
Der Trump-Carney-Konflikt schwelt weiter

Von Rainer Rupp
Davos als Ausgangspunkt
Am 20. Januar 2026 hielt der neue kanadische Premierminister, Mark Carney, der zuvor das Amt des Gouverneurs der britischen Zentralbank in London inne hatte, in Davos eine programmatische Rede mit dem Titel "Principled and Pragmatic: Canada’s Path" ("Prinzipientreu und pragmatisch: Kanadas Weg"). Darin stellte er die bisherige neoliberale "regelbasierte Ordnung" nicht nur infrage, sondern zerriss sie als Ausbeutersystem, das in der Maske des Humanismus daherkäme. Diese Ordnung sei letztlich nur durch die US-Hegemonie auf Kosten der kleineren Staaten aufrechterhalten worden. Deshalb müssten sich die kleineren und mittelgroßen Staaten aus den Abhängigkeiten lösen, um ihre Souveränität wieder zu erlangen und zu sichern. Wirtschaftliche Integration dürfe nicht zur Quelle politischen Zwangs und Unterordnung werden.
US-Präsident Trump, ebenfalls in Davos anwesend, reagierte scharf. Über sein Netzwerk "Truth Social" ließ er die Welt wissen: "Canada lives because of the United States … Remember that, Mark!" ("Kanada existiert nur wegen der Vereinigten Staaten … Denk daran, Mark!") Diese öffentliche Zurechtweisung setzte den Ton für die folgenden Wochen. Aus einer grundsätzlichen Debatte über internationale Ordnung entwickelte sich rasch eine personalisierte Auseinandersetzung.
Das USMCA-Abkommen als struktureller Konfliktherd
Hinter der rhetorischen Eskalation stand ein konkreter institutioneller Anlass: die bevorstehende gemeinsame Überprüfung des Freihandelsabkommens zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada (USMCA). Gemäß Artikel 34.7 des Abkommens ist diese Überprüfung für den 1. Juli 2026 vorgesehen, genau sechs Jahre nach dessen Inkrafttreten am 1. Juli 2020. Ziel ist es, über eine Verlängerung um 16 Jahre – bis 2052 – oder über Anpassungen zu entscheiden. Ohne Verlängerung würde das Abkommen im Jahr 2036 auslaufen.

Bereits im Dezember 2025 hatte die US-Handelsvertretung (USTR) öffentliche Hearings durchgeführt und im Januar 2026 einen Bericht für den Kongress vorgelegt. Darin signalisierte Washington eine deutlich aggressivere Gangart als zuvor unter Präsident Biden. Trump kritisierte das USMCA als unzureichend. Er forderte eine Reduzierung des US-Handelsdefizits mit Kanada und Mexiko, strengere Grenzsicherungsmaßnahmen sowie Vorteile für die USA in den Bereichen Energie, Automobilindustrie und Lieferketten. Besonders im Fokus standen chinesische Investitionen in Mexiko, die aus Sicht Washingtons eine Umgehung der amerikanischen Handelsbarrieren darstellten, welche Trump gegen China eingeführt hat.
Trump drohte wiederholt mit hohen Strafzöllen gegen bestimmte Branchenimporte von Mexiko und Kanada – in einzelnen Sektoren bis zu 100 Prozent –, obwohl das USMCA formell Freihandel vorsieht. Intern wurde in der Trump-Regierung Berichten zufolge sogar ein vollständiger Ausstieg aus dem Abkommen in Betracht gezogen, um Neuverhandlungen zu erzwingen. Diese Drohkulisse erzeugte erhebliche Unsicherheit in Kanada und Mexiko.
Die Brücken-Drohung vom 9. Februar 2026
Am 9. Februar 2026 erreichte der US-Konflikt mit Kanada einen neuen Höhepunkt. Trump veröffentlichte auf seinem persönlichen "Truth Social"-Kanal eine Erklärung, in der er ankündigte, die Eröffnung der "Gordie Howe International Bridge" blockieren zu wollen, bis Kanada "Fairness and Respect" zeige und die Vereinigten Staaten "vollkommen entschädigt" würden.
Die Brücke, benannt nach einem Star des kanadischen Nationalsports Hockey, ist ein zentrales Infrastrukturprojekt zwischen der US-Metropole Detroit im Bundesstaat Michigan und Windsor im kanadischen Bundesstaat Ontario. Mit einem Investitionsvolumen von rund 6 Milliarden kanadischen Dollar wurde die Brücke überwiegend von Kanada finanziert. Sie sollte den Grenzverkehr entlasten und die stark frequentierte Alternative "Ambassador Bridge" ergänzen.
Trump argumentierte, Kanada nutze das Projekt, um wirtschaftliche Vorteile zulasten der USA zu erzielen. Wörtlich schrieb er auf seinem "Truth Social"-Kanal:
"Until the United States is treated with the respect we deserve, that bridge stays closed!" ("Solange die Vereinigten Staaten nicht mit dem Respekt behandelt werden, den wir verdienen, bleibt diese Brücke geschlossen!")
Die Drohung hatte symbolischen und praktischen Charakter: Sie zielte sowohl auf die öffentliche Wahrnehmung als auch auf konkrete wirtschaftliche Hebelwirkung.
