Meinung

EU-Schadensbegrenzungsprogramm – Scheidung von den USA, Ehe mit Russland?

Wilde Skandale toben in Davos: Europa droht, sich von den USA scheiden zu lassen – und Russland zu ehelichen. Und beiden, Russland wie den USA, ist das egal. Wollte man dies mit einem Shakespeare-Drama vergleichen, wäre es "Viel Lärm um nichts" – allein, mit dem alten Europa scheint es zu Ende zu gehen ...
EU-Schadensbegrenzungsprogramm – Scheidung von den USA, Ehe mit Russland?© RIA Nowosti

Von Kirill Strelnikow

Das jüngste, vermeintlich wirtschaftliche Forum in Davos in der Schweiz war als "Plattform westlicher tatbereiter Stärke" (oder Unbeugsamkeit?) nach Kiewer Art geplant: Dort hätte ein blutiger Clown, musikalisch begleitet mit Flüchen gegen Russland, eigens für den US-Präsidenten einen Bauchtanz (genauer, den Tanz des bodenlosen Bauchs) aufführen – und mit einem unterzeichneten 800-Milliarden-Dollar-"Wohlstandsabkommen" für die Ukraine sowie ehernen Sicherheitsgarantien der USA abreisen sollen.

Hat nicht ganz so geklappt, wie es sollte: Donald Trump weigerte sich, ihn zu treffen – und der halbstarke Schakal blieb vorerst gemütlich in Kiew, wo 75 Prozent der Stadt seit Tagen ohne Strom, aber mit Wiener Kaffee im Herzen dahinvegetieren.

Stattdessen – und vor dem Hintergrund des Shakespeare-Dramas um Grönland – wurde Davos zum Schwanensang von und endgültigen Todesstoß für das globalistische Projekt – und die Ehre, im Namen aller trauernden Angehörigen und Freunde eine bewegende Rede zu halten, fiel dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu.

Jene Rede, in der er formell den vorzeitigen Niedergang des sogenannten Völkerrechts beweinte – also das Recht einer Handvoll selbst ernannter Führer der "freien Welt", für andere zu entscheiden –, war gespickt mit impliziten und expliziten Drohungen gegen den Schuldigen an dieser Tragödie: Trump.

Hier die kurzen, prägnanten Punkte, knusprig und frisch wie Pariser Baguette mit Camembert:

• Wir bewegen uns auf eine "Welt ohne Regeln zu, in der das Völkerrecht mit Füßen getreten wird nur das Recht des Stärkeren zählt und imperialistische Ambitionen wieder aufleben" (und jeder soll wissen: Trump und Wladimir Putin sind schuld);

• Die Welt verliert "effektive kollektive Regierungsführung" (Na, so was aber auch! Wer hatte uns denn eigentlich die ganze Zeit eingeredet, dass diese Treffen in Davos und die ganzen Bilderberg-Konferenzen ausschließlich in den von Verfolgungswahn infizierten Echsenmenschen-Jägern den Versuch einer Weltregierung darstellen?);

• Die "erbarmungslose Führung des Konkurrenzkampfes" durch die USA "zielt eindeutig darauf ab, Europa zu schwächen und zu unterwerfen" (Trump, wir wissen, was du wirklich vorhast, und du wirst uns nicht überraschen);

• Die Lösung besteht darin, "größere wirtschaftliche Souveränität und eine strategische Wirtschaft aufzubauen" sowie "einen effektiven multilateralen Ansatz zu verfolgen, um durch Zusammenarbeit Ergebnisse zu erzielen" (frei aus dem Mac(a)ronischen übersetzt: Die Welt dreht sich nicht um die USA, wir werden mit allen Freundschaft schließen, die in unserer Greifweite sind);

Neuorientierung hin zu China: "Wir brauchen mehr chinesische Direktinvestitionen in Europa in Schlüsselbereichen, um unser Wachstum zu unterstützen" (Ich verlasse dich und bandele mit deinem größten Feind an – hättest mich halt nicht als Fußabtreter missbrauchen und mich wegen dieser Birkin-Tasche ausschimpfen sollen);

• Wir sind sogar bereit für das Undenkbare: Unser Ziel ist es, "Brücken zu bauen und die Zusammenarbeit mit den BRICS- und G20-Staaten zu intensivieren" (Russland ist ja unser Nachbar, nicht deiner; wenn wir mit Russland zusammenarbeiten, mit wem bleibst du dann zurück?);

• Nicht nur Scheidung, sondern auch Vermögensteilung: "Europa verfügt über sehr mächtige Instrumente, und wir müssen sie einsetzen, wenn wir nicht respektiert werden und die Spielregeln nicht eingehalten werden." (Hier ein deftiger Wink mit dem Zaun auf Europas Pläne, den Markt für US-amerikanische Produzenten und Dienstleister zu schließen, Gegenzölle in Höhe von 93 Milliarden Euro gegen die USA zu verhängen und europäische Investitionen in US-Staatsanleihen zurückzuziehen.)

