Die Spiegel-Demontage

Das aluhütige Murmeltier grüßt eigentlich schon seit unserer Gründung vor 6 Jahren täglich: RT will die deutsche Demokratie destabilisieren. Diesmal wartet der Spiegel mit einer jüngsten Denunziation auf. Das Magazin will an RT-Interna herangekommen sein. Diese sollen belegen, wie der Kreml RT quasi per Joystick steuert. Eins vorneweg: vom Kreml und externer Steuerung steht nichts drin.

Es mag etwas seltsam klingen, aber ich versuche bewusst die Sprache des Spiegel zu spiegeln: Das von dubiosen US-Oligarchen mitfinanzierte, von ehemaligen Mitarbeitern als "Eldorado westlicher Geheimdienste" bezeichnete, als Ausspielkanal für gezielte Leaks bekannte Nachrichten-Magazin wartet mit einer boshaften wie faktenfreien Denunziation auf. Oder versucht es zumindest.

"Interne Anweisungen bei RT Deutsch: So arbeitet Putins Propagandasender" – heißt das Stück in erprobter Krawallblatt-Manier, an dem drei Leute gesessen haben.

Ihre exklusive Erkenntnis: "Mit RT DE will Moskau die Demokratie in Deutschland destabilisieren" wird gleich im Aufmacher verkauft. Der Rest ist pure Bedienung dieses aluhütigen Narrativs. Die alte Leier, die uns schon seit der Gründung vor mehr als sechs Jahre treu begleitet. Nicht, dass es die besten Jahre für die deutsche Demokratie waren, mit oder ohne RT. Was dieser meiner Meinung nach fehlt, ist ein unverkrampfter öffentlicher Diskurs und Medien, die sich nicht ständig als Psychokrieger in einem Schattenkampf wähnen. Aber ich bin schließlich ein Außenbeobachter.

Fragen wie "was ist das für eine Demokratie, wenn sie von einem Online-Medium destabilisiert werden kann" sind müßig. Irgendwie hält ja die angebliche russische Autokratie ohne dieses ständige Mimimi all die Auslandssender wie BBC, Deutsche Welle, Radio Liberty und Free Europe mit ihren diversen Ablegern und Moskau-Büros aus, die Russland ungefähr wie der Vatikan die sieben Todsünden malen.

Der Spiegel will an "interne Unterlagen" von RT herangekommen sein. Wenn es umgekehrt wäre, so wäre "WIE" die einzige Frage, die den deutschen Mainstream interessieren würde. Nicht der Inhalt. Geheimdienste und Hacker stünden im Mittelpunkt der Vermutungen. Aber lassen wir das einfach so stehen: das Magazin hat sich mittels einer journalistischen Recherche den Zugang zu den Emails der RT-Mitarbeiter verschafft.

Und diese sollen die ganzen Abgründe der Desinformationsmaschinerie enthüllen, direkt per Joystick vom Kreml gesteuert. Eins vorweg: vom Kreml, externer Steuerung oder sonstiger fremder Einflussnahme steht nichts drin. Aber gar nichts. Die rauchstärkste Pistole ist eine Rundmail, in der sich die Geschäftsführung über die guten Klickzahlen freut. Besonders stark stechen die Querdenker-Demos und die Nawalny-Berichte zahlentechnisch hervor, heißt es dort.

Meinen alten Nawalny-Kommentar durfte das Spiegel-Investigativteam zwar nicht exklusiv einsehen, er liegt auf YouTube. Aber er soll ein weiterer Beweis für die Befehlskette sein, die direkt zu Putin führt. Ich soll darin suggerieren, dass nicht Russland den Fall aufzuklären hat. Ich suggeriere es gar nicht. Ich sage klipp und klar: Die Beweislast liegt beim Kläger, nicht beim Angeklagten. Drei russische Labore haben unabhängig voneinander Nawalnys Proben untersucht und keine Giftspuren entdeckt. Die Befunde wurden öffentlich gemacht – im Unterschied zu den streng geheimen deutschen. Das sind Fakten. Und das braucht mir kein Putin zu sagen.

