
Polens Nawrocki: "Egal welches Russland – für uns immer ein aggressives Russland"

Von Elem Chintsky
Mitte Januar dieses Jahres hat der polnische Staatspräsident Karol Nawrocki dem BBC Radio ein Interview gegeben, in dem er sicherstellt, dass jeder Interessierte keinen Zweifel daran hat, wie fanatisch seiner Nation Russland zuwider ist:
"Wir hier in Polen kennen kein anderes Russland als ein 'aggressives Russland'. Ganz egal, ob es sich um ein zaristisches Russland, weißes Russland, bolschewistisches Russland oder das heutige Russland Putins handelt: Es ist immer eine Bedrohung. Für Polen, für Europa, für Mitteleuropa. In der Geschichte kennen wir Russland ausschließlich als die ständige Bedrohung."
Diese Worte stehen für sich und passen hervorragend in den jetzigen Zeitgeist, von dem sich die polnische Republik treiben lässt.
Nawrocki genoss offiziell eine Ausbildung zum Historiker und arbeitete in den Jahren 2021 bis 2025 als Präsident des Instituts für Nationales Gedenken (IPN). Das IPN ist seit vielen Jahren dominiert von der ideologischen Ausrichtung der PiS – ewiger Hass und trotzende Wehleidigkeit gegenüber Moskau, Skepsis und Vorwurf gegenüber Berlin.

Tatsächlich sind aber Russophobie oder die ewige Forderung nach deutschen Reparationszahlungen nicht die einzigen polnischen Leitmotive des Instituts: Tatsächlich wird sogar das Wolhynien-Massaker, das die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) und die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) in den letzten gut zwei Jahren des Zweiten Weltkriegs unter deutscher Aufsicht an der polnischen Zivilbevölkerung begangen haben, thematisiert. Letzteres passt den Liberalen Polens überhaupt nicht ins gegenwärtige Narrativ einer hilflosen liberal-demokratischen Ukraine, die mit aller zulässigen polnischen Unterstützung gegen "Russlands Großinvasion" ankämpft. In dem Sinne hat sich die falsche Dichotomie des NATO- und EU-hörigen, polnischen Polit-Spektrums halbwegs gut organisiert: Die Linksprogressiven bis Liberalkonservativen behaupten, es habe nie ethnische Säuberungen an dem eigenen Volk durch ukrainische Hand gegeben, während die nationalkonservative PiS eingesteht, dass es sie damals gab, aber diese habe nichts mit der heutigen Ukraine zu tun. So kommen die meisten im polnischen Diskurs auf einen Nenner, wie auch die obigen Worte Nawrockis zeigen, dass die russophobe Programmierung nahezu das volle politische Spektrum deckt. Eine große Ausnahme stellt das rechtskonservativ-libertär-monarchistische Konfederacja-Parteibündnis dar. Die beiden Vorsitzenden Sławomir Mentzen und Krzysztof Bosak sind bekannt für ihren eindeutigen Vorbehalt gegenüber der in Polen populären Ukraine-Narrative, wie man sie auch aus den deutschen Systemmedien kennt. Es war Mentzen, der im Mai 2025 Nawrocki vor dem Kopf-an-Kopf-Rennen gegen den liberalen Präsidentschaftskandidaten Rafał Trzaskowski zu sich einlud, ein YouTube-Interview führte und ihn seine berüchtigten "8 Punkte" unterschreiben ließ. Davon würde abhängen, ob Mentzen – und demnach auch Konfederacja – den Präsidentschaftskandidaten der PiS unterstützen würde oder nicht. Punkt 4 lautete: "Ich werde nicht zulassen, dass polnische Soldaten in die Ukraine entsandt werden". Punkt 5 war nicht weniger signifikant: "Ich werde kein Gesetz zur Ratifizierung des NATO-Beitritts der Ukraine unterzeichnen". Bisher hielt sich Nawrocki an diese Statuten – immerhin hat er nur dank der Wählerstimmen der Konfederacja sein Amt antreten können.
So gibt es innerhalb der Konfederacja auch die Konföderation der polnischen Krone, angeführt von dem ultranationalen Politiker und Dokumentarfilmer, Grzegorz Braun. Braun gilt zwar nicht als Russophiler, aber er ist mit Abstand der redseligste Politiker in Polen, der vehement die Einstellung jeglicher Militärhilfen für die Ukraine fordert und vor einer direkten Kriegsbeteiligung Polens gegen Russland warnt. An einer panslawischen Sentimentalität, wie sie manchmal der slowakische Regierungschef Robert Fico durchklingen lässt, scheitert es bei Braun – womöglich wegen seines sehr strikten Katholizismus, der im Konflikt steht mit der östlichen Orthodoxie. Dennoch schwingt in manchen seiner Reden der pragmatische Wunsch mit, mit Russland als Nachbarn eine friedliche und vernünftige Beziehung zu pflegen.