Carneys Reaktion und diplomatische Schadensbegrenzung
Mark Carney reagierte betont sachlich. Ein nachfolgendes Telefonat mit Trump bezeichnete er als "positiv". Er erinnerte daran, dass Kanada den Großteil der Baukosten getragen habe. Zugleich spielte er die Drohung öffentlich herunter und verwies auf die institutionellen Mechanismen der bilateralen Zusammenarbeit. Carney vermied eine Konfrontation. Stattdessen betonte er wiederholt Kanadas Souveränität und die Notwendigkeit strategischer Diversifikation.
Handelsdiversifikation als strategische Antwort
Seit seinem Amtsantritt 2025 verfolgt Carney eine Politik der gezielten Handelsdiversifikation. Hintergrund ist die starke Abhängigkeit Kanadas von den USA, die etwa 75 Prozent der kanadischen Exporte abnehmen. Sein Ziel ist es, diese strukturelle Verwundbarkeit zu reduzieren.
Nach Davos im Januar 2026 schloss Kanada eine neue strategische Partnerschaft mit China. Diese umfasste unter anderem die Senkung chinesischer Zölle auf kanadische Agrarprodukte sowie die vorübergehende Aufhebung von Zöllen auf Hummer, Krabben und Erbsen. Ebenfalls im Januar wurde eine strategische Partnerschaft mit Katar vereinbart, mit Fokus auf Energie und Investitionen.
Mit der Europäischen Union vertiefte Ottawa die bestehende Zusammenarbeit im Rahmen von CETA und trat der EU-Sicherheitsfazilität SAFE (Security Action for Europe) bei. Parallel liefen Verhandlungen über Freihandelsabkommen mit Indien und den ASEAN-Staaten. Insgesamt schloss Kanada seit Carneys Amtsantritt zwölf neue Handels- und Sicherheitsabkommen, die Zugang zu rund 1,5 Milliarden Konsumenten in 16 Freihandelszonen eröffnen.
Carney argumentierte in Davos, Sicherheit entstehe nicht durch einseitige Integration, sondern durch Diversifikation und Koalitionen mit "variabler Geometrie". Kanada solle als "Mittelmacht" eigenständig agieren und sich nicht in strukturelle Abhängigkeit begeben.
Politische Einordnung und langfristige Folgen
Der Konflikt zwischen Trump und Carney steht exemplarisch für zwei gegensätzliche Strategien. Trump verfolgt eine "America First"-Politik, die mit brachialer Gewalt bilaterale Hebel, Drohungen und Zölle als legitime Verhandlungsinstrumente nutzt. Das USMCA-Abkommen ist für ihn mehr als nur ein Handelsabkommen, sondern er benutzt es als strategisches Druckmittel in Fragen von Migration, Energiepolitik und geopolitischer Einflussnahme.
Carney hingegen setzt auf multilaterale Vernetzung und wirtschaftliche Resilienz durch Diversifikation. Seine Davos-These, wonach die regelbasierte Ordnung durch Macht-Asymmetrien geprägt sei, erhielt durch die Brücken-Drohung zusätzliche Bestätigung. Kritiker Carneys sehen Risiken insbesondere in Kanadas Annäherung an China. Darauf hatte Trump besonders wutschnaubend reagiert. Auf "Truth Social" schrieb er am 24. Januar 2026 nach Bekanntgabe von Kanadas Absicht einer strategischen Handelspartnerschaft mit China:
"Wenn Gouverneur Carney glaubt, er werde Kanada zu einem 'Umschlagplatz' für China machen, um Waren und Produkte in die Vereinigten Staaten zu schicken, irrt er sich gewaltig. China wird Kanada auffressen, es vollständig verschlingen, einschließlich der Zerstörung seiner Unternehmen, des sozialen Gefüges und der allgemeinen Lebensweise. Wenn Kanada einen Deal mit China schließt, wird es sofort mit einem Zollsatz von 100 Prozent auf alle kanadischen Waren und Produkte belegt. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit! Präsident DJT"
Carney ließ sich auch von dieser Drohung nicht abhalten und das Abkommen mit China ist unterzeichnet. Auch die "Gordie Howe Internationale Brücke" ist inzwischen planmäßig eröffnet worden. Dennoch hinterlässt diese Episode Spuren, die weit über die US-kanadischen Beziehungen hinausgehen. Sie verdeutlichen den US-Vasallen, wie eng Infrastruktur, Handelspolitik und geopolitische Strategien miteinander verflochten und gefährdet sind, wenn sich der US-Hegemon zusätzliche Vorteile beschaffen will, um seinen unabwendbaren Niedergang aufzuhalten beziehungsweise zu verlangsamen. Mit Blick auf die bevorstehende gemeinsame Überprüfung des Freihandelsabkommens USMCA zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada am 1. Juli 2026 bleibt die nordamerikanische Wirtschaftsarchitektur von starken Unsicherheiten geprägt.
Fazit
Die Kontroversen zwischen Trump und Carney von Davos bis zur "Gordie Howe Brücken"-Drohung zeigen, dass in einem multipolaren Umfeld zunehmende wirtschaftliche Integration mit einem Hegemon nicht mehr als stabiler Endzustand betrachtet werden kann. Stattdessen fällt in den zwangsläufig folgenden, machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen den angeblich "traditionell engen Partnern" die Maske von der gleichberechtigten Partnerschaft. Die negativen Folgen für den Handel, die Diplomatie, für wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen den jetzt offen als Hegemon auftretenden USA und ihren Vasallen sind unübersehbar.
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