
Iran erlebt eine Invasion der Barbaren

Von Andrei Mantschuk
Durch die Angriffe auf Iran kommen nicht nur Menschen ums Leben, sondern es werden auch weltberühmte Kulturdenkmäler zerstört. Vor dem Hintergrund der Tragödie in Minab, wo US-Raketen 160 Kinder unter den Trümmern ihrer Schule begruben, lösen die Nachrichten, dass auch berühmte Paläste durch die Angriffe beschädigt wurden, kaum Schockreaktionen aus. Das bedeutet jedoch nicht, dass man dieses Thema ignorieren sollte – das tausendjährige Persien erlebt derzeit eine wahre Invasion der Barbaren.

Der Golestan-Palast – der Palast des Rosengartens – wurde in Teheran von Schah Tahmasp erbaut. Er diente als Residenz der Schahs während der Safawiden-, Zand- und Kadscharen-Dynastien. Hier wurde auch der letzte iranische Schah Reza Pahlavi gekrönt.
Dieser Palast wurde mit Marmor, Elfenbein und Kristall reich verziert. Seine Majolika-Wandmalereien sind einzigartig – sie zeigen Szenen aus dem Epos "Schahnameh" [Buch der Könige], die Jagd auf den heute ausgestorbenen Turan-Tiger sowie die Abenteuer der märchenhaften Peris und Dschinns. Im Hauptsaal des Palastes steht ein Thron aus goldfarbenem Marmor, der nach dem Vorbild des fliegenden Throns von König Salomo erbaut wurde.
Ich erinnere mich an diesen Saal, in dem sich die auf einem Ausflug hierhergekommenen Schülerinnen fröhlich drängten und Selfies machten. Nun ist der Kristall durch eine gewaltige Explosionswelle zerstört worden. Diese war die Folge der Bombardierung historischer Stadtviertel der iranischen Hauptstadt, in denen sich alte Herrenhäuser, Moscheen, christliche Kirchen, eine zoroastrische Gebetsstätte und eine Synagoge befinden.
Und diese Mädchen waren möglicherweise Schülerinnen genau dieser Schule in Minab. Das Ausmaß der Schäden ist noch unklar – schließlich befindet sich die Stadt weiterhin unter Beschuss. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass sie gravierend sein werden.
Washington äußert sich nicht zu den Schäden am Golestan-Palast, obwohl der Palastkomplex zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die USA versuchen, diesen Vorfall als bedauerlichen Zufall darzustellen, der durch Irrtümer der künstlichen Intelligenz verursacht wurde – derzeit versuchen sie, auch den Massenmord in Minab mit einem "nicht-menschlichen Faktor" zu rechtfertigen.
Doch die Raketen sind in der Nähe eines weiteren bedeutenden Denkmals eingeschlagen – in Isfahan. Tschehel Sotun – der Vierzigsäulenpalast – wurde zu jener Zeit erbaut, als Isfahan die Hauptstadt Persiens war. Sein Gewölbe ruht auf 20 Säulen, die aus massiven Zedernstämmen geschnitzt wurden. Sie spiegeln sich in der glatten Oberfläche des Teiches – daher stammt auch der Name dieser Residenz der Schahs.
Die westliche Propaganda stellt Iran in einem negativen Licht dar, als düsteres Reich klerikaler Barbarei. An den Wänden von Tschehel Sotun sind jedoch farbenprächtige Fresken erhalten geblieben, die im gesamten Nahen Osten einzigartig sind: Es sind dort halbnackte tanzende Frauen, Szenen romantischer Rendezvous und Festmähler des Schahs zu sehen, bei denen der von Hafis besungene Wein reichlich fließt.
Diese Kunstwerke unterliegen keiner Zensur durch die Behörden der Islamischen Republik, da diese sich ihres unschätzbaren kulturhistorischen Wertes voll und ganz bewusst sind. Fast 400 Jahre lang wurden die alten Fresken behutsam bewahrt, doch nun haben US-Luftangriffe die Holzdetails und dekorativen Elemente zerstört; betroffen ist auch das zentrale Wandgemälde von Tschehel Sotun mit der Darstellung der Schlacht von Karnal, bei der die Perser die Armee der Großmoguln besiegten.