Ein ähnlicher Wunsch wie der des polnischen Staatsmannes und politischen Kontrahenten Józef Piłsudskis, Roman Dmowski, der mit seiner Nationaldemokratie in den Zwischenkriegsjahren des 20. Jahrhunderts großen Einfluss auf die Geschicke Polens ausübte, bevor sie letztlich scheiterte. Zu jener Zeit brachte Dmowski die Argumentation vor, Polen müsse seinem deutschen Nachbarn im Westen weitaus skeptischer gegenüberstehen als dem russischen im Osten.
Zurück in die Gegenwart. Der Nachfolger von Nawrocki im Institut für Nationales Gedenken, Karol Polejowski, versucht heute, das bedauernswerte Projekt, das unter seinem Vorgänger energisch voranschritt und gedieh, zu Ende zu bringen: den vollständigen Abriss aller Denkmäler für die Gefallenen der Roten Armee auf polnischem Boden. Weniger als zwei Dutzend dieser Denkmäler sind im heutigen Polen noch geblieben. An vielen dieser "historisch pluralistischen Initiativen" ist aber die PiS nicht die einzige treibende Kraft – oft gesellt sich auch die bereits erwähnte Konfederacja bei solchen Anträgen dazu, weshalb man die Partei auch differenzierter betrachten müsste. Wäre die Konfederacja so monolithisch hinter der Prämisse einer gesunden, wiederauferstandenen Nachbarschaftsbeziehung mit Russland, wäre das Erhalten solcher Denkmäler eigentlich ein didaktischer Selbstläufer – ist er aber nicht. Und die Irritation der Russen steigt in dieser Frage sichtlich. Neuesten Umfragen zufolge werde man innerhalb der russischen Gesellschaft der Abneigung der Polen immer mehr gewahr.
Trotz aller Tollkühnheit versucht die polnische Führung gelegentlich auch, taktisches Schweigen über ihre "humanitäre Hilfe" für die Ukraine walten zu lassen.
Alleine die Tatsache, dass Wassyl Bodnar – der ukrainische Botschafter in Polen – von sich aus bestätigte, dass die letzten Vorbereitungen getroffen werden, um weitere polnische MiG-29-Kampfflugzeuge an die Front zu verlegen, während die höchsten polnischen Volksvertreter öffentlich Unwissenheit simulieren, spricht Bände.
Ungefähr am Tag vor dem BBC-Radio-Interview Nawrockis jährte sich der Beginn der Weichsel-Oder-Operation der Roten Armee zum 81. Mal – die Großoffensive der Sowjetunion, die das polnische Volk vom deutschen Joch der nationalsozialistischen Okkupation befreite und später zur Eroberung Berlins beitrug. Die Dankbarkeit der Polen für diese Ereignisse fiel seit 1989 rasant, seit 2008 ist sie nahezu verschwunden, seit 2014 wurde sie final in Abscheu konvertiert und spätestens seit Februar 2022 in ein proaktives Kriegsfieber verwandelt.
Ein kulturpolitischer Trend, der nicht ironischer sein könnte, wenn man das polnische Vasallentum gegenüber den USA betrachtet: So ist es doch Washington, D.C. unter Donald Trump, das (aus polnischer Perspektive) verwirrungsstiftend beginnt, mit dem ewig "aggressiven Russland" Nawrockis Abmachungen zu treffen, die auf die kommende Multipolarität der Welt großen Einfluss nehmen werden. Die EU, in der sich die polnische Republik derzeit so mutig, selbstgefällig und triumphierend verschanzt hat, wird genau die Region sein, die mit Abstand den größten sozioökonomischen Schaden von dieser Transformation nehmen wird.
Solange keine AfD-Regierung in Berlin sitzt, hat Warschau mit seinem tollkühnen Ansatz gegenüber Moskau in Deutschland Verbündete. Die Deutschen mit ihrer jetzigen Elite erkennen auch nicht, dass Warschau alles daran setzt, damit die BRD sich weiter selbst beschränkt und zersetzt. Sofern diese "Kehrtwende hin zu deutschen Interessen", wie sie Alice Weidel und Tino Chrupalla derzeit versprechen, tatsächlich beginnen sollte, Nord Stream wieder Erdgas pumpt und deutsch-russische Beziehungen beginnen zu heilen, könnte Polens leichtsinniger und kompromissloser Trotz – wie so oft in seiner tragischen Geschichte – bedauerlicherweise extreme Reaktionen seiner Nachbarn hervorrufen. Zumal die AfD nicht vergessen darf, dass selbst eine US-Regierung unter Trump keine deutsch-russische Wirtschaftsrenaissance dulden wird – um diese mit britischer Zuarbeit zu sabotieren, werden die USA den üblichen, nichts ahnenden Verdächtigen ausschlachten: die polnische Republik.
Elem Chintsky ist ein deutsch-polnischer Journalist, der zu geopolitischen, historischen, finanziellen und kulturellen Themen schreibt. Die fruchtbare Zusammenarbeit mit RT DE besteht seit 2017. Seit Anfang 2020 lebt und arbeitet der freischaffende Autor im russischen Sankt Petersburg. Der ursprünglich als Filmregisseur und Drehbuchautor ausgebildete Chintsky betreibt außerdem einen eigenen Kanal auf Telegram, auf dem man noch mehr von ihm lesen kann.
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