Meinung

Orden 2. Klasse: Warum Selenskij den deutschen Außenminister Wadephul degradiert

Außenminister Wadephul erhält den ukrainischen Verdienstorden. Im Gegensatz zu Wadephuls Dauerrivalen Boris Pistorius wurde Wadephul jedoch nur mit der Version zweiter Klasse geehrt. Diese Ungleichbehandlung gibt Anlass zu Spekulationen.
Orden 2. Klasse: Warum Selenskij den deutschen Außenminister Wadephul degradiertQuelle: Gettyimages.ru © Danylo Antoniuk/Anadolu

Von Astrid Sigena

Üblicherweise ist es eine erfreuliche Ehrung, einen Orden verliehen zu bekommen. Insbesondere, wenn der Vergeber des Ordens den Rang eines Staatspräsidenten für sich beansprucht. Die Verleihung des ukrainischen Verdienstordens dürfte allerdings im Herzen des deutschen Außenministers Johann Wadephul bittersüße Gefühle hervorrufen. Denn es ist nur ein Orden zweiter Klasse.

Am 25. Februar 2026 gab die offizielle Webseite des illegitimen ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij die Ehrung verschiedener Persönlichkeiten bekannt, die sich im Ukraine-Krieg für die Interessen des Kiewer Regimes verdient gemacht haben. Der Premierminister von Estland, Kristen Michal, erhielt den Orden des Fürsten Jaroslaw des Weisen II. Klasse, die notorische Russophobe und EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas den Prinzessin-Olga-Orden I. Klasse. Dieser erging ebenfalls an die isländische Premierministerin Kristrún Frostadóttir. Mit dem Verdienstorden III. Klasse ehrte Selenskij – aus nachvollziehbaren Gründen – Personen, die seiner Spendenorganisation United24 Geld zukommen haben lassen. Auch der japanische Ukrinform-Journalist Takashi Hirano bekam eine Ehrung.

Deutschland ging bei der Ordensverleihung keineswegs leer aus. Das ukrainische Präsidialamt hatte Folgendes zu verkünden:

"Der Verdienstorden II. Klasse wurde dem deutschen Außenminister Johann Wadephul verliehen, der die Ukraine stets unterstützt und die Bedeutung verlässlicher Sicherheitsgarantien betont hat. Deutschland ist europaweit führend im Umfang der geleisteten Hilfe und hat maßgeblich zur Stärkung der Luftverteidigung beigetragen, wodurch Tausende von Menschenleben gerettet werden konnten."

Aber warum nur die Version zweiter Klasse für den deutschen Außenminister?

Ein vom damaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma unterzeichnetes Dekret aus dem Jahr 1996 sieht drei Klassen des Ordens "Für Verdienste" ("За заслуги") vor: Die I. Klasse steht den Staatsoberhäuptern souveräner Staaten, Regierungschefs und Parlamentspräsidenten solcher Staaten sowie deren Ministern zu. Letztere Definition trifft auf Wadephul zu. Die Kategorie II Klasse betrifft "Regierungs- und Parlamentschefs, Minister und Leiter anderer zentraler Exekutivorgane" sowie "Botschafter ausländischer Staaten in der Ukraine". Der Verdienstorden der Kategorie III ist für "Mitarbeiter ausländischer in der Ukraine, berühmte Staatsmänner, Politiker, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Künstler, Wissenschaftler, Geschäftsleute und andere Einzelpersonen" vorgesehen. Damit hat Kiew Wadephul auf eine Rangstufe mit seinen Untergebenen, den deutschen Botschaftern im Ausland, gestellt.

Befremdlich: Der SPD-Politiker und deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte im August 2024 ebenfalls den ukrainischen Verdienstorden erhalten – allerdings den Verdienstorden I. Klasse. Mit dem Verdienstorden III. Klasse ehrte Selenskij damals unter anderem den für die militärische Unterstützung zuständigen Bundeswehrgeneral Christian Freuding sowie den deutschen Diplomaten Matthias Lüttenberg. Dem verfassungsrechtlichen Rang nach sind die beiden Bundesminister Pistorius und Wadephul einander gleichgeordnet. Protokollarisch genießt in der BRD der Außenminister sogar einen höheren Stellenwert als der Verteidigungsminister. Das ukrainische Präsidialamt äußerte sich nicht dazu, warum es diesen Unterschied zwischen den beiden ranggleichen Ministern macht.

Dass Wadephul keineswegs frei von Eitelkeit, sondern sogar sehr um sein persönliches Image besorgt ist, hatte sich erst im Dezember vergangenen Jahres gezeigt. Damals hatte der schleswig-holsteinische CDU-Politiker in einem internen Rundschreiben angeordnet, sein Porträtfoto sei in allen deutschen Auslandsvertretungen anzubringen (RT DE berichtete). Bisher hing dort lediglich ein Porträt des deutschen Staatsoberhauptes, also von Bundespräsident Steinmeier.

