
Leipziger Buchmesse: Ukraine-Stand von der Bundesregierung gesponsert

Von Astrid Sigena
"Inter arma silent Musae" – wenn Krieg herrscht, verstummen die Künste. Das wusste schon der Kunsthistoriker Wilhelm von Bode vor über hundert Jahren. Es ist deshalb kein Wunder, dass auch der Stand, der sich auf der Leipziger Buchmesse der ukrainischen Literatur widmet, vor allem den gegenwärtigen Krieg mit Russland thematisiert. Allerdings haben bei der ukrainischen Darbietung – wie schon in den Vorjahren – die deutschen Behörden ihre Hände mit im Spiel.
Die Leipziger Buchmesse bewirbt ihre Ukraine-Veranstaltungen mit den Worten:
"Die Ukraine ringt weiterhin um ihre Freiheit und kulturelle Identität – ein Kampf, der mit großen Opfern verbunden ist. Wie der Krieg das Land verändert und wie ukrainische Autor:innen diese existenzielle Erfahrung literarisch verarbeiten, spiegelt sich in zahlreichen Veranstaltungen auf der Leipziger Buchmesse wider. Auf der Ukraine-Bühne und im Café Europa zeigt sich die beeindruckende künstlerische Bandbreite einer Nation, die unbeirrt für ihre Zukunft kämpft."
An den meisten dieser Veranstaltungen ist – neben dem vom Goethe-Institut und den Open Society Foundations geförderten "Ukrainischen Institut" und dem daran angeknüpften "Ukrainischen Buch-Institut" – das Goethe-Institut Ukraine beteiligt, daneben auch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Beim Goethe-Institut handelt es sich bekanntlich um einen gemeinnützigen Verein, der sich überwiegend aus dem Budget des Auswärtigen Amtes finanziert. Die bpb ist eine Bundesbehörde, die dem Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Inneren untersteht und deren Mittel somit direkt aus Steuereinnahmen stammen.

Man geht also wohl nicht falsch in der Annahme, dass der Stand der Ukraine auf der Leipziger Buchmesse zum großen Teil mit deutschen Steuergeldern finanziert ist. Zumal sich unter den Förderern auch der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, also Kulturstaatsminister Wolfram Weimer befindet. Weimer wird auch am 19. März den ukrainischen Stand feierlich eröffnen. Bei so viel bundesdeutschem Wohlwollen darf man davon ausgehen, dass die dort gegebenen Veranstaltungen und vorgestellten Bücher den Segen der Bundesregierung haben.
So würdigt eine gemeinsame Veranstaltung des Goethe-Instituts Ukraine und der bpb die auf Seiten der Ukraine gefallene Kampfsanitäterin Savita Wagner. Der Verlag Herder wird im April ihr Tagebuch aus dem Ukraine-Krieg veröffentlichen. Das am Ukraine-Stand stattfindende Gespräch mit Mutter und Witwer von Savita Wagner trägt den Titel "Text einer Europäerin, die Ukrainerin wurde". Wagners Texte stünden "für eine Form gelebter europäischer Solidarität, die Verantwortung" nicht delegiere, sondern übernehme. Ähnlich glorifiziert hatte bereits das "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" Wagners Kampf gegen Russland und für "europäische Werte". Das Bonner Museum stellt derzeit die Hinterlassenschaften der toten Sanitäterin aus (RT DE berichtete).
Die Ukraine an vorderster Front im Kampf für die Verteidigung Europas sieht auch die Veranstaltung "Eine Kultur des Trotzdem", ebenfalls unter Beteiligung des Goethe-Instituts. Sie stellt einen Essay des ukrainischen Philosophen Wladimir Jermolenko vor. In der Kurzbeschreibung heißt es:
"Die Ukraine kämpft ums Überleben – und verteidigt dabei Europas Freiheit und Werte."
Und weiter:
"Jetzt macht die Ukraine Europa vor, wie man dafür kämpfen muss – und kann."
Ganz offensichtlich betreibt hier das Goethe-Institut mit Steuerzahlermitteln die Errichtung einer europäischen Frontstellung gegen Russland. Die Ukraine unter dem Selenskij-Regime als Vorreiterstaat dafür, wie man mit Russland zu verfahren habe.
