
Der Tod des Henry Nowak als Symbol

Von Dagmar Henn
Das Video der entscheidenden Momente in der Tragödie des Henry Nowak im britischen Southampton wirkt wie eine symbolische Bündelung der Gegenwart. Ein junger Student, dessen körperliche Not, dessen lebensgefährliche Verletzung (auf ihn war fünfmal eingestochen worden) von einer ganzen Gruppe von Polizisten nicht einmal wahrgenommen wird, weil der Täter sie davon überzeugt hat, der junge Student habe ihn rassistisch angegriffen. Ihm, dem Sikh, den Turban vom Kopf geschlagen. In Wirklichkeit hatte Nowak Vickrum Digwa, den Täter, mit dem Handy gefilmt, woraufhin ihn Digwa verfolgte und niederstach.
Erst in dem Moment, als eine der beteiligten Polizistinnen sagt, die Pupillen des zu Boden gedrückten und gefesselten Mannes reagierten nicht mehr, wird bemerkt, dass da etwas ganz kolossal schiefgegangen ist.

Diese Aufnahmen stammen aus der Bodycam eines der Polizisten, und sie wurden erst veröffentlicht, als der Prozess gegen den Täter am 28. Mai dieses Jahres beendet war. Der Zeitraum, in dem sich das Ganze abspielte, ist vergleichsweise kurz, und man kann den beteiligten Polizisten zugutehalten, dass das Opfer einen dunklen Pullover trug, auf dem bei der schlechten Außenbeleuchtung Blutflecken schlecht erkennbar waren.
Und dennoch hätte diese Situation anders verlaufen müssen. Ist denn der geschilderte Angriff, selbst wenn er stattgefunden hätte, tatsächlich so schlimm, dass er rechtfertigt, jemand auf dem Boden zu fixieren und ihm Handschellen anzulegen? Man hätte früher eigentlich erwartet, dass erst einmal mit den Beteiligten gesprochen wird, ohne physische Gewalt anzuwenden (dass sich Nowak in irgendeiner Weise gegen die Polizei gewehrt hat, ist extrem unwahrscheinlich, wenn man das Video sieht). Wäre dem so gewesen, sein Zustand wäre weit eher aufgefallen, schon allein, weil sein Gesicht sichtbar gewesen wäre.
Diese Eskalation seitens der Polizei bei vergleichsweise geringen Delikten hat etwas zu tun mit der massiven Überbetonung von Meinungsdelikten, die in Großbritannien (und ähnlich, wenn auch nicht ganz so extrem, in Deutschland) in den letzten Jahren stattgefunden hat. Die Proportion ist völlig verschoben, die eigentlich rechtlich unverzichtbare Trennung zwischen Wort und Tat ist aufgehoben. Sicher, wäre tatsächlich ein Turban vom Kopf geschlagen worden, wäre das keine reine Äußerung mehr gewesen – aber dennoch noch keine Körperverletzung, sondern eine Beleidigung. Bei der man nie vergessen sollte, dass diese selten einseitig sind.
Gleichzeitig passiert noch etwas. Die öffentliche Erwartung spielt eine Rolle, vor allem die durch die Medien verkörperte. Das Verhalten auch der Polizei richtet sich daran aus, wodurch man am ehesten scharfe Kritik vermeidet. Aktuell heißt das, in Großbritannien wie auch andernorts, nur nicht als rassistisch zu gelten. In einer unklaren Lage entsteht so die Neigung, dem Pfad des geringsten Widerstands zu folgen, wobei nicht die konkrete Situation definiert, wie dieser verläuft, sondern die genormte öffentliche Meinung. Ob das tatsächlich die öffentliche Meinung ist, tut wenig zur Sache – Hauptsache ist, eine Rüge durch die Medien zu vermeiden.
Also erfüllen sie die Erwartung, sich um das vermeintliche Opfer zu kümmern und gegen den vermeintlichen Täter vorzugehen, und verlieren dadurch genau das Stückchen Aufmerksamkeit, das in dieser Lage Nowaks Leben womöglich hätte retten können. Womöglich, denn wenn der Zeitablauf des Videos stimmt, wäre vielleicht auch ein Rettungsfahrzeug nicht mehr rechtzeitig eingetroffen. So zumindest die Aussage des Pathologen im Prozess gegen Digwa.
Nur, der Fall Nowak ist symbolisch, und er ist extrem, aber die Grundrichtung ist verbreitet. Wobei es nun schwerfällt, zu behaupten, damit sei wenigstens garantiert, dass die Polizei nicht rassistisch agiert – was da geschehen ist, ist keine Befreiung vom Vorurteil, sondern nur die Ersetzung eines Vorurteils durch ein anderes. Nur – die veröffentlichte Meinung fördert ja genau das. Wobei dann vielfach, die Extreme davon sieht man in manchen US-Staaten, ein Unterlassen einer Durchsetzung des Rechts als Lösung von Problemen gesehen wird, die auf einer ganz anderen Ebene liegen.
Wenn in Kalifornien, dem US-Bundesstaat mit der mit Abstand höchsten Obdachlosigkeit, Diebstähle bis zu einem Wert von 950 US-Dollar theoretisch nur als Ordnungswidrigkeit, praktisch jedoch fast gar nicht mehr verfolgt werden, ist das dann sozialer Fortschritt, wenn gleichzeitig die Zeltreihen der Obdachlosen immer länger werden? Wenn in Ländern, in denen Migration als Hebel genutzt wird, um den Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung weiter zu senken, Rassismus schon fast als Schwerverbrechen geahndet und damit ebendiese arbeitende Bevölkerung auch noch unter Generalverdacht gestellt wird, ist das dann sozialer Fortschritt?
