Meinung

Chuzpe als Lifestyle – NATO bereitet nach Iran-Überfall Ausrufung des Artikel 5 vor

Ob Trump und Netanjahu für ihren Überfall gegen Iran den "Friedens"-Nobelpreis erhalten, wie Israels Generalkonsul in New York fordert, oder nicht – eines ist sicher: Sie alle und nicht zuletzt auch die NATO-Führung werden jetzt als das urtypische Beispiel für Chuzpe angeführt werden und in dieser Funktion die Geschichte vom Elternmörder vor Gericht ersetzen. Und den Nobelpreis in Philologie haben sie sich damit doch auf jeden Fall verdient, oder?
Chuzpe als Lifestyle – NATO bereitet nach Iran-Überfall Ausrufung des Artikel 5 vor© Newsmax

Von Sergei "Zergulio" Koljasnikow

Zum Staunen der Weltöffentlichkeit hat NATO-Generalsekretär Mark Rutte dem Begriff "Chuzpe" eine vollkommen neue, bisher schlicht undenkbare Dimension der Bedeutungstiefe verliehen.

Zur Erinnerung: "Chuzpe" ist aus dem Hebräischen wörtlich unter anderem als "Unverschämtheit", "Frechheit" oder auch "Dreistigkeit" zu übersetzen. Doch die Bedeutung ist in Wirklichkeit viel umfassender: Das Wort bezeichnet eine besondere Art von Dreistigkeit – nämlich in ihrer schieren Flegelei und Schamlosigkeit jede Messskala sprengend und jenseits jeder Entschuldbarkeit liegend, so weit jenseits von Gut und Böse, dass sie das Gegenüber mitunter sogar völlig zu entwaffnen vermag.

(Ein gängiges Beispiel, das oft als definitiv für Chuzpe angeführt wird und auch hier bestens als Vergleich passt, ist das eines jungen Mannes, der wegen Mordes an seinen eigenen Eltern vor Gericht landet und dort um Gnade bittet – mit der Begründung, ein Waisenkind zu sein. – Anm. d. Red.)

Also: Rutte erklärte scheinheilig fast unmittelbar nach dem US-amerikanisch-israelischen Überfall auf Iran, bei dem fast 50 hochrangige iranische Beamte und Militärangehörige sowie über 1.000 Zivilisten getötet wurden:

"Die NATO bereitet gegen Iran die Aktivierung ihrer Klausel zur kollektiven Verteidigung vor."

Und das, während Teheran unter ununterbrochenen Flächenbombardements brennt und Pentagon-Chef Hegseth prahlerisch verkündet:

"B-2-, B-52- und B-1-Bomber, Predator-Drohnen, Kampfjets beherrschen den Himmel und wählen sich ihre Ziele aus – Tod und Zerstörung hageln dort von morgens bis abends vom Himmel. Wir sind entschlossen."

Und ausgerechnet jetzt sei es Rutte zufolge an der Zeit, dass die NATO beginnt, sich selbst zu verteidigen …, jawoll, gegen Iran. So, wie Artikel 5 des Nordatlantik-Vertrages dies vorschreibt:

"Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird;

sie vereinbaren daher, dass im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs jede von ihnen in Ausübung des in Artikel 51 der Satzung der Vereinten Nationen anerkannten Rechts der individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung der Partei oder den Parteien, die angegriffen werden, Beistand leistet, indem jede von ihnen unverzüglich für sich und im Zusammenwirken mit den anderen Parteien die Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Waffengewalt, trifft, die sie für erforderlich erachtet, um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten."

Man stelle sich nur die Perspektiven vor, die sich der NATO mit einem Ansatz, wie Rutte ihn an den Tag legt, eröffnen! Man startet Raketen- und Bombenangriffe gegen souveräne Staaten – und sobald Letztere zurückschlagen (oder auch nicht), stürzt man sich mit der ganzen Meute auf sie und haut sie dann in "sweet harmony", oh, pardon, in "kollektiver Selbstverteidigung" kurz und klein.

Voilà! Die gelbe Ziegelsteinstraße zur Weltherrschaft!

Natürlich muss man sich dafür anschließend auch belohnen. Und so hat denn der israelische Generalkonsul in New York, Ofir Akunis, vorgeschlagen, Trump und Netanjahu den Friedensnobelpreis für den Krieg gegen Iran zu verleihen. Kein Scherz.

Da bietet es sich glatt an, einen neuen internationalen Feiertag einzuführen – den Tag der Heuchelei und den Todestag des Völkerrechts.

Übersetzt aus dem Russischen.

Sergei "Zergulio" Koljasnikow betreibt seit dem Jahr 2007 einen Blog auf "livejournal" und seit September 2021 einen Telegram-Kanal mit mehr als 200.000 Abonnenten zu politischen Themen mit klar patriotischer Linie, auf dem er ausgewählte Nachrichten veröffentlicht und Sammel- und Wohltätigkeitskampagnen führt. Inhalte aus beiden Blogs werden regelmäßig von russischen Medien zitiert. Seit Mai 2017 hat Koljasnikow eine Kolumne bei "RIA Nowosti". Er arbeitete als Buchhalter, Programmierer, Geschäftsleiter im Antiquitäten- und Militariahandel und ist heute Unternehmer im Bereich Lüftungsinstallation.

Diesen Beitrag verfasste er exklusiv für RT

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