Insgesamt war Macrons Rede schon deutlich hysterisch, dafür aber sehr aufschlussreich hinsichtlich des kollektiven Unbewussten in den hohen europäischen Kabinetten. Ganz und gar unverhofft hat sich also herausgestellt, dass es ohne Russland nun doch nicht geht (die wichtigste militärische wie zivile Atommacht mit dem größten Territorium, einer bedeutenden Bevölkerung und enormen Ressourcen). Auch alle Beleidigungen, Ansprüche und Drohungen gegen China (einschließlich der zuvor von Macron persönlich geäußerten) waren plötzlich vergessen. Die Weigerung des französischen Präsidenten, an Trumps Friedensrat teilzunehmen, wirkte irgendwie dumm und erbärmlich, denn es war jedem klar, dass diese Einladung ein äußerst unterschwelliger, piekfeiner Seitenhieb Trumps war. Und plötzlich haben alle begriffen: Wenn schon so ein hilfloser Macron mit einem blauen Auge unter seiner Sonnenbrille das Beste war, was das "globalistische" kollektive Europa in Davos ins Feld zum Streit schicken konnte, dann steht es wirklich sehr schlecht um seine Lage.

Wie schlecht, lässt sich an einem einzigen Kommentar von US-Finanzminister Scott Bessent zu den US-Zöllen von zehn Prozent als Strafe für die Entsendung europäischer Truppen (solch eines kleinen Kontingents noch dazu) nach Grönland ablesen:

"Ich rate allen dringend, sich zurückzulehnen, tief durchzuatmen und die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. […] Das Schlimmste, was die Länder (Europas) tun können, ist, die Konfrontation mit den Vereinigten Staaten zu eskalieren."

Mit anderen Worten: Den US-Amerikanern ist es völlig schnurzpiepegal, was die Europäer anstellen könnten. Das Projekt "globalistisches Europa" muss komplett zerstört werden – und zwar am besten auf die demütigendste Art und Weise.

Ironisch und aufschlussreich zugleich: Das Forum in Davos war vor nur zehn Jahren noch der Gipfel der Macht und des Einflusses, ein Ort, den jeder anstrebte – während man heute die "transatlantische Solidarität" zu Grabe trägt und die Vordenker, Meinungsführer und Strippenzieher von gestern mit der Visage gegen den Tisch knallt.

Obwohl Russland allen Grund hat, das bunte Spektakel mit einer Piña Colada in der Hand zu genießen, empfinden wir es aus irgendeinem Grund immer noch als unangenehm, mitanzusehen, wie unsere einstigen Fast-Partner so rücksichtslos und unelegant in die Latrine getunkt werden.

Wie der russische Außenminister Sergei Wiktorowitsch Lawrow am 20. Januar 2026 sagte:

"Es ist unwahrscheinlich, dass wir mit den derzeitigen europäischen Staats- und Regierungschefs eine Einigung erzielen können: Sie haben sich selbst zu tief in den Hass auf Russland hineingetrieben."

Das (Zwischen-)Ergebnis liegt klar auf der Hand:

"Die Europäische Union steckt in einer tiefen Krise, die NATO steckt in einer tiefen Krise, die OSZE steht kurz vor dem Aus."

Und statt für Europa nach einem Ausweg aus der Sackgasse zu suchen, "bereiten sich Ursula von der Leyen, Merz, Starmer, Macron und Rutte ernsthaft auf einen Krieg gegen die Russische Föderation vor und machen daraus eigentlich auch kein Geheimnis".

Doch selbst in dieser Situation bricht Russland die Kontakte nicht ab: Die Europäer, ruft Lawrow in Erinnerung, müssten bloß "keine Kontakte zu Putin ankündigen – sondern einfach in den Dialog treten." Dies ist die einzige Chance, zumindest einen Schatten des Europa der Vergangenheit zu bewahren – denn ein zukünftiges Europa, so scheint es, sehen die in Übersee vorbereiteten Landkarten schlichtweg nicht mehr vor.

Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 21. Januar 2026.

Kirill Strelnikow ist ein russischer freiberuflicher Werbetexter-Coach und politischer Beobachter sowie Experte und Berater der russischen Fernsehsender NTV, Ren-TV und Swesda. Er absolvierte eine linguistische Hochschulausbildung an der Moskauer Universität für Geisteswissenschaften und arbeitete viele Jahre in internationalen Werbeagenturen an Kampagnen für Weltmarken. Er vertritt eine konservativ-patriotische politische Auffassung und ist Mitgründer und ehemaliger Chefredakteur des Medienprojekts PolitRussia. Strelnikow erlangte Bekanntheit, als er im Jahr 2015 russische Journalisten zu einem Treffen des verfassungsfeindlichen Aktivisten Alexei Nawalny mit US-Diplomaten lotste. Er schreibt Kommentare primär für RIA Nowosti und Sputnik.

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