Meinung

"Würdiges" und "unwürdiges" Gedenken, oder: Mit der ARD am deutschen Wesen genesen

Das Gedenken der Vertreter Israels und Russlands an die Befreiung von Auschwitz in Yad Vashem sei unwürdig gewesen – ganz im Gegensatz zu dem des deutschen Staatsoberhauptes, findet die ARD. Abgründe an Geschichtsvergessenheit und Überheblichkeit tun sich auf.
"Würdiges" und "unwürdiges" Gedenken, oder: Mit der ARD am deutschen Wesen genesenQuelle: Reuters © THO/ems

von Andreas Richter

Die ARD-Korrespondentin Sabine Müller hat in einem auf tagesschau.de nachzulesenden grotesken Meinungsbeitrag die Gedenkveranstaltung für die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee in Yad Vashem am Donnerstag dieser Woche kritisiert.

Müller unterschied dabei mal eben zwischen "würdigem" Gedenken, wie es der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Veranstaltung gezeigt habe:

Eine Rede über deutsche Schuld und deutsche Verantwortung, darüber, dass es keinen Schlussstrich unter das Erinnern geben darf und über die traurige Erkenntnis, dass Deutsche 75 Jahre nach Auschwitz nicht immun sind gegen das Böse. Wie sagte Steinmeier richtig: Der Antisemitismus von heute habe zwar andere Täter und benutze andere Worte, es sei aber trotzdem "dasselbe Böse". Das war würdig.

Demgegenüber stellt die Journalistin des Hessischen Rundfunks die Repräsentanten Israels und Russlands, Benjamin Netanjahu und Wladimir Putin, die sich "unwürdig" verhalten hätten:

Unwürdig war dagegen, wie Israel und Russland diesen Gedenktag teilweise kaperten. Wie sie vor der offiziellen Veranstaltung sozusagen ihre eigene politische und erinnerungspolitische Privatparty feierten – mit neuen Verbalattacken gegen Polen und demonstrativ überlangen bilateralen Gesprächen zwischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Präsident Wladimir Putin.

Und es geht noch weiter: Die beiden hätten bei der Einweihung eines Denkmals die Zeit "gnadenlos überzogen". Dabei ging es ja auch nur um die Belagerung Leningrads:

Wie sie die Einweihung eines Denkmals zur Erinnerung an die Belagerung Leningrads gnadenlos überzogen, wie sie 90-jährige, 100-jährige Holocaust-Überlebende eine Dreiviertelstunde lang in Yad Vashem warten ließen, wie bestellt und nicht abgeholt – und dazu noch mehr als 40 Staats- und Regierungschefs.

Die Repräsentantin des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks schwingt sich hier zur Entscheiderin darüber auf, wessen Gedenken an den Holocaust würdig ist und wessen nicht. Damit stellt sie sich in eine ganz eigene Traditionslinie zu den Deutschen, die entschieden, wer Jude war oder einer anderen "minderwertigen Rasse" angehörte und wer nicht, wer gleich sterben sollte oder sich langsam zu Tode hungern oder arbeiten durfte.

Offenbar im Namen des heute in Deutschland grassierenden moralischen Übermenschentums kommt die Journalistin zu dem Schluss, dass sich die anderen doch bitte nach den Deutschen richten sollten. Denn natürlich gedenken nur die Deutschen ihrer Verbrechen "würdig", während die anderen eine "Privatparty" feiern und den Gedenktag "kapern".

Das an sich ist schon überheblich und geschichtsvergessen genug. Dass Müller mit Netanjahu und Putin ausgerechnet die Repräsentanten der Staaten "unwürdigen" Gedenkens beschuldigt, die – im Fall Israel – von Nachfahren der Überlebenden des Holocausts gegründet wurde oder – im Falle Russlands – Nachfolger des Staates ist, der die meisten Opfer des NS-Terrors und Krieges zu verzeichnen hatte, unter ihnen Millionen Juden, lässt den Kommentar selbst im an Fehlleistungen reichen Umfeld des deutschen Mainstream als eine besonders üble Verirrung herausragen. Die Rampe, an der zwischen würdigem und unwürdigem Gedenken unterschieden wird, steht seit dieser Woche bei der ARD.

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