Meinung

Kevin Kühnert und die Rückkehr der DDR – Nee, wat ham wa gelacht

Kurz vor den Europawahlen spekuliert Juso-Chef Kühnert öffentlich darüber, wie der Kapitalismus überwunden werden kann. Alles, was danach passierte, lässt sich unter dem Oberbegriff "Defcon 1" zusammenfassen. Dabei sollte man Kühnert dankbar sein.
Kevin Kühnert und die Rückkehr der DDR – Nee, wat ham wa gelacht© Bilder: AFP/Fotomontage: RT Deutsch

von Timo Kirez

Da ist sie wieder, die DDR. Auferstanden aus Ruinen, beziehungsweise aus einem Interview des Juso-Chefs Kevin Kühnert in der Zeit. Was erlauben Kühnert? Statt dem Nachwuchspolitiker dafür dankbar zu sein, dass er eine dringend nötige Debatte angestoßen hat, werden die rhetorischen Evergreens aus der Mottenkiste der Marktfetischisten wieder hervorgekramt – im Sinne, hatten wir schon, hat nicht funktioniert, und jetzt bitte weitermachen. Zeit ist schließlich Geld.

Dabei fällt die zum Teil aggressive Sprache auf, mit der Kühnert irgendwo zwischen gefährlichem Brandstifter und politischem Vollpfosten verortet werden soll. Kühnert spricht nicht, sondern er "faselt", er denkt nicht, sondern er "fantasiert". Anspielungen auf Drogenkonsum inklusive. Diese panischen Abwehrreaktionen machen eins deutlich: Kühnert hat einen Nerv getroffen. Schon allein dafür muss man ihn loben.

Nicht einer der überbezahlten Alphajournalisten, die sich nun berufen fühlen, das "Schlimmste zu verhindern", macht sich die Mühe, in Zusammenhängen zu denken. Wer zum Beispiel Klimapolitik und das ewige Profitstreben des Kapitalismus nicht als Problem sieht, hat entweder nichts begriffen oder lügt sich selbst in die Tasche. Und wer auch nur eine Sekunde glaubt, dass ein liberalisierter Wohnungsmarkt den Bedürfnissen von zunehmend prekarisierten Schichten der Bevölkerung dient, ist schlichtweg ein Zyniker. Dabei ist der Kapitalismus mit seiner "schöpferischen Zerstörung" im Sinne Joseph Schumpeters noch gar nicht fertig.

Dank der sogenannten "Digitalisierung" geht es jetzt erst so richtig los. Charmebolzen wie Amazon oder Uber geben einen Ausblick darauf, was der Kapitalismus 2.0 für uns alle bereithält. In einer Atmosphäre der allgemeinen Verunsicherung und zunehmender Zukunftsängste ist es Aufgabe der Politik, die Debatte darüber, wie wir in Zukunft leben wollen, zu befeuern. Zu befeuern, nicht zu ersticken. Doch wer Vorstöße wie die von Kühnert mit lächerlichen DDR-Vergleichen zu diskreditieren versucht, begibt sich diskurstechnisch in die Bezirksliga. Dabei spielt es auch erst einmal überhaupt keine Rolle, wie ernst es Kühnert mit dem "Sozialismus" wirklich ist.

Denken heißt überschreiten, schrieb der 1977 verstorbene Philosoph Ernst Bloch einmal. Ein Denker, der es fertigbrachte, gleichzeitig Marxist, Atheist und Christ zu sein. Wo sind die großen Debatten unserer Zeit? Wer stellt überhaupt noch grundsätzliche Fragen? Oder hat am Ende doch Walter Benjamin Recht, der in einem Fragment von 1921 den Kapitalismus als Religion beschreibt und später feststellt: "Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe."

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