Meinung

Die Welt und "russische Honigfallen"

Statt sich auf die Suche nach deutschen Freunden Epsteins zu machen, zelebriert auch die deutsche Presse die Ablenkung. Putin war's mal wieder. Die Welt lieferte dafür ein besonders hübsches Exemplar, das kaum ein Klischee auslässt.
Die Welt und "russische Honigfallen"© Scott Bauer, USDA ARS, Public domain, via Wikimedia Commons

Von Dagmar Henn

Ja, man muss jeden Unfug auch in Deutschland wiederholen. Selbstverständlich gilt das auch für die britische Räuberpistole, hinter Epstein habe in Wirklichkeit das KGB gesteckt. Muss alles wiedergekäut werden, auch wenn der Hauptzeuge dabei ausgerechnet jener Robert Steele ist, der im Jahr 2016 für den MI6, also den britischen Auslandsgeheimdienst, das "Steele-Dossier" gefälscht hat.

"Die Hinweise auf eine russische Spionageoperation", titelt unser Welt-Mann, der übrigens nicht halb so jung ist, wie seine Ahnungslosigkeit in bestimmten Punkten vermuten lässt; immerhin ist er Jahrgang 1969, hätte also durchaus noch ein wenig der Zeit mitbekommen können, in der es das KGB noch gab, oder zumindest einige der großen bekannten Geschichten um die berühmtesten Agenten. Kim Philby beispielsweise, der – nebenbei – Brite war, wie schon der Name nahelegt, und einer der Gründe ist, warum die Briten vermutlich bis heute einen Rochus auf das KGB haben.

Clemens Wergin kennt aber offenkundig das KGB nur aus jenen Varianten westlicher Propaganda, die nach 1990 kursierten, und die anderen möglichen Beteiligten, MI6 und Mossad, scheint er überhaupt nicht zu kennen. Oder ihnen blind zu vertrauen, wie eben Herrn Steele.

Nein, es ist wirklich putzig, da wird als Zeuge ein estnischer Abgeordneter zitiert (warum nicht gleich ein Stadtrat aus, sagen wir mal, Coburg?), der dann erklären darf: "Es wird immer wahrscheinlicher, dass Epstein wissentlich oder unwissentlich den russischen Geheimdienstinteressen gedient hat".

Müssen ja ziemliche Masochisten sein, diese Russen, oder? Immerhin ist belegt, dass beide Clintons ganz nah dran an dem Herrn Epstein waren; so nah, dass der US-Kongress sie zur Vernehmung dazu vorgeladen hat. Also entweder war besagter Epstein als Agent die größte Pfeife des Jahrhunderts oder russische Dienste, also in diesem Fall der SWR, haben nichts Besseres zu tun, als gegen die eigenen Interessen zu putschen. Schließlich war Hillary Clinton als Außenministerin die Vorgesetzte jener berüchtigten Victoria Nuland, die damals die Kekse auf dem Maidan verteilte. Und die ganze Nummer, die Ukraine in den Rammbock gegen Russland zu verwandeln, geschah unter ihrem Kommando.

Aber die Frage stellt sich Wergin natürlich nicht. Er behauptet einfach, das, was Epstein getrieben habe, Pädophilie, Sadismus und vermutlich Mord eingeschlossen, sei eine russische "Honigfalle", um an "Kompromat" zu kommen.

Es gibt einen unterhaltsamen, neueren deutschen Spielfilm, in dem vorgeführt wird, was eine "Honigfalle" ist, auch wenn sie in diesem Fall männlich ist. Das ist nämlich kein pubertierendes Mädchen, das von irgendwo entführt und feilgeboten wird, auch nicht, um kompromittierende Aufnahmen zu machen, und erst recht kein Kind. Es waren ausgebildete Agentinnen, und das Ziel war nicht Kompromat, sondern Information.

Der Film heißt übrigens "Kundschafter des Friedens 2" und ist wirklich lustig. Wenn man eher eine Variante will, die verleumderischer ist – in der Serie "The Americans" wird dieses Motiv ebenfalls reichlich genutzt. Doch auch da: geschulte Agentinnen. Und noch in den 1980ern klagte die CIA darüber, die Sowjets hätten immer die besseren Agenten, weil die vor allem aus Überzeugung handelten, während sie sich mit käuflichen und erpressbaren begnügen müssten …

Aber eigentlich ist dieses ganze Theater eine gewaltige Ablenkung, wobei der Ursprung, Großbritannien und dann auch noch Polen, doch eine etwas größere Rolle des MI6 andeutet, für den ein gewisser Robert Maxwell bekanntermaßen ebenso gearbeitet hat. Das Allerdeutlichste ist jedoch eine ganz andere Verbindung, die bei Maxwell noch stärker war – immerhin wurde er, nach seinem etwas ungeklärten Ende (er wurde nackt im Wasser bei seiner Jacht gefunden; in einer der neu veröffentlichten Mails erklärte Epstein, Maxwell habe versucht, vom Mossad 400 Millionen Dollar zu erpressen) auf dem Ölberg in Jerusalem begraben, und die Spitze des Mossad war bei seiner Beisetzung ebenso anwesend wie der damalige israelische Premierminister Jitzak Schamir und Präsident Chaim Herzog.

Das ist die Verbindung, die einem schon aus den Namenslisten entgegenspringt, auch wenn man übergeht, wer Ghislaines Vater war, und die Gespräche über die Goyim (eine Bezeichnung für Nichtjuden) in den Epstein-Mails ignoriert: Epstein, Mandelson, sein Anwalt Dershowitz, ganz zu schweigen von den Rothschilds, die auch immer wieder mal auftauchen, alles zionistische Juden. Die Ausnahme ist Noam Chomsky, der eigentlich nicht als Zionist bekannt ist, aber offenbar den Verlockungen des Reichtums und der Straflosigkeit nicht widerstehen konnte. Eigentlich gibt es nur eine Sache auf der Welt, auf der noch deutlicher MOSSAD steht als auf dem Epstein-Netzwerk – das ist das Türschild der Mossad-Zentrale in Tel Aviv.

