Russland

Bloomberg riecht den arktischen Braten: Moskaus eigener Handelsweg wächst und gedeiht

Die historisch etablierten, unabdingbar gewordenen Handelsrouten Eurasiens sind bedroht. Westliche Finanzblätter versuchen so unbegeistert wie möglich über die Tatsache zu berichten, dass ausgerechnet Russland schon längst eine ful­mi­nante Alternative betreibt.
Bloomberg riecht den arktischen Braten: Moskaus eigener Handelsweg wächst und gedeihtQuelle: www.globallookpress.com © USC Press Service/via Globallookpress.com

Von Elem Chintsky

Seit nunmehr zweieinhalb Jahren läuft ein ganz eigener Krieg der Wahrnehmungen in den weltweit polarisierten Medien. Wird sich Russland der verfaulten, bankrotten Interpretation der "internationalen Rechtsordnung" des Westens beugen müssen, oder nicht? Wirken die Sanktionen gegen die Russen – ja oder nein? Im Westen selbst und unter all seinen Unterstützern weltweit (diese Zahl sinkt), sind das immer noch strittige und spannende Fragen, die wie durch Zauberhand unbeantwortet bleiben.

Nicht nur für die prowestlichen Ukrainer ist es wichtig, die durchaus falsche Annahme, dass Moskau die kriegerische Auseinandersetzung in Osteuropa "verlieren wird" zu glauben – auch die westlichen Steuerzahler müssen überzeugt bleiben, dass sie weiterhin im Raum der moralischen Überlegenheit verweilen und Russland im Rahmen eines moralischen Imperativs irgendwann "verlieren muss".

Der Genozid an den Palästinensern durch israelische Hand – unterstützt von den USA, der EU und dem Großteil ihrer Subjekte – rüttelt bereits etwas an diesen tief verwurzelten, dickköpfigen Überzeugungen. Aber auch Neuigkeiten, dass Russland nicht nur mit dem Internationalen Nord-Süd-Transportkorridor (INSTC), sondern mit seiner Nördlichen Seeroute (NSR) maßgebende Alternativen zu der Passage durch den Suezkanal ausbaut, müssen meist eher in der westlichen Berichterstattung fehlen, damit die falsche Wahrnehmung, wie weiter oben beschrieben, auf zittrigen Stelzen balancierend stehen bleiben kann.

Eine Ausnahme erschien kürzlich bei der US-amerikanischen Finanznachrichtenplattform Bloomberg. Der Autor arbeitet auf der höchsten Stufe der Didaktik und offenbart, dass "westliche Sanktionen und Huthi-Angriffe Russlands arktische Seeroute attraktiver machen". So vermutet er, dass "mehr Schiffe sich wahrscheinlich für die kürzere und sicherere Route nach Asien entscheiden werden". Wer wartet aber in Asien? Nur die weltweit größte Wirtschaftsmacht – einer der engsten Partner Russlands, die Volksrepublik China.

Peking wurde von den USA zur ähnlichen Zeit de facto zur größten Bedrohung für nationale Sicherheit ausgerufen. Als Vorwand benutzen sie die notfalls mit militärischen Mitteln "aufrecht zu erhaltene Unabhängigkeit Taiwans". Dafür haben sich die US-amerikanischen Eliten parteiübergreifend vom Ein-China-Prinzip abgekoppelt – obwohl sie sich völkerrechtlich zu ebendiesem noch im Oktober 1971 gegenüber Peking verpflichtet hatten.

Die Chinesen sind im Ausbau und im Investment dieses nördlichen Handelsweges in der Arktis tief gegenüber den Russen verpflichtet. Die Verträge und Finanzierungsprogramme für die noch geplante Infrastruktur entlang der NSR suchen in der westlichen Welt ebenfalls vergebens ihresgleichen.

Bloomberg macht auf die Tatsache aufmerksam, dass "die Wasserstraße im vergangenen Jahr mit einer Rekordmenge von 36 Millionen Tonnen Fracht passiert wurde, wovon mehr als die Hälfte supergekühltes Flüssigerdgas war". Hier beziehen sie sich auf Aussagen der staatlichen Atombehörde Russlands Rosatom, welche auch signifikant am Betrieb auf der NSR beteiligt ist und mit ihrer Innovation anderswo – nämlich im Bereich der Nukleartechnologie allgemein – die Hälfte des weltweiten Marktes dominiert.