RT soll von einer "mutmaßlichen Vergiftung" sprechen, geht es laut Spiegel aus einer weiteren Email hervor. Diese stamme vom Februar. Na, dann hat sich RT damit viel Zeit gelassen. Die angebliche Anweisung sei zu einem Zeitpunkt gekommen, als es an Nawalnys Vergiftung keine Zweifel mehr gegeben hätte. Dass dem Spiegel Verlautbarungen der Regierenden und durchgestochene Behauptungen des BND reichen, um keine Zweifel zu haben, nach so vielen erwiesenen Kriegslügen und False Flags, ist sein journalistisches Problem. Der Spiegel von früher hat sie aufgedeckt. Der Spiegel von heute ist nur ein Verstärker für sie. Nach dem, was über den Fall öffentlich bekannt ist, würde ich gar von einer "inszenierten Vergiftung" sprechen. So sehen es die meisten Russen in den Umfragen.

Eine weitere interne Sprachregelung soll den Ausdruck "Krim-Annexion" untersagen. Ich kann mir schwer vorstellen, dass jemand, der dem Annexion-Mantra glaubt, sich jemals bei RT bewirbt. Für uns ist die Meinung der großen Mehrheit der Krimbewohner maßgeblich. Die sich freiwillig für Russland entschieden haben. Wie auch zahlreiche spätere Umfragen deutlich bestätigen. Auch wenn der Spiegel diese Perspektive nicht wahrhaben will, ändert es nichts ihrer Existenz. Ebenso wie der plumpe manipulative Versuch, die Krim und den ukrainischen Bürgerkrieg kausal zu verbinden. Dieser habe nur Wochen nach Besetzung der Krim begonnen. Na, dann wurde der Spiegel auch nur Monate nach dem Startschuss zum kalten Krieg, Churchills Fulton-Rede, gegründet. Oder glaubt hier jemand an Zufälle?

Bei RT gäbe es auch kein richtiges Impressum, streuen die Spiegel-Rechercheure noch dazwischen. Sehr dubios. Gemessen am Umfang des Impressums ist RT DE fast so dubios und undurchsichtig wie eine andere zwielichtige Sendeanstalt: die ARD. Beim ZDF sieht es auch nicht viel besser aus. Bestimmt haben alle drei was zu verbergen. Dagegen glänzt der Spiegel mit einem Impressum in epischer Breite. Hat jemand es zu Ende gelesen? Ich hätte mal die Frage, wozu ein Nachrichtenmagazin eine innere Sicherheitstruppe beschäftigt. Ungewöhnlich für das journalistische Verständnis von Nachrichten.

Wer bis jetzt noch Zweifel am dämonischen Wesen von RT hat, soll mit der Passage platt gemacht werden: Der Verfassungsschutz habe RT im Blick. Grund: wir versuchen, das Vertrauen in die demokratischen Institutionen zu schwächen. An den Institutionen selbst kann es natürlich nicht liegen. Quelle: heißt es aus der Behörde. Dass der Inlandsgeheimdienst Medien ausspionieren soll, ist dem Spiegel kein Aufreger.

Denn "Verfassungsschützer zählen Nachrichten von RT DE zu einer vom russischen Staat orchestrierten Desinformationskampagne". Offenbar herrscht unter Verfassungsschützern Uneinigkeit. Auf der Homepage der Behörde ist zu lesen: "Eine umfassende und gesteuerte Desinformationskampagne Russlands konnte in beziehungsweise gegen Deutschland bislang nicht festgestellt werden". Und explizit über RT: "Diesbezügliche Berichterstattung sei eher neutral, dennoch in Teilen sehr selektiv und subtil manipulativ". Im Klartext heißt es, wir haben nichts konkretes gefunden, müssen aber die herrschende Paranoia bedienen. Ein Geheimdienst wäre kein Geheimdienst, wenn er freiwillig ein Feindbild preisgeben würde.

Das trifft auch auf den heutigen Spiegel zu. Mehr als zwei Jahre nach dem Abschied von Claas Relotius hat sich beim Magazin am schwierigen Verhältnis mit Fakten und Quellen nichts geändert. Der berühmteste und erfolgreichste Spiegel-Autor war nur ein Ausdruck dieses Problems. Was den amtierenden Relotius-Nachfolgern merklich fehlt, ist seine journalistische Eleganz. Der mehrfache Preisträger war auch dafür bekannt, prägnante Namen für seine Protagonisten zu erfinden. Das heutige Autoren-Trio begnügt sich dagegen nur mit grauen anonymen Gestalten. Der Spiegel von früher, für den zu arbeiten ich so stolz war, war bestimmt kein Hort der Objektivität. Aber er war den Regierenden ein Schreck. der Spiegel von heute ist nur ihr eifriger Verstärker.

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