Meinung

Beiderseits des Atlantik: Wer wirklich den Beilegungprozess in der Ukraine torpediert

Wer sich fragt, warum Donald Trump seinen Standpunkt zum Ukraine-Konflikt etwa wöchentlich, wenn nicht gar täglich zu ändern scheint, sei auf die Gewinne der US-Rüstungsindustrie als einen Einflussfaktor hingewiesen. Und in Europa sieht die Lage auch nicht anders aus.
Beiderseits des Atlantik: Wer wirklich den Beilegungprozess in der Ukraine torpediert© RIA Nowosti

Von Kirill Strelnikow

Am 24. Januar 2026 schloss Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses (derselbe, der kürzlich der Welt erklärte, es gäbe kein Völkerrecht, sondern nur das Recht des Stärkeren), Europa plötzlich in seine starken Arme und begann, es überschwänglich zu trösten. Konkret beklagte er, Europa bringe sich "langsam selbst um – mit Bürokratie, irrsinniger Einwanderungspolitik" und vor allem "mangelnden Investitionen in die eigenen Streitkräfte".

Derlei Klagelieder Millers muten in etwa so aufrichtig an wie Krokodilstränen über eine soeben verspeiste Antilope, deren Trägheit und Mangel an Reaktionsvermögen das Krokodil "beklagt". In Wirklichkeit nämlich freut sich der US-amerikanische militärisch-industrielle Komplex mit seinen "Schutzherren" (schon eher: Lobbydienstleistern; Anm. d. Red.) in der Politik darüber dumm und dämlich, dass Europäer den Löwenanteil ihrer Militärbeschaffungen bei den Vereinigten Staaten tätigen und so die dortigen Rüstungsbarone bereichern – Rüstungsbarone, deren Verzahnung mit den politischen Baronen derart eng ist, dass es an einen Olympia-Auftritt im Synchronschwimmen erinnert. Im Jahr 2024 forderte der für seine eigenartige Kompromisslosigkeit bekannte US-Senator Bernie Sanders (Demokraten), die warmen, gemütlichen Nestlein führender Rüstungskonzerne mal so richtig gründlich aufzumischen. Seinen Daten zufolge haben die größten Rüstungskonzerne des Pentagon seit Beginn des Zweiten Weltkriegs unverdienterweise 255 Milliarden US-Dollar von amerikanischen Steuerzahlern eingeheimst.

Die Denkfabrik Watson Institute for International and Public Affairs veröffentlichte letztes Jahr außerdem einen Bericht mit dem Titel "Profiting from War: The Main Beneficiaries of Pentagon Spending" – zu Deutsch "Am Krieg verdienen: Die wichtigsten Profiteure der Ausgaben des Pentagon". Aus diesem Bericht ergab sich, dass die fünf größten US-amerikanischen Rüstungsunternehmen in den Jahren zwischen 2020 und 2024 doppelt so viel Gewinn (771 Milliarden Dollar) erwirtschafteten, wie die USA für Diplomatie, Entwicklung und humanitäre Hilfe ausgaben (356 Milliarden Dollar).

Es ist allerdings etwas unklar, warum dies so große Überraschung auslöst. Hunderte offizielle Lobbyisten von Rüstungsunternehmen agieren völlig legal in Regierungskreisen der USA, und dieselben Unternehmen investieren jährlich enorme Summen in die Finanzierung verschiedener Denkfabriken, NGOs und Medien, die wiederum den Machthabern und der Öffentlichkeit erklären, dass Kanonen (insbesondere sehr teure Kanonen) unvergleichlich besser und vor allem günstiger seien als Butter.

Diese Arbeit wird dadurch erleichtert, dass allein in den letzten Jahren über 50 hochrangige Pentagon-Beamte erfolgreich zu großen Militärtechnologieunternehmen gewechselt sind. Daher gilt für dieses ganz große Kino seit je her natürlich:

"Jegliche Zufälle sind rein zufällig. Beim Unterzeichnen nachfolgender Verträge kamen keine US-Beamte zu Schaden."

