Kopf, Keller, Erschießung.
"Lebensmittel haben sie verteilt, doch die Portionen wurden jedes Mal kleiner. In den letzten Monaten gab es nur Brot einmal pro Woche. Dabei brachten sie regelmäßig westliche und ukrainische Journalisten mit und zeigten, wie sie sich um uns 'kümmern'", fügt eine Bewohnerin von Sudscha namens Irina hinzu.

Ljubow Michailowna und ihr Mann Pjotr haben dreimal versucht, Machnowka zu verlassen – sie wurden nicht hinausgelassen. Wie die meisten verbrachten sie die gesamte Besatzung im Keller. Ernährt haben sie sich hauptsächlich von eigenen Vorräten – sie haben eine recht große Wirtschaft.
Vor zehn Tagen wären sie fast ums Leben gekommen. "Als unsere Leute meine Frau und mich hinausbrachten, schossen uns die Ukrainer mit Mörsern in den Rücken. Wir erlitten Splitterwunden und Prellungen, überlebten aber wie durch ein Wunder. Manche schafften es nicht hinaus und verbrannten im Keller bei lebendigem Leib", sagt Pjotr.
Tödlicher Streit
Auch die Rentnerin Wera Alexejewna versteckte sich im Keller ihres Hauses in Sudscha.
"Es gab unterschiedliche ukrainische Soldaten. Manche gestanden, dass sie diesen Krieg gar nicht brauchen – sie wurden einfach von der Straße verschleppt und ins Gebiet Kursk gebracht. Doch es gab auch solche, die den Hass quasi ausatmeten. Sie lächelten ganz spöttisch und sagten: 'Wir werden euch nichts antun, aber nur vorerst.' Solchen versuchten wir aus dem Weg zu gehen. Was, wenn man irgendetwas Falsches antwortet und eine Kugel bekommt. Besonders vorsichtig waren wir mit Söldnern", erzählt sie.
Nach Angaben von Wera Alexejewna kostete ein unvorsichtiges Wort gegenüber den ukrainischen Soldaten einen Einheimischen namens Sergei das Leben. Auf seiner Suche nach Lebensmitteln betrat er einen zerstörten Laden und geriet in einen Streit mit Militärs, die das Geschäft gerade plünderten. Ohne lange nachzudenken, erschossen die ukrainischen Soldaten den Mann.
"Die Leiche blieb einige Monate lang einfach so im Laden liegen. Was damit später geschah, weiß ich nicht", seufzt die Geflüchtete.
Bestattungskommando
Die Gebrüder Schalti und Schawkat Chamidow flohen Ende der 1980er Jahre wegen der Verfolgung der Mescheten aus Taschkent. Sie ließen sich in Sudscha nieder und arbeiteten auf dem Bau.
"Im August schafften wir es nicht zu fliehen. Als uns die Lebensmittel ausgingen, waren wir gezwungen, ukrainische Soldaten zu bestehlen. Wir beobachteten, wann sie ihre Stellung wechselten. Wir nutzten diesen Moment, griffen uns Graupe und Konserven und rannten davon. Sicher war es riskant, einmal wurden wir fast erwischt. Doch was sollte man schon tun, wir mussten auch den Rentnern helfen."
Die Brüder verteilten Lebensmittel und Medizin, die sie in den Häusern fanden – viele ältere Menschen mussten medizinisch versorgt werden. Doch nicht alle konnten gerettet werden.
"Innerhalb eines halben Jahres habe ich mit meinem Bruder und anderen Bewohnern 34 Menschen begraben. Manche sind an Krankheiten oder wegen fehlender Medizin gestorben. Manche starben an Kälte und Hunger. Am Haustor einer der Verstorbenen stand geschrieben: 'Hilfe, ich habe kein Wasser und Essen'. Die Leichen verscharrten wir gleich in den Höfen – zum Friedhof zu gehen war nicht erlaubt, es war auch gefährlich. Mein Kumpel hat alles sorgfältig erfasst, um später die Informationen an die Angehörigen der Verstorbenen weiterzuleiten", erzählt Schalti.
Eine Rückkehr nach Sudscha planen die Brüder nicht, sie wollen weiter weg von der Grenze ziehen. Auch wenn sie zum zweiten Mal von null beginnen müssen, verlieren sie ihren Optimismus nicht. Wie auch die anderen hoffen sie auf neue Wohnzertifikate.
"Warnung vor den Söldnern"
Gemeinsam mit den Brüdern begrub auch der einheimische Bewohner Wjatscheslaw die Verstorbenen. Vor einigen Monaten veröffentlichte die ukrainische Seite im Netz ein Video, auf dem er auf einen Gruß der ukrainischen Soldaten mit "Slawa Ukraini" antwortet. Dies sorgte im russischen Internetsegment für Empörung.
"Niemand weiß, wie er sich verhalten wird, wenn man ihm ein paar Sturmgewehre entgegenstreckt und ihn auffordert, einen faschistischen Gruß zu beantworten. Die Hetze kümmert mich nicht, Hauptsache, ich habe überlebt", erklärt er.
Wjatscheslaw hat mit einem Freund versucht, Sudscha zu Fuß zu verlassen. Sie wurden gefangen, gefesselt, mit Erschießung bedroht und in die Stadt zurückgebracht – um sie als lebenden Schutzschild zu nutzen.
"Damals sahen wir auf dem Weg Dutzende erschossener Zivilisten und etliche Autos. Eine Frau lag nackt da, wahrscheinlich war sie vergewaltigt worden. Es waren wahrscheinlich die Ausländer. Selbst einige ukrainische Soldaten, hauptsächlich Rekruten aus dem Gebiet Sumy, warnten uns: 'Nehmt euch vor Söldnern in Acht, sie kamen hierher, um zu morden und zu plündern'", erinnert er sich.
In den letzten zwei Monaten radikalisierten sich unter dem Druck der russischen Armee auch eigentlich anständige Ukrainer. Besonders taten sich ehemalige Strafgefangene hervor, die kurz vor ihrer Entlassung nach Sudscha verlegt worden waren. "Zwei meiner Kumpel wurden ermordet. Die Leiche des einen wurde in einen Teppich gewickelt und auf die Straße geworfen. Der zweite wurde vor Kurzem getötet. Er war sehr streitlustig, vielleicht hat er irgendwas Falsches gesagt", berichtet der Flüchtling.
Laut Wjatscheslaw haben ukrainische Militärs bei ihrem Rückzug Straßen und buchstäblich jedes Haus vermint. Sie drohten, sämtliche Männer zu erschießen, schafften es aber nicht.
Die Evakuierung der Zivilbevölkerung aus dem Grenzland sowie die Bergung von Leichen dauert an. Einige Flüchtlinge kommen in kritischem Zustand in den Übergangsunterkünften an und werden sofort in Krankenhäuser gebracht.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen am 26. März bei RIA Nowosti.
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