Man bedenke auch, dass Russland selbst noch im Jahr 2022 eine Prognose von nur jährlich 25 Millionen Tonnen verfrachten Erdöls für das Jahr 2025 aufgestellt hatte. Dieses energiepolitische Ziel wurde mit weit über 18 Millionen Tonnen an solcher Fracht für das Folgejahr (2023) bereits fast erreicht.

In dem Bloomberg-Artikel wird nicht nur von den argen "westlichen Sanktionen" (mit denen Russland vermeintlich so sehr zu ringen hat, dass es laut dem Internationalen Währungsfonds (IMF) im wirtschaftlichen Wachstum neue Rekorde schlägt) gesprochen, sondern auch über die "Entscheidung russischer Tanker", die Handelsroute durchs Rote Meer und somit durch den Suezkanal aufgrund der rasant steigenden Risiken vor Ort zugunsten der NSR aufzugeben – verpasst wird aber zu erwähnen, was all die anderen Frachter für Alternativen haben sollen.

Sind sie doch nicht genauso, wenn nicht sogar weitaus mehr, von den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den jemenitischen Huthi-Rebellen und Israel im Roten Meer Risiken betroffen? Laut der geostrategisch-moralischen Ratio der Huthi, sind es eben viel eher die westlichen Tanker, die extremem Risiko ausgesetzt sind – die Huthi haben seit Ende 2023 mehrmals zu verstehen gegeben, dass Transportfrachter von Ländern, die den vorsätzlichen Genozid Israels an den Palästinensern unterstützen, an ihrer Passage gehindert werden, als die von zum Beispiel Russland.

Hier wird durch Bloombergs Publizistik die Wahrnehmung kreiert, dass nur russische Transportschiffe irgendwelche mittelfristigen Vorteile von der Beanspruchung der NSR hätten. Gleichzeitig wird verweigert, einen objektiven Direktvergleich zwischen der Handelsroute durch den Suezkanal und den von Russland und China geradezu monopolistisch kontrollierten Seeweg durch die arktischen Gewässer vorzunehmen: Was durch den Suezkanal 48 Tage dauert, nimmt durch die NSR nur 19 Tage in Anspruch – eine Senkung des Zeitaufwandes um 60 Prozent. Auch Treibstoff- und Personalaufwand für diese Strecke sind exzessiv niedriger.

Sicherlich handelt es sich um ökonomische Argumente, die irgendwann auch andere Länder, auch westliche, bemerken sollten. Außerdem hat Russland die einzigen nuklear betriebenen Eisbrecher (siehe die bereits erwähnte Innovation Rosatoms) weltweit und somit ein exklusives Monopol, um mit der Vereisung der Gewässer im Norden zurechtzukommen – Tendenz weiter steigend. Das bedeutet auch, dass in absehbarer Zukunft perspektivisch eine umfangreiche Erhöhung des Handelsvolumens entlang der NSR vorgesehen ist – zum Beispiel durch Mitglieder der ohnehin steigenden Zahl von BRICS-Staaten.

Erst im vergangenen Februar wollte das World Economy Forum (WEF) die NSR noch nicht in ihren "Top 5-Seehandelsrouten" nennen, aber zeitnah wird sich das wohl ändern müssen, wenn man einen Restfunken Glaubwürdigkeit erhalten möchte.

Elem Chintsky ist ein deutsch-polnischer Journalist, der zu geopolitischen, historischen, finanziellen und kulturellen Themen schreibt. Die fruchtbare Zusammenarbeit mit RT DE besteht seit 2017. Seit Anfang 2020 lebt und arbeitet der freischaffende Autor im russischen Sankt Petersburg. Der ursprünglich als Filmregisseur und Drehbuchautor ausgebildete Chintsky betreibt außerdem einen eigenen Kanal auf Telegram, auf dem man noch mehr von ihm lesen kann.

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