Das Außenministerium rechtfertigte die intern durchaus umstrittene Maßnahme damals mit dem Verweis auf die Praxis im Verteidigungsministerium, das in jeder Kaserne ein Porträt von Verteidigungsminister Boris Pistorius aufzuhängen pflegt. Im politischen Berlin munkelte man nach der Bundestagswahl, dass Wadephul selbst gerne das Amt des Verteidigungsministers übernommen hätte. Das Verhältnis der Amtskollegen Wadephul und Pistorius gilt als zerrüttet. Spätestens seit vergangenem Sommer, als Wadephul mit einem sogenannten Leitungsvorbehalt den Wehrdienstplänen des Verteidigungsministers dazwischengrätschte. Nun hat ihn sein Dauerrivale Boris Pistorius schon wieder überflügelt – diesmal in puncto Wertschätzung durch das offizielle Kiew.

War die Ehrung von Pistorius mit einem Orden, der seiner eigentlichen Rangstufe nicht entspricht, lediglich ein Versehen? Kaum zu glauben, selbst wenn man berücksichtigt, wie locker das Selenskij-Regime mit internationalen Gepflogenheiten umgeht. Oder hält man im Marienpalast zu Kiew die BRD etwa für keinen souveränen Staat? Immerhin wird die Ehrung mit dem Orden I. Klasse nur Vertretern souveräner Staaten zuteil. Dann hätte freilich auch Verteidigungsminister Boris Pistorius nicht mit dieser Rangstufe geehrt werden dürfen.

Nein, offenbar liegt es an der Person Wadephuls selbst. Der Kiewer Herrscher Selenskij will ihm zeigen, dass er für ihn nur "zweite Klasse" ist. Wadephul wiederum gar nicht zu ehren, wäre auf Dauer auch nicht gegangen, sondern als Affront angesichts der massiven deutschen Unterstützung im Ukraine-Krieg aufgefasst worden. An mangelnder Russophobie von Seiten Wadephuls kann es nicht liegen, dass Selenskij den deutschen Außenminister so deutlich degradiert. Immerhin hatte Wadephul Ende 2024 (als er noch Oppositionspolitiker war) gegenüber den russischen Prankstern Wowan und Lexus – im Glauben, er spreche mit Selenskijs damaligen Büroleiter Andrei Jermak – beteuert, Russland werde "immer ein Feind und eine Gefahr für unsere europäische Sicherheit sein." Russophober geht es kaum!

Aber vielleicht liegt gerade in diesem Telefonat mit dem falschen "Jermak" Kiews Unzufriedenheit begründet. Nicht nur Wadephuls wochenlange Unvorsichtigkeit, die zu Indiskretionen führte, musste für das Selenskij-Regime ärgerlich sein. Auch sein damaliges Versprechen gegenüber "Jermak" (alias Wowan und Lexus), eine CDU-geführte Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz wolle Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine liefern und auch die Beschränkung hinsichtlich von Zielen in Russland aufheben, wurde offensichtlich nie eingelöst – wohl auch, weil eine Koalition mit den bellizistischen Grünen nicht zustande kam. Damals hatte Wadephul lediglich eingeschränkt, dass vor Mai eine Lieferung der Taurus-Waffen unrealistisch sei. Erst müsse die Regierung Merz ihr Amt antreten. Die jetzige Ehrung zweiter Klasse für den deutschen Außenminister könnte also eine Mahnung der ukrainischen Führung an die Bundesregierung sein, dass man das damalige Versprechen nicht vergessen hat.

Ohnehin dürfte der Schleswig-Holsteiner nicht Kiews Wunschkandidat auf dem Posten des deutschen Außenministers gewesen sein. Um dieses Amt konkurrierten nämlich mehrere Unionspolitiker, nachdem klar war, dass der Sozialdemokrat Boris Pistorius im Amt des Verteidigungsministers verbleiben würde. Als Außenminister wäre auch der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter in Frage gekommen. Seine glühende Feindseligkeit gegenüber Russland ist berüchtigt. Der frühere Bundeswehroffizier ist ein Heißsporn. Während Wadephul bezüglich der Stationierung deutscher Bodentruppen in der Ukraine vergangenen Sommer zur Vorsicht mahnte, war der baden-württembergische Bundestagsabgeordnete Kiesewetter Feuer und Flamme für diese Idee. Kiesewetter hatte sich bereits für Taurus-Lieferungen stark gemacht, als Wadephul noch beschwichtigte.

Aber ganz offensichtlich steht der eigenwillige Kiesewetter nicht in der Gunst von Bundeskanzler Friedrich Merz. Nicht nur, dass er beim Rennen um den Außenministerposten seinem Konkurrenten Wadephul weichen musste, er verlor auch seinen Sitz im Parlamentarischen Kontrollgremium, das die deutschen Geheimdienste kontrolliert. Damit hatte einer der vehementesten Unterstützer der Ukraine in Deutschland seinen Zugriff zur Macht verloren – eine Personalentscheidung, die Kiew mit Sicherheit missfallen musste. Wadephul bekam dafür wohl nun die Quitting.

Bisher hat sich Außenminister Johann Wadephul auf seinen Social-Media-Kanälen zu der demütigenden Ordensverleihung noch nicht geäußert. Der Orden zweiter Klasse ist ein Dämpfer für Wadephuls Ego – seinem Einsatz für die Ukraine und seinen Bemühungen, Deutschland außen- und sicherheitspolitisch in eine Frontstellung gegen Russland zu bringen, dürfte die Demütigung durch Selenskij dennoch keinen Abbruch tun.

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