Es muss noch ein Video geben, das bisher nicht veröffentlicht ist. Dieses Video filmte Digwa, nachdem er auf Nowak eingestochen hatte; er verhöhnte ihn beim Filmen. Digwa, der Waffennarr, in dessen Wohnung mehr als 20 Waffen gefunden wurden, hatte ein Messer bei sich, weil Sikh in Großbritannien aus religiösen Gründen einen Dolch tragen dürfen, während es allen übrigen britischen Einwohnern untersagt ist. Nun, wenn jemand einen anderen Menschen beim Sterben filmt und dabei verspottet, ist das nicht Herrenmenschentum, Rassismus, ein grundloses, zynisches Erheben über den anderen, gleich, welche Hautfarbe und Nationalität der auf der einen und der auf der anderen Seite dieses schrecklichen Moments hat?
Die Polizei von Hampshire hat einen "Race Action Plan", seit 2020. Das Programm soll "die Arbeitskräfte über organisatorische Kultur, Vorurteile, Neckereien, Mikroaggressionen, Privilegien und die Bedeutung, ein Verbündeter zu sein" bilden. Ein Verbündeter für Minderheiten. Die beteiligten Polizisten sind diesem Programm gefolgt und haben dementsprechend gehandelt.
Was in diesen Kursen übrigens ebenfalls vermittelt wurde, war, dass die Einhaltung dieser Prinzipien, so berichtet der britische Spectator, "mit Gehaltserhöhungen verknüpft ist". Auch die Chancen, befördert zu werden, hängen davon ab.
Die Zeitung erwähnt noch einen anderen Fall, in dem die entsprechende Haltung der Behörden Menschenleben kostete: 2024, als ein Flüchtling in Southport drei Mädchen einer Tanzklasse erstach. Seine Schuldirektorin hatte versucht, den psychiatrischen Dienst auf ihn aufmerksam zu machen, aber ihr wurde vorgeworfen, sie nehme ihn nur so wahr, weil er ein schwarzer Junge mit einem Messer sei.
Wenn eines unübersehbar ist in der ganzen Auseinandersetzung um Flüchtlinge und Migration, dann, dass ein guter Teil davon ein einziges Vorurteil über die Arbeiterklasse ist. Es sind die Bildungsbürger aus dem oberen Kleinbürgertum, die die Nase rümpfen über die da unten, die die Bereicherung nicht erkennen wollen. Aber das Argument, das ins Feld geführt wird, ist nie "Das sind Menschen wie du", das ist nie die Gleichheit, sondern immer die Botschaft "Die sind für uns besser als du".
Noch deutlicher findet sich dieser Ton des Klassendünkels in der ganzen Transgender-Debatte, die schon fast wie ein Ritual zur Selbsterhebung besagter Kleinbürger wirkt. Alles, was sich in den beiden Vorfällen, der Nowak-Tragödie und dem Mord an den drei tanzenden Mädchen in Southport, an Verzerrung zeigt, wie die Wirklichkeit durch Vorurteil ersetzt wird, findet sich bei diesem zweiten Thema mindestens ebenso klar. Wobei das zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem der Reichtum konzentriert ist wie nie, aus der Sicht der Oligarchen auch all die Genderer kleine, unwichtige Würstchen sind, und die Menschenverachtung in verschiedenster Gestalt weit wütender tobt als in vielen jener Jahre, die angeblich so rassistisch waren.
Hätten diese tragischen Minuten, die das Leben Nowaks beendeten, anders verlaufen können? Selbst wenn nicht sicher ist, dass er bei einer anderen Reaktion überlebt hätte – ja, es wäre vorstellbar, es muss vorstellbar sein, dass dieser Moment abläuft, ohne einen der Beteiligten in seiner Menschenwürde zu verletzen. Eine Dressur, die ein Vorurteil nur durch ein anderes ersetzt, ist kein Schritt nach vorn. Und die Demütigung der britischen oder deutschen Arbeiterklasse ist keinen Deut besser als eine Demütigung von Migranten.
Das Erstaunlichste daran ist, dass hinter diesem ganzen Spektakel, das so tragische Folgen zeitigt, die eigentlichen Fragen völlig versinken. Es gibt keine Debatte mehr um Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Es gibt keine Forderung, Obdachlosigkeit mit dem einzigen wirksamen Mittel zu bekämpfen – mit Wohnungen. Im Gegenteil. Das Budget fließt in die Aufrüstung, nicht in die Verbesserung der Lebensverhältnisse. Wie kommt es, dass bei all dem Kampf gegen Rassismus die Oligarchen immer reicher werden, die Armen immer ärmer und die Verachtung gegenüber denen da unten immer deutlicher wird?
"Das Recht ist immer die Sache der Schwachen; die Starken brauchen kein Recht" schrieb einst der Jurist Rudolf Olden. Das Recht erodiert, unübersehbar. Es erodiert auch durch die Vorurteile, die durch Medien und Politik vorgegeben werden. Gleich, wie diese Schritte gerechtfertigt werden – die Wirkung ist immer, dass die Position der Schwachen schwächer wird und die der Starken stärker.
Die letzten Augenblicke Nowaks sind zutiefst ungerecht. Sie sollten daran erinnern, dass Gerechtigkeit und Recht zwar in Widerspruch zueinander geraten können, dass aber dennoch das eine ohne das andere nicht vorstellbar ist.
Mehr zum Thema – "Please, brother, I can’t breathe" – Großbritannien hat seinen George-Floyd-Fall
RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.
Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.


