Meinung

Deutschlandfunk weist RT-Kritik an Geschichtssendung "Pakt zweier Diktatoren" zurück

Im Vorfeld des 80. Jahrestags des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes fiel der Deutschlandfunk mit skurrilen Behauptungen auf, etwa der, dass in der frühen UdSSR "Hass auf Juden und Migranten" blühte. RT bat um Belege. Die Antwort des Senders spricht für sich.
Deutschlandfunk weist RT-Kritik an Geschichtssendung "Pakt zweier Diktatoren" zurückQuelle: www.globallookpress.com

von Wladislaw Sankin 

Am 9. August haben zwei Moderatoren des öffentlich-rechtlichen Senders Deutschlandfunk (DLF) in der Geschichtssendung "Pakt zweier Diktatoren" einige kühne Behauptungen über die historische Realität der Vor- und Nachkriegszeit aufgestellt. RT Deutsch stellte daraufhin eine Anfrage und machte diese publik. Es ging bei der Anfrage vor allem darum, die aus unserer Sicht fragwürdigen Thesen der DLF-Journalisten zu begründen.

Die Antwort des Hörerservices der Redaktion traf inzwischen ein. Wie versprochen, geben wir sie im Wortlaut wieder:

Sehr geehrter Herr Sankin,

gerne beantworte ich Ihre Mail und den offenen Brief an die Redaktion von 'Eine Stunde History' vom 16.08.2019.

Das Format 'Eine Stunde History' erklärt jede Woche dem Publikum von Deutschlandfunk Nova, wie Vergangenheit und Zukunft miteinander zusammenhängen und ist mit dieser einzigartigen Kombination aus seriöser Information und zeitgemäßer Aufbereitung historischer Themen einer der erfolgreichsten Podcasts in Deutschland. In der Sendung vom 9. August 2019 hat sich die Redaktion mit dem Hitler-Stalin-Pakt und der unmittelbaren Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs auseinandergesetzt. Wie immer kommen dazu verschiedene Wissenschaftlerinnen und Experten zu Wort, die auch auf der Webseite aufgeführt sind.

Wir haben uns die Sendung nach Ihrem offenen Brief noch einmal genau angehört und weisen die Kritik, Geschichtsfälschung zu betreiben, hiermit nachdrücklich zurück.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jörg Schumacher

Pressesprecher

Leiter Kommunikation und Marketing

Es ist erfreulich, dass der große öffentlich-rechtliche Sender sich mit der Anfrage beschäftigt und sich zurückgemeldet hat. Man kann sagen, dass der DLF das auf der eigenen Website abgegebene Versprechen eingehalten hat, auf Kritik und Anregungen zu reagieren – auch wenn die Antwort so pauschal ausfiel. Weil sie aber eben so pauschal ist, kann man sie schwer unkommentiert lassen.

Zunächst haben wir in unserer Anfrage Geschichtsfälschung des DLF nur vermutet und die Möglichkeit eines Fehlers oder einer Fehlinterpretation ausdrücklich offengelassen – vorausgesetzt, der Sender liefert die angefragten Belege, in einen historischen Kontext gesetzt. 

Wir bitten Sie darum, unseren Verdacht der Geschichtsfälschung mit einer fundierten Antwort Ihrerseits zu entkräften", stand am Ende unseres Schreibens.

Kritik als überspitzt darzustellen, gehört offenbar zur Technik ihrer Abweisung. Dies trägt nicht zu einer offenen Diskussion bei, sondern dient dem Zweck, den Kritisierenden als übereifrig und hysterisch darzustellen und damit zu delegitimieren.

Außerdem war es nicht nötig, die ganze Sendung anzuhören, sondern es reichte, die Beiträge der Moderation – also den eigentlichen Beitrag des Senders, vertreten durch seine Journalisten – unter die Lupe zu nehmen. Wir haben an keiner Stelle die Aussagen der in der Sendung befragten und nicht zum DLF gehörenden Experten kritisiert und hinterfragt. Obwohl wir ihre Einschätzung in wesentlichen Punkten nicht teilen. Aber immerhin haben die in der Sendung befragten Experten ihre Thesen zumindest mit Argumenten belegt.

Die Aussagen der Moderation waren dagegen entweder unlogisch, wenn beispielsweise die Gebietserweiterung Polens nach Westen praktisch als Beleg für die polnische "Katastrophe" fungieren sollte, oder aber – und das trotz ihrer Schärfe – argumentativ völlig unbewiesen.

Wo haben wir das schon gehört?

Die Antwort des Senders erinnert vielmehr an die Aussagen von Regierungsvertretern, die kritische Journalisten wöchentlich immer wieder hören: Es zählen nicht eure Argumente, sondern einzig und allein die Regierungslinie. Trotzdem wird bei der Bundespressekonferenz der Eindruck eines offenen demokratischen Forums erweckt. 

Jeder Regierung steht es im Grunde frei, ihre Politik entgegen aller Kritik durchzusetzen – genauso, wie es jede Redaktion mit ihrer redaktionellen Linie tun darf. Aber das demokratische Versprechen und der faktische Umgang mit begründeter Kritik, die deutsche Regierungsvertreter und Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gleichermaßen an den Tag legen, klaffen weit auseinander. Letztere hatten es in unserem Fall gar nicht nötig, sich mit den Äußerungen ihrer Journalisten auseinanderzusetzen und Argumente für deren Behauptungen anzuführen.

Eine andere Option ist auch denkbar. Die Abteilung für Qualitätssicherung des Senders könnte zum "Opfer" der eigenen Propaganda gefallen sein. Denn ausgerechnet an dieser Stelle entfaltet das bewusst gepflegte Framing der Sendung seine Wirkung: Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt war demnach nicht irgendein diplomatisches Dokument seiner Zeit, sondern ein "Pakt zweier Diktatoren" oder, um es mit dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) zu sagen, ein "Teufelspakt".

Denn wenn die eine Diktatur zum äußersten Bösen fähig war, warum sollte die andere dann nicht im selben Maße dazu fähig sein? Durch diese Gleichsetzung kann man sich Argumente sparen. Trotz fehlender Beweiskraft mancher Aussagen macht man dabei grundsätzlich nichts Falsches, denn dies ist in der heutigen Bundesrepublik politisch gewollt. Doch politischer Wille führt nicht zur historischen Wahrheit.

Nach derartigem "Abschmettern" öffentlicher Kritik kann man  dem Deutschlandfunk nun mit Fug und Recht Blind- und Taubheit gegenüber der historischen Realität unterstellen. Oder nunmehr bewusste Geschichtsfälschung – wenn man so will –, denn die Verweigerung einer offenen Debatte durch ein abweisendes Schreiben kommt der Unfähigkeit gleich, die geäußerte Kritik durch eigene Argumente zu entkräften.

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