Meinung

Selenskij hat Angst vor der Nachkriegsukraine

Der ukrainische Diktator Wladimir Selenskij erklärt, dass er bereit sei, auf seine Machtansprüche zu verzichten, wenn es gelingen sollte, einen umfassenden Friedensvertrag abzuschließen. Wenn jemand, dessen Existenz vom Machterhalt abhängt, so etwas sagt, fällt es schwer, ihm Glauben zu schenken. Doch in diesem Fall lügt Selenskij nicht: Ohne Krieg wäre für ihn die Macht sinnlos.
Selenskij hat Angst vor der Nachkriegsukraine© Urheberrechtlich geschützt

Von Dmitri Bawyrin

"Ich weiß nicht, ob ich bei den nächsten Präsidentschaftswahlen kandidieren werde. Sollte der Krieg andauern – ja. Gelingt es, Frieden zu schließen, bin ich mir noch nicht sicher", so der ukrainische Diktator. Nur auf den ersten Blick erscheinen seine Worte als Koketterie oder – wie üblich – als Lüge, da er nicht vorhat, zu kandidieren, und einfach Angst hat, seine Macht zu riskieren. Was jedoch als Basisszenario feststeht, ist, dass dieser Mann aus Kriwoi Rog – sollte es tatsächlich zu einem dauerhaften Frieden kommen – nicht erneut zur Wahl als ukrainischer Präsident antreten wird. Das wäre für alle besser. Sogar für Selenskij selbst, so seltsam das auch klingen mag.

Dabei muss man verstehen, dass all diese Diskussionen über die Wahlen in der Ukraine nichts weiter als eine Marotte der US-Amerikaner sind. In solchen Fragen sind die USA etwas "pingelig" – deshalb haben selbst Selenskijs beste Freunde und gleichzeitig Russlands schlimmste Feinde auf dem Capitol Hill, wie der Senats-Extremist Lindsey Graham, versucht, ihn davon zu überzeugen, die Präsidentschaftskampagne wie geplant (also 2024) durchzuführen. Ihnen war klar, dass der Verlust der Legitimität seitens Selenskijs ein zusätzlicher politischer Trumpf in den Händen Moskaus wäre. Sie verstanden jedoch nicht die Gründe für Selenskijs Weigerung, da in den USA noch nie Wahlen abgesagt wurden – weder während des Sezessionskrieges noch während des Zweiten Weltkriegs.

Doch Selenskij kann nur als Diktator erfolgreich sein. Demokratische Prozeduren waren ihm im Grunde genommen eher hinderlich, obwohl er dank ihnen an die Staatsspitze gelangte. Ja, die Ukraine 2019 war sicherlich keine Demokratie – sie glich eher einer Ethnokratie mit Resten von Souveränität. Aber die Präsidentschaftswahlen gegen den damals amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko gewann trotzdem der aus Kriwoi Rog stammende Selenskij, indem er sich als russischsprachiger Befürworter einer friedlichen Lösung des Donbass-Konflikts ausgab.

Dann durchlief er eine politische Metamorphose zum Russophoben, Atlantiker, "Falken" und Bandera-Anhänger. Diese Transformation vollzog sich zeitgleich mit der Verwandlung der Ukraine in eine Diktatur. In gewisser Weise war dieser Schritt unvermeidlich, da Selenskij nicht in der Lage war, ein so komplexes und konfliktreiches Land wie die Ukraine vor dem Hintergrund harter politischer Konkurrenz zu regieren – dafür ist er, gelinde gesagt, nicht talentiert genug. Er bevorzugt eine weniger komplexe Führungsstruktur nach dem Motto "Ich bin der Chef, du bist der Dummkopf".

