
Amerikas "glückliche Vasallen" wollen nicht zu seinen "elenden Sklaven" werden

Von Wladimir Kornilow
Der Euroatlantismus ist tot! Im heutigen Westen schreiben nur die Faulen nicht davon. "Die letzten Tage des Atlantismus" titelte die Zeitung Financial Times eine Serie von Artikeln, die eine Bilanz der vergangenen Woche zogen. "Europas fünf Phasen der Trauer um die transatlantische Allianz" heißt der Leitartikel der Zeitschrift The Economist, des ideologischen Sprachrohrs von Liberalen weltweit. "Die regelbasierte Welt existiert nicht mehr" räumt The Guardian ein.
Und praktisch alle Analytiker, Politiker, Experten und Politologen des Westens zitieren einstimmig die Programmrede von Kanadas Ministerpräsident Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Die New York Times meint, dass Carney nach dieser Rede zu einem neuen "globalen politischen Star", einer Art liberalem Gegengewicht zur Ideologie des Trumpismus, geworden sei. Dieser Ansicht stimmen auch andere westliche Zeitungen zu. Und Donald Trumps Reaktion, der Kanada hundertprozentige Zölle nach dieser Rede angedroht hat, bestätigt faktisch die Schlussfolgerung der demokratischen Publikationen.
Carneys Auftritt wird bereits mit der Programmrede Winston Churchills in Fulton verglichen und als eine Art Scheidelinie zwischen zwei Epochen dargestellt. Die kanadische Presse jubelt:
"Die denkwürdige Rede des Ministerpräsidenten brachte Kanada in eine Rolle, die es sehr lange nicht eingenommen hatte – eine Rolle bei der Entstehung von Weltereignissen."
Freilich warnt The Observer vor voreiligen globalen Schlussfolgerungen und stellt fest:
"Mark Carneys Davos-Rede war meisterhaft. Die Geschichte wird zeigen, wie groß sie war."

Man kann sagen, dass die westlichen Träger der liberalen Ideologie, die sich in der schwersten Krise der letzten Jahrzehnte befindet, neuen Auftrieb bekommen und wieder festen Halt gefunden haben. Doch sie merkten gar nicht, wie sie im Vorbeigehen ihre eigenen langjährigen Lügen anerkannt haben, und dass Russland ganz und gar Recht hatte!
Denn Carney verkündete in Davos nicht, dass die "regelbasierte Weltordnung" gestorben sei. Er räumte ein, dass sie nie existiert hat, dass sie von vornherein eine Fiktion war! Hier das wörtliche Zitat:
"Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten internationalen Ordnung teilweise falsch war. Dass die Stärksten sich ausnahmen, wenn es ihnen passte. Dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und dass internationales Recht je nach Identität des Beschuldigten oder des Opfers unterschiedlich streng angewandt wurde. Diese Fiktion war nützlich, und die US-amerikanische Hegemonie lieferte insbesondere öffentliche Güter."
Entschuldigung, aber gerade davon spricht seit langem Russland! Erinnern wir uns an die Worte Wladimir Putins zur "regelbasierten Weltordnung":
"Haben Sie jemals diese Regeln gesehen? Nein, weil sie niemand geschrieben und mit niemanden abgestimmt hat. Wie kann man denn von einer Ordnung sprechen, die auf Regeln basiert, die niemand gesehen hat? Aus rationaler Sicht ist es Unsinn. Doch das ist vorteilhaft für jene, die diese Herangehensweise propagieren."
Und nun präsentiert Carney diese Tatsache als etwas vorher gänzlich Unbekanntes!
Zum schillerndsten und meistzitierten Fragment in der Rede des kanadischen Regierungschefs wurde sein Verweis auf den bekannten (man könnte sagen, unter den Liberalen ikonischen) Essay von Václav Havel "Die Macht der Machtlosen" aus dem Jahr 1978. Carney erinnerte sich an einen tschechischen Gemüsehändler, der automatisch ein Schild mit der Aufschrift "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" in sein Ladenfenster stellte:
"Er glaubt nicht daran. Niemand glaubt daran. Aber er stellt das Schild trotzdem auf – um Ärger zu vermeiden, um Anpassung zu signalisieren, um mitzuschwimmen. Und weil jeder Ladenbesitzer in jeder Straße dasselbe tut, besteht das System fort."
Danach rief Carney von der Tribüne in Davos:
"Es ist an der Zeit, dass Unternehmen und Länder ihre Schilder entfernen."