Es würde zu weit führen, die Veranstaltungen allesamt aufzuführen, die der Abgrenzung gegenüber Russland dienen. Deshalb nur einige Beispiele: So reflektiert eine Veranstaltung mit den Historikern Martin Schulze Wessel und Sergei Jekeltschik über die gemeinsame deutsch-ukrainische Geschichte und eine Neubewertung "ukrainischer Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg" im Lichte der Gegenwart. Die Textsammlung "Kein Kirschgarten", deren Titel offensichtlich Bezug auf Tschechows berühmtes Theaterstück nimmt, beschäftigt sich jeweils "mit einem Baum, welcher gleichzeitig auch ein russisches Waffensystem bezeichnet."
Die in Deutschland lebende Schriftstellerin Jewgenia Kusnezowa hat gleich zwei Auftritte. Mit "Cooking in Sorrow" erläutert sie die ukrainische Mentalität anhand der volkstümlichen Küche. Bei einer weiteren Veranstaltung am Ukraine-Stand will Kusnezowa mit Mythen über Sprachen in der Ukraine aufräumen. Insbesondere geht es ihr um "Instrumentalisierung von Sprache als Mittel imperialer Macht". Diese Veranstaltung findet ausnahmsweise ohne Beteiligung deutscher Behörden oder steuergeldfinanzierter Vereine statt. Offensichtlich geht selbst dem Goethe-Institut und der bpb die Bezeichnung der russischen Sprache als Schwert imperialistischer Unterdrückung zu weit, als dass man sich öffentlich zu diesem Werk bekennen möchte.
Einen eigenen Russland-Stand wird es auf der Leipziger Buchmesse nicht geben. Zwar hat die Leipziger Literatur-Veranstaltung – im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse – nicht ausdrücklich einen staatlich organisierten russischen Nationalstand ausgeschlossen. Allein schon die Sanktionen und Reisehindernisse dürften aber genügen, um eine Präsentation russischer Verlage in Leipzig schwierig bis unmöglich zu machen. Ohnehin bekundet die Leipziger Buch-Ausstellung auch im nunmehr fünften Jahr des Krieges ihre Solidarität mit der Ukraine.
Natürlich bietet die Messe dennoch auch dieses Jahr Veranstaltungen und Buchvorstellungen zum Thema Russland an. Sie haben Titel wie "Schergenstaat Russland", "Imperium ohne Ende. Russischer Kolonialismus von Zaren bis Putin" oder auch: "Der Barbar von nebenan. Wie Russland zum Schauermärchen wird". Letzteres eine Vorstellung des frisch erschienenen Romans "Die neue Barbarei“ von Wiktor Jerofejew. Bereits im Frühjahr 2025 hatte Jerofejew in einem Artikel für die NZZ von einer "neuen Barbarei" geschrieben, die in seinem Heimatland Russland den Sieg davongetragen habe. Damit hatte der russische Exilschriftsteller Bundeskanzler Friedrich Merz gewissermaßen einen Blankoscheck gegeben. Dieser zögerte denn auch nicht, neulich unter Berufung auf einen französischen Reiseschriftsteller des 19. Jahrhunderts Russland einen "Zustand der tiefsten Barbarei" zu attestieren.
Auch in anderer Hinsicht herrscht im literarischen Leipzig die Cancel-Culture vor: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah darf seinen Roman-Erstling "Die Reise nach Europa" nicht auf der Buchmesse präsentieren. Mitte Februar hatte der Leipziger Veranstalter bekannt gegeben, dass Krahs Buch-Präsentation "nach sorgfältiger Prüfung aus Sicherheitsgründen" gestrichen worden sei. Aufgrund von Krahs hohem Bekanntheitsgrad und seiner "öffentlich sehr kontrovers diskutierten Positionen" bestünden massive Sicherheitsbedenken, hieß es weiter. Der AfD-Politiker wiederum erklärte, sein Verlag werde versuchen, die Buchmesse noch umzustimmen und die Veranstaltung doch stattzufinden lassen.
Offensichtlich hält es die Leipziger Buchmesse für angebracht, nur noch über die AfD, nicht aber mit der AfD zu sprechen. Ähnlich wie im Russland-Ukraine-Konflikt entstehen somit immer mehr Tabuzonen. Leerstellen, die dann eine einseitige, oftmals steuergeldfinanzierte Propaganda auffüllt. Der Spielraum für Kunst und Literatur wird dadurch immer enger. Nicht nur im Krieg, auch hinter Brandmauern verstummen die Musen.
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