Nordamerika

Wegen Millionen unbezahlter Rechnungen: US-Energieversorger stehen vor finanziellem Aus

Millionen US-Amerikaner haben in der Folge der Corona-Krise Probleme, ihre Stromrechnungen zu bezahlen. Energieversorgungsunternehmen in den USA sehen sich einer drohenden Einnahmekrise ausgesetzt. Verbraucherschützer fordern weitere Milliardenhilfen.
Wegen Millionen unbezahlter Rechnungen: US-Energieversorger stehen vor finanziellem AusQuelle: Reuters © Gary Cameron

Seit dem Ausbruch der Pandemie haben Millionen von US-Amerikanern mit der Bezahlung von Miet- und Stromrechnungen zu kämpfen. Diese Situation belastet die Einnahmen der Energieversorger und wirft die Frage auf, wer für die ausstehenden Energierechnungen in Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar aufkommen soll.

Mehr als die Hälfte der US-Bundesstaaten haben im März 2020 Moratorien für die Abschaltung von Strom- und Gasversorgern aufgrund des COVID-19-Notstandes eingeführt, nachdem Millionen US-Amerikaner pandemiebedingt ihren Arbeitsplatz verloren hatten. Diese Moratorien milderten die Ängste der Haushalte, ohne Licht oder Heizung dastehen zu müssen, während sie gleichzeitig darum kämpfen, ihre Mieten zu bezahlen oder Essen auf den Tisch zu bekommen. Der US-amerikanischen Energiehilfeorganisation NEADA zufolge enden die Winter- und COVID-19-Moratorien in 28 Staaten zwischen Februar und März 2021. 

Gleichzeitig fand der Datenanalyst Sense heraus, dass der durchschnittliche Stromverbrauch in Privathaushalten während der Lockdowns im Frühjahr 2020 im Vergleich zu 2019 um 22 Prozent anstieg. Derselbe prozentuale Mehrverbrauch gilt für den Monat April 2020 im Vergleich zu 2019.

Wenn viele Kunden nicht mit der Zahlung ihrer Stromrechnungen in Verzug geraten wären, hätten die Versorgungsunternehmen den geringeren industriellen Stromverbrauch mit Hilfe der höheren Rechnungen der Privathaushalte ausgleichen können.

Der Energieversorger Duke Energy schätzt, dass die pandemiebedingt geringere Auslastung den Wert pro Aktie im Jahr 2020 um etwa 20 bis 25 Cent drücken würde. Steven Young, Stellvertretender Geschäftsführer und Chef der Finanzabteilung bei Duke Energy, sagte in einer Telefonkonferenz im November: 

"Zusammen mit den erlassenen Gebühren und den nicht aufgeschobenen COVID-19-Kosten ergibt sich ein durch COVID bedingter Ergebnisrückgang von 0,25 bis 0,35 US-Dollar im Jahr 2020."

Die Energieversorger verzichteten zwar auf Einnahmen und stoppten die Stromabschaltungen, doch die Milliarden US-Dollar an unbezahlten Energierechnungen müssen trotzdem auf die eine oder andere Weise beglichen werden. In der Zwischenzeit sammeln sich die Schulden weiter an.

Mark Wolfe, Geschäftsführer von NEADA, erklärte im Dezember gegenüber dem Portal Utility Dive:

"Ein Moratorium ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn die Pandemie vorbei ist, werden diese Familien möglicherweise Stromrechnungen im Wert eines ganzen Jahres haben." 

Laut einer Analyse von Moody's Analytics ist "der typische in Verzug geratene Mieter" zum Zeitpunkt der Mietzahlung im Januar 2021 "fast vier Monate und 5.600 US-Dollar mit seiner monatlichen Miete und den Nebenkosten im Rückstand", wovon 290 US-Dollar auf Nebenkosten entfallen. 

"Versorgungsunternehmen im ganzen Land berichten von einem signifikanten Anstieg der Zahl der Haushalte, die mit ihren Nebenkostenrechnungen im Rückstand sind", schrieben NEADA und weitere Organisationen, darunter die US-amerikanische Energieregulierungsbehörde und das Zentrum für Verbraucherschutz, Ende Januar in einem Brief an den US-Kongress. Es wird erwartet, dass die Zahlungsrückstände bei Strom und Gas bis Ende 2020 32 Milliarden US-Dollar erreicht haben werden, so eine NEADA-Analyse der Zahlungsrückstände der Versorgungsunternehmen.

Vor diesem Hintergrund fordert man eine zusätzliche Finanzsspritze von zehn Milliarden US-Dollar für das Energiehilfeprogramm zugunsten einkommensschwacher Haushalte (LIHEAP).

Im US-Corona-Hilfegesetz (Consolidated Appropriations Act) von 2021 wurden 25 Milliarden US-Dollar für Mietzuschüsse und Energierechnungen bereitgestellt. NEADA und weitere Organisationen erwarten jedoch, dass ein großer Teil dieser Mittel nicht für Versorgungsrechnungen verwendet wird. Diese können zwar Mietern helfen, nicht aber Hausbesitzern, von denen Millionen ebenfalls mit ihren Energierechnungen im Rückstand sind. 

NEADA stellte klar, dass die Zuweisung von mehr Finanzmitteln für das LIHEAP im Vergleich zu Rückzahlungsplänen eine bessere Option darstellen. Letztere können sich über Jahre hinwegziehen und die Fähigkeit der Haushalte, sich aus eigenen Kräften zu erholen, weiter hinauszögern. Außerdem könnten die unbezahlten Energierechnungen dazu führen, dass viele kleinere und weniger gut kapitalisierte kommunale und genossenschaftliche Versorgungsunternehmen vor "ernsthaften wirtschaftlichen Engpässen" stehen. 

"Angesichts der Dringlichkeit dieser Bedürfnisse ist es zwingend erforderlich, dass der Kongress das LIHEAP in die nächste Finanzierungsvorlage für die Corona-Hilfe aufnimmt und das Programm mit zehn Milliarden US-Dollar finanziert, um den Energiebedarf aller berechtigten US-amerikanischen Familien zu decken", so die Organisationen in ihrem Brief an den Kongress.  

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