Russland

Russischer Arzt beschreibt seine Eindrücke von Nawalnys Behandlung in Omsk: "Verrückte 36 Stunden"

Alexei Nawalny wird seit diesem Samstag in der Berliner Klinik Charité ärztlich versorgt. Ein russischer Arzt, der den russischen Oppositionspolitiker in Omsk behandelt hat, beschreibt auf Facebook seine Eindrücke von der Situation rund um die mutmaßliche Vergiftung.
Russischer Arzt beschreibt seine Eindrücke von Nawalnys Behandlung in Omsk: "Verrückte 36 Stunden"Quelle: Reuters © ALEXEY MALGAVKO

Boris Teplych, Chef der Abteilung für Anästhesiologie und Reanimation am Nationalen Medizinisch-Chirurgischen Zentrum N. I. Pirogow, ist extra nach Omsk abgeordnet worden, um sich an der Behandlung von Alexei Nawalny zu beteiligen. Nachdem der russische Oppositionspolitiker mit einem Sonderflugzeug nach Deutschland befördert worden ist, beschreibt der russische Arzt auf Facebook seine Eindrücke von der Situation.

Allem voran betont Teplych, dass seine Sicht alles andere als vollständig sei. Dabei nehme er mögliche negative Kommentare in Kauf. Seine Dienstreise nach Omsk bezeichnet er als "verrückte 36 Stunden ohne Schlaf". Er wisse nicht, warum man ausgerechnet ihn zur ärztlichen Versorgung Nawalnys geschickt habe, habe aber eine Vermutung:    

Wenn eine Tragödie passiert, braucht man Menschen, die die Situation präzise wiedergeben, ohne sich durch das Informationsrauschen ablenken zu lassen.

Teplych und zwei weitere Kollegen aus dem N.-N.-Burdenko-Militärkrankenhaus seien noch am Tag der mutmaßlichen Vergiftung nach ein paar Fernkonsultationen aus Moskau nach Omsk abgeflogen. Während des Flugs seien sie ständig mit toxikologischen Labors in Kontakt gewesen.

Nach der Ankunft in Omsk seien die Ärzte sofort ins Krankenhaus zu Nawalny gefahren, dessen Zustand inzwischen etwas stabiler gewesen sei. Das Ärzteteam habe um etwas Zeit gebeten.

Die Familie wählte eine Taktik, bei der sie die allgemeine Aufmerksamkeit maximal auf sich zog. Für Menschen, die in der Politik sind, ist das normal. Uns gegenüber war die Familie maximal korrekt und aufmerksam. Zugleich führte ihr Umfeld eine mediale Bacchanalie auf, ohne zwischen Ärzten und Managern zu unterscheiden.

Teplych zufolge wurde der Familie von allen möglichen Ursachen berichtet, die man dann erörtert habe. Denn man müsse einen Faktor nach dem anderen ausschließen, um die wahre Ursache eines Komas festzustellen. Das Ärzteteam habe aufrichtig darüber gesprochen. Die Informationen seien aber verzerrt worden.

Sobald der Patient stabil war, wurde dem Ärzteteam des Medizinflugzeugs vorgeschlagen, mit der Beförderung des Patienten zu beginnen. Obwohl die deutschen Kollegen noch eine Stunde zuvor behauptet hatten, sie seien bereit, den Patienten jederzeit und in jedem Zustand zu transportieren, erklärten sie nun, dass die Piloten eine Ruhezeit bräuchten. Und dass der Patient stabil sei und sich dort, wo er gerade sei, weitere zehn Stunden lang aufhalten könne, bis sich die Piloten ausgeruht haben würden. Wäre sein Zustand kritisch, würde man losfliegen. Ich erwartete, dass sich eine Menschenmenge mit dem Aufruf 'Bringt ihn fort, bringt ihn fort!' zu ihrem Hotel begeben würde, aber nein. Auch das Umfeld wurde plötzlich still. Nur die Ärzte und die arme Familie machten sich Sorgen um den Patienten.

Abschließend stellt Teplych die rhetorische Frage, ob das nicht eine selektive Berichterstattung sei. Am Ende seines Beitrags steht der Hashtag #everylivematters – jedes Leben zählt.

Nawalny war nach einem Aufenthalt in Tomsk auf dem Rückflug nach Moskau in Ohnmacht gefallen. Die Maschine der Fluggesellschaft S7 musste aufgrund seines sich rapide verschlechternden Gesundheitszustands in Omsk zwischenlanden, wo der Oppositionspolitiker auf die Intensivstation eines Krankenhauses gebracht wurde. Seine Familie und Anhänger sprachen sofort von einer Vergiftung. Die behandelnden Ärzte fanden jedoch bislang keinen Beleg dafür und sprachen von einer Kohlenhydratestoffwechselstörung. Am frühen Samstagmorgen wurde der 44-Jährige mit einer Sondermaschine aus Omsk nach Berlin ausgeflogen. Nach der Landung auf dem Flughafen Berlin-Tegel wurde der Patient in einem Intensivtransporter der Bundeswehr in die Berliner Universitätsklinik Charité eingeliefert. Das Krankenhaus teilte mit, dass die Untersuchungen einige Zeit in Anspruch nehmen würden.

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