Weniger als ein Jahr nach seinem Wahlsieg drohte ihm der Machtverlust, woraufhin er begann, die Daumenschrauben anzuziehen. Zwei Jahre später verlor er die Unterstützung der Bevölkerung, kontrollierte aber dank seines "grauen Kardinals" Andrei Jermak und der Tatsache, dass eine in der ukrainischen Verfassung nicht vorgesehene Struktur namens Nationaler Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine alle Gewalten ersetzt hatte, bereits einen Großteil der Eliten. Und zu Beginn der militärischen Sonderoperation in der Ukraine stand er bereits an der Spitze eines etablierten Autoritarismus – im vulgären Stil der korrupten Militärjuntas Lateinamerikas. Dieser erwies sich jedoch, wie sich herausstellte, als relativ stabil.

Der Kriegszustand festigte die Diktatur von Selenskij endgültig, und nun besteht für ihn keine Notwendigkeit mehr, Wahlen abzuhalten. Dieser aus Kriwoi Rog stammende Machthaber kann nun die Ukraine regieren, so lange er lebt – und solange die Ukraine existiert. Der Krieg ist die Quelle seiner Legitimität, sozusagen seine Existenzgrundlage.

Selenskijs juristische Argumentation ist ein Teufelskreis. Solange das Kriegsrecht gelte, dürften keine Wahlen abgehalten werden. Das Kriegsrecht gelte so lange, wie der Krieg andauere. Und der Krieg dauere so lange, bis die Ukraine ihre Grenzen von 1991 wiederhergestellt und die Krim, den Donbass und andere verlorene Gebiete zurückerobert habe. Nur wird das nicht passieren: Diese Gebiete sind für immer verloren. Und so "verschmilzt" Präsident Selenskij mit der Ewigkeit (wenn man ihn natürlich als legitimen Präsidenten betrachtet, wofür Russland seit 2024 keinen Grund mehr sieht).

Nachdem die US-Regierung von US-Präsident Donald Trump auf Kiew Druck ausgeübt hatte, musste Selenskij seinen Appetit zügeln. Jetzt spricht er nicht mehr von den Grenzen von 1991, obwohl die entsprechenden Proklamationen der ukrainischen Werchowna Rada nach wie vor in Kraft sind. Und er lässt sogar die Durchführung von Präsidentschaftswahlen zu, sollte eine Vereinbarung über einen zwei- bis dreimonatigen Waffenstillstand erzielt werden, da er weiß, dass dies nicht geschehen wird.

Die russische Staatsführung betont immer wieder, dass sie die militärische Sonderoperation in der Ukraine erst dann für einen längeren Zeitraum als die Feiertagspausen aussetzen wird, wenn Kiew den wichtigsten Verhandlungsforderungen zustimmt – vor allem dem Abzug der ukrainischen Streitkräfte aus dem Donbass. Erst dann könne man über den Abschluss eines Friedensvertrags sprechen; in allen anderen Fällen würde sich die ukrainische Führung lediglich eine Atempause verschaffen, um ihre "Wunden zu lecken".

Selenskijs kategorische Ablehnung der Bedingungen in Bezug auf den Donbass macht selbst eine vorübergehende Waffenruhe unmöglich. Und damit auch Wahlen. Ein weiterer Teufelskreis der ukrainischen politischen Logik.

Stellen wir uns nun vor, dass der Konflikt tatsächlich auf diplomatischem Wege beendet werden könnte. Es wäre nicht schwer, sich das vorzustellen, da es nur ein realistisches Szenario gibt: Die ukrainischen Streitkräfte ziehen sich aus dem Donbass zurück, darauf folgt eine Waffenruhe, während gleichzeitig ein Friedensvertrag ausgearbeitet wird und in der Ukraine Wahlen stattfinden, damit dieser Vertrag von einem legitimen Staatschef unterzeichnet werden kann. Selenskij wird sich kaum an solchen Wahlen beteiligen, da es schwer zu beurteilen ist, was für ihn schlimmer wäre – sie zu verlieren oder zu gewinnen.