Doch darüber darf man natürlich nicht reden, in der Welt schon gar nicht, die immerhin bereits von Gründer Axel "Cäsar" Springer auf immerwährende Israelfreundlichkeit verpflichtet wurde. Und schon zweimal nicht, nachdem eben dieses Israel sich mit einem beinahe live übertragenen Genozid mit Schande bekleckert hat, während der Mossad mit terroristischen Anschlägen wie mit den Pagern im Libanon ebenfalls aller Welt zeigte, dass ihm herzlich egal ist, wen seine Höllenmaschinen in Stücke reißen.

Dass der polnische Ministerpräsident Tusk versucht, die ganze Epstein-Nummer auf Russland zu schieben, könnte übrigens noch interessant werden. Das ist nämlich vermutlich weniger ein Gefallen für den MI6, sondern eher ein Versuch, den in Polen immer noch vorhandenen Antisemitismus unter Kontrolle zu halten, der leider gerade dank der durch die EU zelebrierten "Solidarität" mit dem genozidalen Israel und dessen permanenter Gleichsetzung mit dem Judentum freie Bahn hat.

Israel hat übrigens massive Probleme mit einer jüdischen Sekte, die systematisch Kindesmissbrauch betreibt. Weil es eben nicht ein Judentum gibt, sondern in Wirklichkeit unzählige Sekten, darunter auch einige, denen man nicht im Dunkeln begegnen will, und die noch besessener sind von der Vorstellung jüdischer Überlegenheit als Benjamin Netanjahu und sein Kabinett oder eben der Herr Jeffrey Epstein.

Sein Busenfreund Ehud Barak war übrigens Anfang der 1970er Kommandeur eines Mordkommandos des Mossad und später Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, ehe er dann Ministerpräsident wurde. Klar, mit Barak als regelmäßigem Gast und der Tochter von Maxwell, dem Mossad- und MI6-Agenten, als engster Mitarbeiterin musste Epstein für – die Russen arbeiten.

Übrigens, es gibt außer dem Mossad noch einen zweiten blinden Fleck bei Welt-Autor Wergin. Der heißt Ukraine. Er berichtet, Epstein habe junge Mädchen aus Russland geholt, das Hauptargument für seine Russland-Connection. Natürlich sagt er nicht dazu, dass es da um die 1990er geht, in denen das durch das Ende der Sowjetunion ausgelöste Elend auch zu einem massiven Anstieg der Prostitution führte.

Als die Lage in Russland besser wurde, holte sich Epstein seine Opfer aus der Ukraine. Nicht nur, aber häufig, und griff dabei auf die Dienste zweier Kiewer Agenturen zurück. Nach dem Putsch pries er die Ukraine als Goldgrube an, und er wollte Selenskij kurz nach dessen Wahl besuchen. Es ist aber nicht klar, ob der Besuch stattgefunden hat. An dieser Verbindung könnten noch viele, sehr widerliche Dinge hängen, wenn man dann darüber hinaus an Bill Gates denkt, an das Leihmuttergewerbe in der Ukraine und an die Biolabore …

Nein, Kontakte zwischen Epstein und Putin, davon steht nichts in den drei Millionen Seiten. Gerade mal davon, dass Epstein irgendwann überlegt hat, nach Russland zu reisen – neben ganz vielen Überlegungen, Putin zu stürzen, übrigens, was für einen KGB-Agenten doch etwas eigenartig wäre. Träfe diese Theorie zu, hätte das, dank der Tatsache, dass diese Tätigkeit mit obskuren russischen Oppositionellen dann ja nicht verborgen geblieben wäre, wohl eher zu einem deutlich früheren Ableben des Herrn Epstein geführt; wenn auch vermutlich etwas diskreter, als der Mossad das bei Maxwell …

Vielleicht hat Epstein auch in Schichten gearbeitet, für jeden Auftraggeber nur Teilzeit. Schließlich gibt es ein Dokument des FBI in diesem Stapel, das gerade (vermutlich mit Vergnügen) von Kim Dotcom geteilt wurde, in dem eine "vertrauenswürdige menschliche Quelle" erklärt, Alan Dershowitz, Epsteins Anwalt, habe dem Staatsanwalt von Südflorida erklärt, "dass Epstein sowohl zu US- als auch zu verbündeten Nachrichtendiensten gehörte". Langsam wird die Liste ziemlich voll. FBI oder CIA? Zusätzlich zu Mossad und MI6? Vielleicht konnte der Mann ja eine komplette westliche Geheimdienstkonferenz im Selbstgespräch abhalten …

"Der FSB", so Wergin, setze auch "in postsowjetischer Zeit systematisch 'Honigfallen'" ein. Mit dem Satz ist es ein klein wenig so wie mit dem Artikel vor CIA. Ob jemand auch nur ansatzweise Ahnung hatte, ließ sich früher schon daran erkennen, ob er "die CIA" oder "der CIA" sagte. Oder "der KGB" oder "das KGB" (die Ermahnungen meines Vaters, den richtigen Artikel zu setzen, habe ich heute noch im Ohr). Ähnlich ist das heute, wenn jemand FSB statt SWR schreibt. Das ist ins Deutsche übersetzt so dämlich, als schriebe man BKA statt BND.

Nur erstaunlich, dass sich ein so erfahrener außenpolitischer Berichterstatter wie Wergin zu einer solchen Räuberpistole bereit erklärt. Aber vielleicht muss man das bei der Welt 

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