Aus dem Westen nähert sich Iran eine wahre Barbarei, die mit dem "Raketenknüppel" droht. Diese Angriffe auf historische Denkmäler sind keineswegs zufällig – sie könnten durchaus absichtlich und sogar demonstrativ erfolgen. Bereits im Jahr 2020, in seiner ersten Amtszeit als US-Präsident, hatte Donald Trump versprochen, solche Objekte gezielt zu bombardieren – um den moralischen Geist der Iraner zu brechen und ihnen den Willen zum Widerstand zu nehmen.
"Wir haben bereits 52 Ziele im Iran ins Visier genommen … Einige davon sind für Iran und die iranische Kultur von großer Bedeutung. Und auf diese Ziele wird ein schneller Schlag erfolgen", schrieb er in den sozialen Netzwerken.
Diese Äußerung hatte damals die ganze Welt und sogar einzelne US-Politiker schockiert, die sich noch nicht ganz von ihrem Gewissen und ihrem gesunden Menschenverstand verabschiedet hatten. So hatte ein US-Senator vorgeschlagen, eine Resolution zur Verurteilung von Angriffen auf Kulturdenkmäler zu verabschieden, um solche Handlungen mit Kriegsverbrechen gleichzusetzen. Doch sein Vorschlag fand letztendlich keine ausreichende Stimmenmehrheit.
Das westliche Establishment interessiert sich nicht für die kulturellen Werte anderer Völker, selbst wenn diese zum Weltkulturerbe gehören, und die westliche Wirtschaft sieht in Kriegen vielmehr eine Beutequelle.
So war es im benachbarten Irak gewesen, als dieser von der US-Armee zusammen mit Hilfstruppen europäischer Vasallen besetzt worden war. Die Museumsausstellungen und archäologischen Stätten im Zweistromland waren im Interesse ausländischer Sammler geplündert worden, die die antiken Schätze des Nahen Ostens als ihre Trophäen betrachtet hatten.
Das Nationalmuseum in Bagdad verlor Zehntausende seiner wichtigsten Exponate. Der Leiter des Informationszentrums dieses Museums, Tanhid Ali, erinnerte sich: "Soldaten bewegten sich ungehindert durch die Ausstellungsräume, wie in einem Supermarkt, und nahmen einzigartige Relikte aus der Zeit der Sumerer, des Babylonischen Reiches und des Abbasiden-Kalifats aus den Vitrinen mit." Seinen Angaben zufolge hatten diese Plünderer Pläne der Museumslagerräume sowie Spezialausrüstung zum Aufbrechen der Tresore bei sich. Und das Militärkommando tat so, als würde es nichts bemerken.
Die Nationalbibliothek des Irak war in den ersten Tagen der US-Invasion niedergebrannt, wodurch unschätzbare mittelalterliche Manuskripte für immer verloren gegangen waren. Auf den Ruinen von Babylon war ein riesiger Militärstützpunkt errichtet worden. US-Soldaten hatten den Hüter des örtlichen Museums verhaftet, ihn in das Folterlager Abu Ghraib geschickt und begannen anschließend, babylonische Artefakte als Souvenirs zu plündern.
Viele Jahre sind vergangen, doch die irakische Regierung kann bis heute nicht die Rückgabe ihres nationalen Erbes erwirken, das von Barbaren geplündert wurde, die unter dem Vorwand des Kampfes für Demokratie und Freiheit in den Nahen Osten einmarschiert waren.
Es besteht kein Zweifel daran, dass sie derzeit ähnliche Pläne in Bezug auf Iran hegen – in der Hoffnung, im Falle eines Zusammenbruchs des Landes von dessen kulturhistorischen Schätzen zu profitieren. Und jemand hat bereits Listen mit Exponaten aus den Museen in Teheran, Persepolis und Susa erstellt, um sie im richtigen Moment den Plünderern zu übergeben.
Viele Iraner sind sich bewusst, was ihnen diese "Befreiung" durch US-Raketen bringen würde. Das Land leistet Widerstand, um sich vor der Invasion zu schützen. Die Paläste Golestan und Tschehel Sotun war noch vor der Gründung der USA erbaut worden. Dieses Kulturerbe erlebte viele erschütternde Ereignisse; seine Mauern waren Zeugen überheblicher Herrscher gewesen, die längst in der Versenkung verschwunden sind – so wie es eines Tages auch mit Trump geschehen wird. Es bleibt zu hoffen, dass das kulturelle Erbe Irans die Invasion der modernen Barbaren überstehen wird.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 19. März 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.
Andrei Mantschuk ist ein russischer Politikwissenschaftler.
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