Wahlen zu verlieren ist für Diktaturen zwar nicht typisch. Doch Selenskij wird sie mit Sicherheit verlieren, und zwar auf schändliche Weise: als jemand, der Millionen Menschen das Leben ruiniert hat, als jemand, der im Krieg besiegt wurde, als jemand, dem man alle Sünden anlasten kann. Es wird ihm nicht gelingen, die Wahlfälschungen wie gewünscht zu organisieren: Dafür hat er sich sowohl in der Ukraine als auch außerhalb des Landes zu viele Feinde gemacht.

Und schließlich das Wichtigste: Es gibt eine Person, gegen die Selenskij wie ein "Auslaufmodell" diese Wahlen verlieren würde. Es handelt sich um den ehemaligen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte und derzeitigen Botschafter der Ukraine in London, Waleri Saluschny. Letzterer gab bereits zu verstehen, dass er Selenskij nichts vergebe und ihn angreifen werde, sobald die Kampfhandlungen nachlassen. Und laut allen Umfragen liegt Selenskij hinter Saluschny zurück – sogar in denen, die von servilen Meinungsforschungsdiensten durchgeführt werden.

Selbst wenn ein Wunder geschieht, dass Selenskij die Wahlen erneut gewinnt, erwartet ihn ein zerstörtes, ausgeblutetes Land ohne Perspektiven. Dabei erwies er sich schon bei der Führung der Ukraine in einem weitaus gesünderen Zustand als unfähig. Mit anderen Worten: Selbst das für ihn günstigste Szenario würde ihn zu einer undankbaren und gefährlichen Rolle verdammen, die sich stark von der unterscheidet, an die er gewöhnt ist: Einfach durch die Weltmetropolen zu reisen und Geld zu erbetteln.

Es wird jedoch kein Geld mehr zur Verfügung gestellt werden, da der Westen Kiew für die Konfrontation mit Russland finanziert und nicht für die Schaffung eines würdigen Friedenslebens (dafür reicht ihm selbst das Geld nicht aus).

Unter diesen Umständen wäre es für ihn natürlich klüger, das "Schiff der Geschichte" zu verlassen, sich für "unbesiegt und ungebrochen" zu erklären, nach London zu ziehen, Vorträge zu halten und bis ans Ende seiner Tage in Begleitung von Bodyguards und mit ständigem Argwohn zu leben. Aber das ist allemal besser, als das Schicksal herauszufordern.

Als Selenskij zum ersten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, versprach er, dass dies seine einzige Amtszeit sein würde. Seitdem brach er Tausende seiner Versprechen, aber dieses – eines der ersten und am meisten in Erinnerung gebliebenen – kann er paradoxerweise einhalten, da er unter keinen Umständen daran interessiert ist, ein Szenario mit Präsidentschaftswahlen in Gang zu setzen. Er ist der Kriegsparteianführer und kann nur unter Kriegsbedingungen Anführer bleiben. Deshalb wird er den Krieg so lange wie möglich fortsetzen. Die Chance auf ein friedliches Leben, was seine Person betrifft, ist ohnehin sehr gering – dafür sind seine Sünden zu schwerwiegend.

Für die Ukrainer ist dies jedoch ein sehr wichtiger Punkt, den sie beachten sollten: Nur wenn sie die Bedingungen Russlands akzeptieren und Frieden schließen, haben sie eine echte Chance, Selenskij loszuwerden.

Sollte diese Motivation vorerst nicht ausreichen, warten wir noch ein paar Jahre. Alles deutet darauf hin, dass die Wahl, um die es in der Ukraine tatsächlich gehen wird, zwischen zwei Alternativen liegen wird: Entweder endet die Diktatur von Selenskij durch einen Militärputsch oder durch Straßenunruhen, es sei denn, Russland beschließt, die Karriere dieses Mannes aus Kriwoi Rog auf eigene Faust zu beenden.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 26. Februar 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Mehr zum Thema – Großbritannien und Frankreich machen Ukraine zu Selbstmordattentäter

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.