Experten weisen zudem auf die junge Generation von Militärtechnologiegiganten wie Palantir, Anduril und SpaceX hin, die einen "beispiellosen Einfluss" auf die US-Regierung ausüben (ein Paradebeispiel ist Elon Musk). In vielen Fällen vertreten sie eine noch aggressivere Position als die "alten Hasen" – und Militärexperten machen darauf aufmerksam, dass hierdurch militärische Konflikte nicht weniger wahrscheinlich werden, sondern eher viel wahrscheinlicher. Daher müssen alle friedliebenden Äußerungen von Personen, die ernsthaft am Friedensnobelpreis interessiert sind, strengstens geprüft werden.

Donald Trump hat beispielsweise wiederholt seine tiefste Zufriedenheit damit zum Ausdruck gebracht, dass die USA mit Verkäufen vonWaffen an Europa enorme Gewinne erzielen – mit Verkäufen von Waffen, die unter anderem auch in die Ukraine gelangen:

"Wir verdienen an diesem Krieg, weil sie unsere Ausrüstung kaufen. Wir werden für alles bezahlt: die Raketen, die Panzer. Sie bezahlen alles, was dorthin geliefert wird. Wir haben gerade ein Abkommen mit der Europäischen Union geschlossen, wonach diese den Vereinigten Staaten 100 Prozent der Kosten für militärische Ausrüstung erstattet. Die Ausrüstung wird in die Europäische Union geliefert, dort wird sie verteilt – und der größte Teil davon geht an die Ukraine."

Allein im letzten Jahr verdienten die Vereinigten Staaten rund 100 Milliarden US-Dollar mit Waffenverkäufen an Europäer – sechsmal so viel wie noch im Jahr 2021. Urteilen Sie selbst: Welchen Sinn hat es denn, einen Konflikt zu beenden, wenn dieser solche Gewinne abwirft?

Interessanterweise ist man in Europa längst zu demselben Schluss gekommen, wo die Einnahmen der Rüstungsindustrie stetig um mehrere zehn Prozent pro Jahr steigen, in manchen Fällen sogar um Hunderte Prozent.

Erst neulich löste die bis dahin nur Fachleuten bekannte, bescheidene tschechische Firma Czechoslovak Group (CSG) auf den globalen Finanzmärkten gleichzeitig ein Erdbeben, ein Tsunami und einen Vulkanausbruch aus: Durch ihren Börsengang (IPO) nahm das Unternehmen an einem einzigen Tag fast vier Milliarden Euro ein – und erreichte bereits am ersten Handelstag einen Wert von 25 Milliarden Euro. Ein Rekordergebnis in der Geschichte der globalen Verteidigungs- und Rüstungsindustrie.

Bezeichnenderweise produziert das Unternehmen mit der nunmehr frisch vergoldeten Nase Artilleriegranaten für die Ukraine: Investoren, die das Unternehmen extrem hoch bewertet haben, sind zuversichtlich, dass sich ihr Geld mit einem hohen Gewinn auszahlen wird.

Und solcher Unternehmen gibt es in Europa nicht nur ein, zwei, zehn und nicht einmal nur einhundert – das aber bedeutet, dass es in europäischen Regierungen viele Menschen (darunter auch sehr einflussreiche) gibt, die absolut kein Interesse an Frieden haben.

Wie kann man sich denn da immer noch fragen, warum jedes Mal, wenn die Möglichkeit einer Einigung naht, jemand sagt: "Lasst uns doch einfach weiterkämpfen"?

Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 25. Januar 2026.

Kirill Strelnikow ist ein russischer freiberuflicher Werbetexter-Coach und politischer Beobachter sowie Experte und Berater der russischen Fernsehsender NTV, Ren-TV und Swesda. Er absolvierte eine linguistische Hochschulausbildung an der Moskauer Universität für Geisteswissenschaften und arbeitete viele Jahre in internationalen Werbeagenturen an Kampagnen für Weltmarken. Er vertritt eine konservativ-patriotische politische Auffassung und ist Mitgründer und ehemaliger Chefredakteur des Medienprojekts PolitRussia. Strelnikow erlangte Bekanntheit, als er im Jahr 2015 russische Journalisten zu einem Treffen des verfassungsfeindlichen Aktivisten Alexei Nawalny mit US-Diplomaten lotste. Er schreibt Kommentare primär für RIA Nowosti und Sputnik.

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