
Vom Zehn-Punkte-Plan zum verheerendsten außenpolitischen Fehlschlag der modernen US-Geschichte

Von Rainer Rupp
Von dem Zehn-Punkte-Plan, den US-Präsident Donald Trump auf seinem persönlichen Social-Media-Kanal Truth Social am 7. April 2026 gegen 18:32 Uhr (Ortszeit USA) als Grundlage für die angekündigte zweiwöchige Waffenruhe mit Iran anerkannt hatte, wollte er schon wenige Stunden später nichts mehr wissen. Hier folgt die Übersetzung der respektiven Textpassage aus seinem Truth-Social-Post:
"Auf der Grundlage von Gesprächen mit Premierminister Shehbaz Sharif und Feldmarschall Asim Munir aus Pakistan, in denen sie mich baten, die heute Nacht gegen Iran gerichtete zerstörerische Gewalt zurückzuhalten, und unter der Bedingung, dass die Islamische Republik Iran der VOLLSTÄNDIGEN, SOFORTIGEN und SICHEREN ÖFFNUNG der Straße von Hormus zustimmt, erkläre ich mich bereit, die Bombardierung und den Angriff auf Iran für einen Zeitraum von zwei Wochen auszusetzen.

Dies wird ein zweiseitiger WAFFENSTILLSTAND sein! Der Grund dafür ist, dass wir bereits alle militärischen Ziele erreicht und übertroffen haben und uns in fortgeschrittenen Verhandlungen über ein definitives Abkommen bezüglich eines langfristigen FRIEDENS mit Iran und FRIEDENS im Nahen Osten befinden.
Wir haben von Iran einen Zehn-Punkte-Vorschlag erhalten und sind der Ansicht, dass er eine brauchbare Grundlage für Verhandlungen darstellt. Fast alle strittigen Punkte der Vergangenheit wurden zwischen den Vereinigten Staaten und Iran bereits einvernehmlich geregelt, doch die zweiwöchige Frist wird es ermöglichen, das Abkommen endgültig auszuhandeln und abzuschließen.
Im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika, als Präsident, und auch im Namen der Länder des Nahen Ostens ist es mir eine Ehre, dass dieses langjährige Problem einer Lösung nahekommt. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit! Präsident DONALD J. TRUMP"
Die erste Reaktion der Netanjahu-Regierung und der zionistischen Kriegstreiber in Washington auf Trumps unerhörte Anerkennung des iranischen Zehn-Punkte-Plans war eine Mischung aus Schock und Wut. Der Widerstand begann sofort am Dienstagabend. Und schon am Mittwochmorgen behauptete das Weiße Haus, Trump habe einem ganz anderen, nicht näher definiertem Papier mit zehn Punkten zugestimmt. Anschließend warfen Benjamin Netanjahus Schergen in Israel einen großen Knüppel ins diplomatische Räderwerk, um weitere Verhandlungen zwischen USA und Iran im Keim zu ersticken. Das taten sie, indem sie einen äußerst brutalen, mörderischen Angriff mit über 100 Raketen auf zivile Ziele im Zentral- und im Südlibanon ausführten.
Dieses Muster israelischer Manipulation und US-amerikanischer Unterwerfung bestätigt, was erstaunlicherweise ausgerechnet die New York Times jetzt in einem längeren Artikel akribisch dokumentiert hat. Demnach war es Netanjahu, der den Angriffskrieg gegen Iran vorangetrieben hat und der ein israelisches unilaterales Handeln als unausweichlich darstellte, falls Washington nicht mitmachen sollte. Die Trump-Administration, ideologisch verblendet, hat laut NYT alle Warnungen militärischer Experten ignorierte, ebenso die Gegenstimmen von JD Vance und Außenminister Marco Rubio.
Im im ganzen Land viel beachteten Artikel der NYT unter dem Titel "How Trump Took the U.S. to War With Iran", werden vor allem Netanjahu und dessen Geheimdienstchef persönlich dafür verantwortlich gemacht, Trump in den Krieg hineinmanipuliert zu haben. Über Monate hinweg habe Netanjahu intensiv für einen gemeinsamen Großangriff auf Iran geworben. Ein entscheidendes Treffen am 11. Februar 2026 im Weißen Haus – inklusive einer streng geheimen Präsentation im Lagezentrum – habe Trump schließlich von einer zögerlichen Haltung zu groß angelegten Militärschlägen an der Seite Israels bewegt; womöglich, nachdem Netanjahu ihm einige alte "Pizza-Party-Fotos" gezeigt hat?
Laut NYT-Narrativ hatte der israelische Ministerpräsident bereits Monate vor dem 11. Februar die US-Regierung wiederholt zu militärischem Handeln gedrängt und dies mit der Notwendigkeit begründet, Irans Atomprogramm, dessen Raketenarsenale und regionalen Einfluss einzudämmen. Israelische Vertreter signalisierten zudem, notfalls allein zu handeln – was in Washington den Eindruck von Dringlichkeit und Unvermeidbarkeit verstärkt habe. Bei dem fast dreistündigen Treffen am 11. Februar wurden dann konkrete Angriffspläne und Zeitfenster erörtert, ebenso wie die "Risiken" der laufenden diplomatischen Gespräche, die bei einem Erfolg den Kriegsplanern einen Strich durch die Rechnung machen würden, was Netanjahu auf jeden Fall verhindern wollte.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie der Ex-CIA-Analyst Larry Johnson die Veröffentlichung der NYT zum aktuellen Zeitpunkt politisch einordnet: Sie sei als klassischer Versuch Washingtons zu sehen, die Verantwortung für eine aus dem Ruder gelaufene Politik Trumps auf das zionistische Regime in Israel abzuwälzen. Vance und – in geringerem Maße – Rubio erscheinen in Johnsons Einschätzung als Stimmen der Vernunft, während General Dan Caine, der ranghöchste US-Offizier, als zu schwach gilt, um Trump entgegenzutreten. Die Hauptverantwortung für das US-Desaster im Iran liegt laut Johnson jedoch bei US-Kriegsminister Pete Hegseth.
