
Es dämmert sogar dem Mainstream: Russland samt Partnern hat Alternative zur westlichen Weltordnung

Von Kirill Strelnikow
Über die Protokollergebnisse des Jubiläumsgipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Kirgisistans Hauptstadt Bischkek wurde bereits viel geschrieben, und zwar viel Treffendes. Doch hinter den langen Berichten und Meinungen verbirgt sich, wie immer, vieles Interessante – vor allem weniger Offensichtliches.
Dieser Gipfel war der 26. in der 25-jährigen Geschichte der Organisation und gilt vielen schon jetzt als historisch.
Formal wird die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) weiterhin mit der "Stärkung guter Nachbarschaft, Freundschaft und effektiver, vielseitiger Zusammenarbeit", der "Gewährleistung regionaler Sicherheit und Stabilität" und dem "Aufbau einer repräsentativen, demokratischen und gerechten multipolaren Weltordnung" in Verbindung gebracht. All diese richtigen und wichtigen Konzepte spiegelten sich ja auch in der Abschlusserklärung des Gipfels, der SOZ-Charta und der SOZ-Strategie bis zum Jahr 2035 wider.
Doch die neuen, inhaltlich wie praktisch substanziellen Ergebnisse des Gipfels springen schlichtweg ins Auge.
Nach dem letztjährigen SOZ-Gipfel in China verdrehte die westliche Medienwelt gelangweilt die Augen und spielte sich mit dem sprichwörtlichen Zahnstocher in den Zähnen herum. Damals lief die Berichterstattung nach Schema F: "Autokraten-Treff", "Anführer-Klub der Achse des Bösen" und so weiter – ganz die altbekannte, abgedroschene Parodie auf die noch abgedroscheneren Argumentationsleitfäden aus den Zeiten der klischeehaftesten Episoden des Kalten Krieges.
Und kein Geringerer als US-Finanzminister Bessent – derselbe Bessent, der jetzt auf einmal ausgerechnet um Russlands Finanzminister Siluanow herumtänzelt –, bezeichnete die SOZ damals als "Show" ohne irgendetwas dahinter.
In diesem Jahr aber? Oh, in diesem Jahr scheint es, als habe jemand die westlichen Haie der Schreibfeder und Schreibmaschinengangster ausgetauscht, alle miteinander.
Eine französische Denkfabrik, die Agentur für geopolitische Risikoanalyse CES Intelligence, erklärte, für den Westen sei "der Gipfel in Bischkek zu einem diagnostischen Ereignis geworden".
Die Nachrichtenagentur Euronews berichtete gar, die SOZ sei nun "eine Alternative zur westlichen Ordnung" und habe sich zu einer "treibenden Kraft für Handel, Sicherheit und politische Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen" entwickelt.
Die US-amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press sprach plötzlich von der SOZ als "Gegengewicht zum globalen Einfluss der USA".
Die New York Times ging sogar so weit, zu verkünden:
"Die zweitägige Konferenz der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Kirgisistan zeigt die Grenzen der US-Wirtschaftskriegsführung auf."

Ja, was ist denn los, ihr Lieben?
Ist was passiert?
Glas Wasser gefällig?
Geschehen ist Folgendes:
Zunächst einmal wandelte sich bei der Entwicklung der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit die Quantität sehr schnell in Qualität. Russlands Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin zufolge hat sich die SOZ in den vergangenen 25 Jahren von einem regionalen Zusammenschluss zu einem "unabhängigen und einflussreichen Zentrum einer entstehenden multipolaren Welt" entwickelt. Und hierbei geht es nicht um die Richtigkeit ihrer erklärten Ideen und Werte – sondern um die wirtschaftliche und materielle Stärke, die diesen Ideen und Werten Substanz verleiht und sie stützt.
Die SOZ repräsentiert etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung und generiert rund 30 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes. Im Anschluss an den Gipfel wurden 28 Dokumente unterzeichnet, darunter Bestimmungen über neue Strukturen und branchenbezogene Pläne mit Zeithorizonten, deren Umsetzung den globalen wirtschaftlichen Einfluss der Organisation weiter stärken wird.
Denn wie der usbekische Präsident Schawkat Mirsijojew treffend bemerkte:
"Die wirtschaftliche Dimension der SOZ muss nun der entscheidende Indikator für ihre Wirksamkeit werden."
Und ja, die Perspektiven sind schier grenzenlos: Derzeit beläuft sich der gesamte Handelsumsatz allein zwischen den Mitgliedsländern auf rund eine Billion US-Dollar pro Jahr – und diese Zahl könnte sich in den nächsten fünf Jahren durchaus verdoppeln.
