Nordamerika

Corona-Ausbruch auf Flugzeugträger: Freigegebene E-Mails belegen Ignoranz der US-Navy

Als Anfang April ein Hilferuf des Flugzeugträgers USS Theodore Roosevelt aufgrund eines schweren Corona-Ausbruchs an die Medien gelangte, wurde Kapitän Brett Crozier gefeuert. E-Mails an Angehörige zeigen nun, dass er das Wohl seiner Mannschaft über die eigene Karriere stellte.
Corona-Ausbruch auf Flugzeugträger: Freigegebene E-Mails belegen Ignoranz der US-NavyQuelle: AFP © Nathan Carpenter / Navy Office of Information

Es war ein dramatischer Appell an seine Vorgesetzen in der US-Navy, den Ausbruch auf dem Kriegsschiff ernst zu nehmen. Auf vier Seiten beschrieb Crozier die Situation und wies darauf hin, dass eine adäquate Quarantäne von so vielen Krankheitsfällen an Bord nicht möglich sei, und er bat deshalb um eine "politische Lösung". Der Brief gelangte schließlich an den San Francisco Chronicle, der die "Bombe" platzen ließ und eine heftige Debatte in den USA auslöste. Nur zwei Tage später musste der Kapitän deswegen sein Kommando über den Flugzeugträger abgeben.

Von der 5.000 Mann starken Besatzung wurde bei 1.273 Matrosen der SARS-CoV-2-Erreger nachgewiesen. Eine Person verstarb an den Folgen der COVID-19-Krankheit. Crozier schrieb in dem Brief:

Wir sind nicht im Krieg. Matrosen müssen nicht sterben. Wenn wir jetzt nicht handeln, kümmern wir uns nicht richtig um unser wichtigstes Gut: unsere Matrosen.

Wie sich anhand von nun freigegebenen E-Mails der US-Navy aufgrund des Freedom of Information Act (FOIA) jetzt erst zeigt, war nicht nur dem Kapitän die Tragweite des Ausbruchs bewusst, sondern auch anderen führenden Offizieren der USS Theodore Roosevelt. 

Am 25. März erhielt Konteradmiral Stuart Baker, Kommandeur der Carrier Strike Group Nine, zu der auch dieser Flugzeugträger gehört, eine E-Mail von der Siebten Flotte der US-Navy. Darin wurde er gewarnt, dass man von einer "95-prozentigen Wahrscheinlichkeit eines großen Ausbruchs" auf der USS Theodore Roosevelt ausgehe. Doch die zentrale Forderung des Kapitäns und des verantwortlichen ärztlichen Leiters Captain John York an Bord, die Crew so schnell wie möglich in Guam an Land zu bringen und in Hotels zu isolieren, wurde ignoriert.

Am Abend schrieb Brett Crozier in einer E-Mail an einen Angehörigen, dass "einige außerhalb des Schiffes trotz gegenteiliger Beweise nicht sehr realistisch" die Bedrohungslage durch das Virus sehen.

Drei Tage später sollte Crozier eigentlich einen Anruf von Admiral Michael Gilday mit weiteren Instruktionen erwarten. Doch der Anruf fand aus unbekannten Gründen nicht statt. Stattdessen verzeichnete Capt. York am selben Tag eine stark angestiegene Zahl erkrankter Matrosen, für die ein Quarantäneeinrichtung an Bord errichtet wurde. Doch die Enge der Quartiere, die Zahl der Patienten und zu wenig Nahrungsmittel hätten "wahres menschliches Leid" erzeugt. 

Während der Druck auf den Kapitän des Flugzeugträgers – allein durch die Situation an Bord – bereits hoch war, wuchs er durch die Kritik von Familienangehörigen und dem darauf folgenden Medienbericht in der New York Times noch enorm an. Der Ombudsmann des Schiffes, der die Familien der Matrosen über die Situation im Allgemeinen und bei Krisen im Besonderen informiert, schrieb in einer E-Mail vom 26. März an Crozier, dass die Familien immer unruhiger werden. Sie werfen den Verantwortlichen der USS Theodore Roosevelt vor, sie nur unzureichend über die Entwicklung an Bord zu informieren und die Lage nicht ernst genug zu nehmen. "Das grundsätzliche Misstrauen wird sich exponentiell vervielfachen", warnte der Ombudsmann.

Vier Tage später schrieb er erneut an den Kapitän, in noch deutlich drängenderem Tonfall:

Wir sind alle sehr besorgt um unsere Seeleute und ihre Familien in dieser Zeit, aber wir müssen unseren Familien versichern können, dass ihre Seeleute betreut und nicht vergessen werden. Dieser Zustrom von E-Mails und Fragen ist alarmierend.

Am selben Tag, dem 30. März, gelangte Brett Crozier offensichtlich zur Erkenntnis, dass die von der US-Navy vorgegebene Strategie zur Eindämmung des Virus nicht funktioniert und er als verantwortlicher Kommandeur des Flugzeugträgers die Pflicht hat, für das Wohl seiner Besatzung zu sorgen. Mit einer E-Mail wandte er sich an führende Offiziere der Navy und schrieb, dass die Maßnahmen "nicht adäquat" seien und er deshalb um Unterstützung bittet.   

Wie Sie wissen, ist die Rechenschaftspflicht eines Kommandieren Offiziers absolut, und ich glaube, wenn es je einen Zeitpunkt gab, um Hilfe zu bitten, dann ist der jetzt, unabhängig von den Auswirkungen auf meine Karriere.

Er schrieb, dass die weitere Beherbergung der noch nicht infizierten Matrosen an Bord ein "unnötiges Risiko" darstelle und dazu führe, dass das "Vertrauen von Seeleuten brechen wird, die unserer Fürsorge anvertraut wurden." Der E-Mail legte er jene vier Seiten bei, die dann an den San Francisco Chronicle gelangten. 

Dass er die Befehlskette umgangen hatte, ärgerte insbesondere Admiral John C. Aquilino, den Kommandeur der Siebten Flotte. Er verlangte einen umgehenden Anruf Croziers. Ob dieser Anruf allerdings stattfand, ist nicht bekannt. Es gab aber durchaus auch Verständnis bei der US-Navy für diesen Schritt. Vize-Admiral DeWolfe Miller antwortete dem Kapitän des Flugzeugträgers, dass "wir umgehend die Arbeit im Namen ihres Teams erweitern werden". 

Tatsächlich schien dieser Hilferuf etwas bewirkt zu haben, wie Crozier am 31. März schrieb. "Der Brief scheint den Ball ins Rollen gebracht zu haben – hoffentlich nicht zu spät", schrieb er. An einen Angehörigen schrieb er am nächsten Tag, dem 1. April, dass die Streitereien mit den Vorgesetzten weitergehen und er versuche, "die Leute von mir fernzuhalten", damit er sich um seine Besatzung und die Probleme an Bord kümmern könne. "Ich bin müde, aber ich kämpfe noch", meinte er weiter. An diesem Tag veröffentlichte der San Francisco Chronicle Auszüge aus den vier Seiten. 24 Stunden später wurde Kapitän Brett Crozier vom Kommando der USS Theodore Roosevelt entbunden.

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