Johnson prognostiziert, dass die USA in Kürze ihre Angriffe wiederaufnehmen werden – mit der Folge iranischer Gegenschläge gegen Israel und gegen US-Basen in der Region sowie gegen arabisch-US-amerikanische Industrieanlagen und Infrastruktur. Und am Ende werde Trump gezwungen sein, seine Niederlage einzugestehen, denn die USA könnten Iran nicht besiegen. Die hohen wirtschaftlichen und politischen Kosten würden die Republikaner schwer belasten, vor allem auch mit Blick auf die US-Kongresswahlen im Herbst, bei denen Trump die Mehrheit in beiden Häuser verlieren und zu einer "lahmen Ente" werde.
Die NYT ist jedoch nicht das einzige landesweit bekannte Blatt in den USA, das vor scharfer Kritik des Angriffskriegs gegen Iran nicht zurückschreckt. Die bekannte Washington Post widmet sich in einer detaillierten Berichterstattung vom 8. April den innenpolitischen Folgen. Im Zentrum des Artikels steht der Sturm der öffentlichen Kritik an Trumps Politik, die als verantwortungslos und unhaltbar bewerteter wird. Seine auf Eskalation angelegte Strategie, seine Drohung, die Gegner nicht nur vollständig zu vernichten, sondern auch deren ganze "Zivilisation", stelle einen neuen Höhepunkt der Barbarei dar.
Laut der Post löste Trumps Rhetorik, kombiniert mit früheren Drohungen gegen zivile Infrastruktur, in den USA landesweit "parteiübergreifende Empörung" aus. Während Unterstützer die zweiwöchige Waffenruhe und die teilweise Wiederöffnung der Straße von Hormus als Erfolg Trumps feierten, seien sie in Wahrheit ein Zeichen des moralischen und strategischen Scheiterns.
Die Trump-Administration habe sich mit ihrem rücksichtslosen Einstieg in den Krieg gegen den Iran einen der verheerendsten außenpolitischen Fehlschläge der modernen US-Geschichte geleistet, verführt durch das unerbittliche Lobbying Netanjahus. Mit seiner Beteiligung am israelischen Angriffskrieg am 28. Februar habe Trump seine Wahlversprechen von Frieden gebrochen. Statt "bedingungsloser Kapitulation" oder der Neutralisierung des iranischen Atomprogramms hat die Operation "Epische Wut" Teheran die Kontrolle über die Straße von Hormus gesichert, das Regime in Iran innenpolitisch und außenpolitisch gestärkt und eine globale Energiekrise ausgelöst. Die anschließende Akzeptanz – und hektische Leugnung – des umfassenden Zehn-Punkte-Waffenstillstandplans Irans lege zudem eine atemberaubende Inkompetenz und Verlogenheit offen.
Iran und Pakistan beharren darauf, dass die USA die komplette Liste akzeptiert haben: Nichtangriffsgarantien, Beibehaltung der Souveränität über Hormus, ausdrückliche Anerkennung des Anreicherungsrechts, vollständige Sanktionsaufhebung, Aufhebung aller UN- und IAEA-Resolutionen, Kriegsreparationen, Freigabe eingefrorener Vermögenswerte und vollständiger US-Truppenabzug aus der Region.
In den USA habe Trumps niederträchtige Rhetorik Glaubwürdigkeit und moralische Autorität zerstört. Sein Oster-Ultimatum – "eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben" – ging selbst Hardlinern zu weit. Senatorin Lisa Murkowski verurteilte es als "Affront gegen die Ideale, die unsere Nation fast 250 Jahre lang hochgehalten hat". Marjorie Taylor Greene nannte es "böse und wahnsinnig". Tucker Carlson sprach von einem "moralischen Verbrechen". Der Papst erklärte: "Das ist wirklich inakzeptabel." Das seien keine marginalen Meinungen, sondern sie spiegelten die Empörung einer Nation wider, die vor einem Präsidenten zurückschreckt, der nukleares Säbelrasseln und zivile Ziele als Verhandlungstaktik betrachte, so die Washington Post. Zudem habe der Konflikt bereits Leben von US-Bürgern gefordert, regionale Infrastruktur verwüstet und hohe wirtschaftliche Kosten verursacht – das genaue Gegenteil der "vier- bis sechswöchigen Operation", mit der das Weiße Haus einst geprahlt hatte.
Dieses Desaster ist kein bloßer Fehltritt, sondern das vorhersehbare Ergebnis einer US-Regierung, die von ausländischen Interessen gekapert ist, die der Diplomatie verächtlich gegenübersteht und süchtig nach theatralischer Eskalation ist. Trump wurde von Israel vorgeführt. Er hat US-Interessen verraten und hat nun einen Krieg am Hals, den er nicht gewinnen kann, und zugleich einen politischen Aufstand in den eigenen Reihen, den er nicht mehr eindämmen kann. Die Kosten – Menschenleben, Vermögenswerte und weltweites Ansehen – werden die USA lange nach dem Ende dieses rücksichtslosen Kapitels tragen müssen.
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