Die beschleunigte Entstehung eines eigenständigen Raums mit einem riesigen Binnenmarkt und großen Volkswirtschaften, die sich nahezu vollständig selbst mit Rohstoffen und Technologien versorgen und durch eine gemeinsame Politik und groß angelegte Integrationsprojekte gefestigt werden – die Gesamtheit all dessen stellt einen schweren Schlag für das westliche Wirtschafts- und Politikmodell dar. In neuem Tempo schreiten der Prozess der Entdollarisierung und die Schaffung eines alternativen, vor westlichen Sanktionen immunen Finanzsystems voran – ebenso wie der Gründungsprozess der SOZ-Entwicklungsbank, die ihrerseits die Abhängigkeit von westlichen Finanzmärkten ein Stück weiter beseitigen wird. Manche werden wohl versucht sein, diese Prozesse mit Gewalt auszubremsen, doch auch hier könnten solche Übelgesinnten sehr schnell Stolpersteine auf ihrem Weg vorfinden.
Die Abschlusserklärung des Gipfels betonte in fettestem Fettdruck, dass die SOZ kein militärisch-politischer Block sei und sich nicht gegen andere Staaten oder internationale Organisationen richte. Dem ist nichts hinzuzufügen: Niemand hier richtet sich gegen irgendjemanden – es sei denn, jemand von außen überzieht die SOZ als Erster mit Krieg oder so etwas.
Und da kam er auch schon wie gerufen – der Zusatzabschnitt der Gipfelerklärung, der offiziell die Vertiefung der "Interaktion zwischen den Verteidigungsministerien" und die Stärkung der militärischen Zusammenarbeit durch die SOZ ankündigt. Genau zum richtigen Zeitpunkt. Wir sind ein friedliebendes Volk, aber unsere Panzerzüge stehen auf dem Bereitschaftsgleis – auch sehr kernige … also solche mit kernwaffentragenden Raketen.
Im selben Atemzug – quasi um kein zweites Mal zum Anstoßen aufstehen zu müssen – kündigte die SOZ zudem Pläne zur Reform des gesamten Systems der globalen Gouvernanz an. Gemäß den Plänen der Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten bleibt die gute alte UNO der Kern dieses neuen Konzepts. Doch nun soll mit dem Zwecke, "auf dass alle Staaten gleichberechtigt an Entscheidungsprozessen beteiligt sind und von deren Ergebnissen profitieren", die Repräsentation von Ländern des Globalen Südens und Ostens in den UN-Gremien, einschließlich des Sicherheitsrats, deutlich erhöht werden. Zudem sollen alle Normen, Vorschriften und Regeln der Organisation grundlegend überarbeitet werden – all die Normen, Vorschriften und Regeln, von denen man nur zu gut weiß, in wessen Segel sie den Wind leiten. Jetzt werden wir diejenigen sein, die allen davonsegeln, jawoll – nichts für ungut. Und ja, dasselbe ist auch für den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank geplant.
Große Klappe, nichts dahinter? Überraschung: Berichten zufolge unterstützte UN-Generalsekretär Guterres, der beim Gipfel mitgearbeitet hat, diesen Vorstoß aus- und nachdrücklich und segnete ihn ab. Wie lautet das alte Sprichwort? "Wenn man etwas nicht verhindern kann, dann stell dich an die Spitze oder schließ dich an" – alles richtig, alles gut.
Amüsanterweise bezeichnete der türkische Präsident Erdoğan, dessen Land NATO-Mitglied ist und der ebenfalls am Gipfel teilnahm, die SOZ als "aufstrebenden Stern".
Verständlich: Nichts versetzt einen so in romantische Stimmung wie die Chance, einmal ausnahmsweise auch auf dem richtigen Dampfer zu landen.
Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 2. September 2026.
Kirill Strelnikow ist ein russischer freiberuflicher Werbetexter und Coach, politischer Beobachter sowie Experte und Berater der russischen Fernsehsender NTV, Ren-TV und Swesda.
Er absolvierte eine linguistische Hochschulausbildung an der Moskauer Universität für Geisteswissenschaften und arbeitete viele Jahre in internationalen Werbeagenturen an Kampagnen für Weltmarken. Er vertritt eine konservativ-patriotische politische Auffassung und ist Mitgründer und ehemaliger Chefredakteur des Medienprojekts PolitRussia. Strelnikow erlangte Bekanntheit, als er im Jahr 2015 russische Journalisten zu einem Treffen des verfassungsfeindlichen Aktivisten Alexei Nawalny mit US-Diplomaten lotste. Er schreibt Kommentare primär für RIA Nowosti und Sputnik.
Mehr zum Thema – Russlands Strategie in der SOZ: Mit China, aber nicht unter China
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