Nordamerika

"Farbe des Urins überwachen" – Amazons Lagerarbeiter sollen sich als "Industrieathleten" betrachten

Der Umgang des Onlinehändlers Amazon mit seinen Angestellten sorgt regelmäßig für Irritationen. Nun leakte ein ehemaliger Angestellter in den USA eine Broschüre des Unternehmens, die mit einem "Working-Well-Programm" die Belastungen der Arbeit erträglicher machen soll.
"Farbe des Urins überwachen" – Amazons Lagerarbeiter sollen sich als "Industrieathleten" betrachtenQuelle: AFP © David Becker

Ein ehemaliger Arbeiter des Amazons-Lagers in Tulsa, Oklahoma, hat dem Online-Magazin Vice eine Broschüre des Unternehmens zugespielt. In ihr bezeichnet Amazon seine Lagerarbeiter als "Industrieathleten" und listet in einem "Working-Well-Programm" detailliert auf, was die Arbeiter tun können, um den Anforderungen der körperlich anstrengenden Arbeit gewachsen zu sein. In der Broschüre heißt es unter anderem:

"Genau wie ein Athlet, der für eine Veranstaltung trainiert, müssen Industriesportler ihren Körper darauf vorbereiten, bei der Arbeit Höchstleistungen zu erbringen."

Und weiter: "In einigen Job-Positionen werden bis zu 13 Meilen (20,92 km) pro Tag gelaufen, andere werden insgesamt 20.000 Pfund (9.071 kg) anheben, bevor sie ihre Schicht beenden." Amazon schreibt in der Broschüre, das Unternehmen wolle sicherstellen, dass "Sie sich am besten fühlen, während Sie Ihr Bestes geben!" Die Broschüre soll Vice zufolge aus dem Jahr 2020 stammen, als das "Working-Well-Programm" des Unternehmens zum ersten Mal in verschiedenen Lagerhäusern ausprobiert wurde.

Unterteilt ist die Broschüre in sechs Abschnitte: Ernährung, Flüssigkeitszufuhr, Schlaf, Schuhwerk, ergonomisches Arbeitsverhalten und Spezialisten für Verletzungsprävention. Zum Abschluss gibt es einen Abschnitt mit dem Titel "Wie kann ich mich besser fühlen?", der Tipps wie Dehnen und Massieren enthält. Die Broschüre und das "Working-Well-Programm" sind Teil einer Reihe neuerer Initiativen von Amazon, die darauf abzielen, das Image des Unternehmens aufzubessern.

Das scheint laut der neuesten Studie des Strategic Organizing Centers, eines Zusammenschlusses einiger der größten Gewerkschaften des Landes, auch nötig. Die Organisation fand heraus, dass sich Arbeiter in US-amerikanischen Amazon-Lagern häufiger verletzen. Danach kommt es zu 5,9 schweren Verletzungen pro 100 Personen, fast 80 Prozent mehr als beim Rest der Branche. Die Initiatoren des Berichtes machen dafür vor allem Amazons "Besessenheit von hohem Arbeitstempo" verantwortlich.

In der Frage der Ernährung schlägt die Amazon-Broschüre vor, dass die Angestellten "gut essen" sollten, da sie voraussichtlich etwa 400 Kalorien pro Stunde verbrennen würden. Das entspricht dem ungefähren Kalorienverbrauch einer Person mit 80 kg Körpergewicht, die das sogenannte CrossFit, eine Mixtur aus Gewichtheben, Turnen und Ausdauertraining, betreibt. "Müdigkeit ist oft ein großer Faktor bei Verletzungen", so die Broschüre. Auch konkrete Ernährungsvorschläge werden gemacht. Die Lagerarbeiter sollen Vollkornprodukte essen, fünf bis neun Portionen Obst und Gemüse zu sich zu nehmen und dabei den Natriumgehalt niedrig sowie den Kaliumgehalt hochhalten.

Zudem sollen sie den ganzen Tag eine Wasserflasche bei sich tragen sowie jeden Tag etwa zwei Liter Wasser trinken – und "die Farbe des Urins überwachen". Auch wird den Lagerarbeitern geraten, einen gesunden Schlafrhythmus beizubehalten, da dies "extrem wichtig für die Prävention von Verletzungen, die Heilung und die allgemeine Gesundheit" sei. Gegen geschwollen Füße am Ende der Schicht sollen Schuhe helfen, "die viel Platz haben, wenn die Füße während der Arbeit anschwellen.

In einer Stellungnahme gegenüber Vice erklärte Amazon, dass die Broschüre irrtümlich erstellt worden sei und man sie sofort entfernt habe. Der ehemalige Mitarbeiter, der die Broschüre an Vice leakte, erklärte jedoch, dass er das erste Mal im November 2020 auf die Broschüre gestoßene sei, aber erst vor wenigen Wochen eine Kopie der Broschüre im Tulsa-Lager gefunden habe.

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