
Erinnerungen aus Österreich an die Nachkriegszeit: Russische "Gentlemen" wollten nur "Kostproben"

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Von Doris Eva
Ich selbst (Jahrgang 1955) kann nur Erzählungen wiedergeben und nicht aus eigenem Erleben berichten. Meiner Schwester aus erster Ehe meiner Mutter (Jg. 1941 resp. 1917), einer Kriegswitwe, brachten "die Russen" – man lebte in enger Nachbarschaft – das Radfahren bei, und sie betonte häufig, wie kinderlieb sie sie in Erinnerung hatte.
Meine Mutter, beschäftigt seit 1948 in einem USIA-Forstbetrieb, nannte die russischen Vorgesetzten "Gentlemen", welche ihr immer mit ausgesuchter Höflichkeit und Respekt begegnet seien. Mein Vater (Jg. 1921), ein Forstingenieur im selben Unternehmen seit 1948, hatte offenbar keinerlei üble Erfahrungen gemacht, man ließ ihm weitgehend freie Hand, was seine Tätigkeit anbelangte, ihm gegenüber war man korrekt und unvoreingenommen, auch was seine frühere – wenn auch unfreiwillige – Teilnahme an den deutschen Feldzügen gegen die Sowjetunion betraf.

In seinem Nachlass fand ich eine Korrespondenz mit einer Lokalzeitung aus dem Jahre 1950, aus welcher hervorging, dass er in dem Dorf, in dem sich das Forstgut befand, öffentlich angefeindet als "Russenfreund" wurde, der nur Kommunisten als Arbeiter aufnehme und ihnen Quartier gebe. Er setzte sich gegen diese Anwürfe entsprechend angemessen zur Wehr.
Ich habe in den letzten Jahren etliche ältere Menschen über diese Zeit befragt, und man schilderte mir, dass kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee 1945 in Niederösterreich die jungen Mädchen sich aus Angst vor Vergewaltigung in Waldhütten und Höhlen einige Zeit versteckt hielten. Auf meine Fragen, was denn dann passiert sei, wurde geantwortet: Überhaupt nichts, die waren in Ordnung, haben nur manchmal in den Wein- und Obstgärten "Kostproben" genommen.
Ferner fand ich auf dem Dachboden der ehemaligen "Kommandatura" einen Schrank, in welchem sich Bücher russischer Schriftsteller in deutscher Sprache befanden, mit einem russischen Stempel versehen, und meine Mutter berichtete, diese seien von den sowjetischen Offizieren zur freien Verfügung gestellt worden mit der Absicht, den Österreichern russische Kultur näherzubringen. All dies hat mich das Verhältnis Russland-Österreich immer – wie ich hoffe – neutral bis wohlwollend betrachten lassen, auch in Zeiten des anschließenden Kalten Krieges und der damit einhergehenden Propaganda.
Mehr zum Thema – Nach dem 9. Mai 1945: Erinnerungen aus dem Österreich der ersten Nachkriegsmonate – russischer Reis
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