Darauf brach ein Applaus aus, der im Grunde bis heute nicht verstummt. Den Liberalen wurde nicht einmal bewusst, dass sie damit nicht nur die eigene Lügen und Heuchelei anerkannt hatten, sondern auch die Tatsache, dass sie während all dieser Zeit, in der sie von irgendwelchen Werten und Freiheiten geschwärmt hatten, im Grunde eben jene totalitäre Gesellschaft aufgebaut haben, die Havel in seinem Essay beschrieben hatte. Der Tscheche nannte diese Schilder in Lädenfenstern "eine private Verkörperung des Prinzips des gesellschaftlichen Selbsttotalitarismus". Und nun räumen die Liberalen ein, dass sie eben jene Gemüsehändler waren, die diese Schilder sorgfältig aufhängten!
Hätten sie den genannten Essay aufmerksam gelesen, würden sie dort eine genaue Parallele zum heutigen Tag vorfinden:
"Würde man den Gemüsehändler zwingen, die Losung 'Ich habe Angst, und leiste daher unbedingten Gehorsam' ins Ladenfenster zu stellen, würde er deren Inhalt nicht so gleichgültig auffassen, obwohl der Inhalt in diesem Fall den verdeckten Kontext völlig entlarven würde. Der Gemüsehändler würde es wahrscheinlich vermeiden, in seinem Ladenfenster ein solch unzweideutiges Zeugnis der eigenen Erniedrigung auszuhängen, es wäre für ihn unangenehm und beschämend. Das ist auch verständlich: Immerhin ist er ein Mensch und hat folglich ein Würdegefühl."
Im Grunde tut heute Trump genau das mit den Europäern und Kanadiern und fordert von ihnen, sich eben dieses beleidigende Schild umzuhängen. Und einige hängen dieses Schild bereits auf! Die Anrede "Daddy" vonseiten des NATO-Generalsekretärs Mark Rutte ist eben dieses Aushängeschild, das Havels tschechischer Gemüsehändler keinesfalls ausgehängt hätte.
Auf ebendiesem Forum in Davos erinnerte sich an die "Würde" der Europäer auch Belgiens Ministerpräsident Bart de Wever:
"Bisher hatten wir versucht, es dem Präsidenten im Weißen Haus recht zu machen. Doch heute werden so viele rote Linien überschritten, dass sich uns die Frage nach der Selbstachtung stellt: Es ist eine Sache, ein glücklicher Vasall zu sein, und eine andere, ein elender Sklave."
Da ist sie, die ganze "regelbasierte Welt"! Die Liberalen aller Welt räumen also ein:
- Diese Welt hatte nie existiert;
- jene Welt, die so genannt wurde, war bloß ein Vasallitätssystem.
Doch daraus folgt zwangsläufig die Frage: Was tun mit den Sanktionen gegen Russland, die angeblich dafür verhängt wurden, weil es die Regel der "regelbasierten Weltordnung" verletzt hat? Denn offiziell wurden sie gerade damit begründet!
Jetzt räumen die Europäer ein, dass diese Regeln nie existiert haben und dass sich Russland bloß der Forderung widersetzt habe, ein "glücklicher Vasall" zu werden. Wir haben uns von vornherein geweigert, das Schild "Liberale aller Länder, vereinigt euch!" auszuhängen und im Gegensatz zu den Europäern unsere Würde bewahrt. Nun, da Vasallen in "elende Sklaven" verwandelt werden, bleibt uns bloß, sie an ein weiteres Zitat aus Wladimir Putins Rede aus dem Jahr 2015 zu erinnern:
"Versteht ihr denn jetzt, was ihr getan habt?"
Ein Jahrzehnt später setzt sich dieses Verständnis allmählich durch. Die europäischen Sklaven beginnen eine Revolte und versuchen, sie ideologisch zu begründen. Doch weil sie immer noch nicht wissen, womit sie das vergilbte Schild im Ladenfenster ersetzen sollen, wird die Revolte sinnlos, und ihre Unterdrückung durch die USA könnte gnadenlos werden.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei "RIA Nowosti" am 26. Januar 2025.
Wladimir Kornilow ist ein sowjetischer, ukrainischer und russischer Politologe, Geschichtswissenschaftler, Journalist, Schriftsteller und gesellschaftlicher Aktivist. Er ist der ehemalige Leiter der ukrainischen Filiale des Instituts der GUS-Staaten in Kiew und Leiter des Zentrums für Eurasische Studien in Den Haag. Nach seiner scharfen Kritik am Euromaidan musste er aus der Ukraine flüchten und arbeitet seit 2017 als Kolumnist bei "Rossija Sewodnja". Er führt eine Telegram-Kolumne zu aktuellen politischen Themen.
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