
Macron hinter blauen Gläsern: Europas Spätaufwacher

Von Hans-Ueli Läppli
Emmanuel Macron steht in Davos auf der Bühne, trägt eine Sonnenbrille und erklärt der Welt, sie sei aus den Fugen geraten. Man glaubt ihm sofort. Nicht wegen der Analyse, sondern wegen der Optik.
Ein Präsident, der sich die Augen schützt, während um ihn herum die Weltpolitik neu sortiert wird. Es ist ein passendes Bild für einen Mann, der jahrelang wegsah und nun überrascht feststellt, dass Regeln offenbar nicht mehr gelten.
Macron spricht von Multilateralismus und europäischer Souveränität, als habe er diese Begriffe gerade erst entdeckt. Europa müsse unabhängiger werden, sagt er, müsse widerstandsfähiger sein, weniger naiv. Man fragt sich unwillkürlich, wer Europa in diese Naivität geführt hat. Die Antwort steht mit Sonnenbrille am Rednerpult.

Über Jahre hinweg dozierte Macron mit moralischer Überlegenheit. Besonders Donald Trump diente ihm als willkommener Kontrast, als Beweis europäischer Vernunft gegenüber amerikanischer Grobheit. Macron belehrte, korrigierte, ironisierte.
🇺🇸🇫🇷TRUMP: IF FRANCE WON'T JOIN BOARD OF PEACE, I’LL PUT A 200% TARIFF ON THEIR WINE“Well, nobody wants him because he’s going to be out of office very soon. That’s all right. What I’ll do is if they feel hostile, I’ll put a 200% tariff on his wines and champagnes and he’ll… pic.twitter.com/07wQZoeoNs
— Mario Nawfal (@MarioNawfal) January 20, 2026
Trump galt als der Barbar vor den Toren der liberalen Ordnung. Heute ist es derselbe Trump, der mit 200-Prozent-Zöllen auf französischen Wein droht, private Nachrichten veröffentlicht und Macrons politisches Ablaufdatum öffentlich kommentiert. Der Ton hat sich verschoben. Und plötzlich wirkt der französische Präsident erstaunlich leise.

Besonders eindrücklich ist Macrons neu entdeckte Liebe zur europäischen Unabhängigkeit. Jahrelang war Europa stolz darauf, sich an Washington zu orientieren. Strategische Autonomie galt als schönes Wort für Sonntagsreden, nicht als Handlungsmaxime.
Als die USA entschieden, wann Sanktionen gelten, wann Kriege geführt und wann Märkte geöffnet oder geschlossen werden, war Paris selten dagegen. Erst als Washington begann, Europa offen als Druckmasse zu behandeln, erinnerte man sich in Paris daran, dass Souveränität vielleicht doch mehr sein sollte als ein Schlagwort.
Putin formulierte es bereits vor Jahren unverblümt: Amerika brauche keine Verbündeten, sondern Vasallen. Damals galt das in europäischen Hauptstädten als zynische Propaganda. Heute klingt es wie eine nüchterne Lagebeschreibung. Macron hat lange gebraucht, um das zu begreifen. Vielleicht zu lange.
Nun entdeckt er auch Russland wieder. Plötzlich wird über eine erweiterte "Sieben" nachgedacht, mit Moskau am Tisch. Man lädt nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Notwendigkeit. Ohne Russland lässt sich keine globale Ordnung denken. Weder sicherheitspolitisch noch wirtschaftlich.

Russland ist Atommacht, Rohstoffgigant, geopolitischer Faktor. All das war auch vor 2022 bekannt. Macron entschied sich dennoch für moralische Gesten statt strategischer Realität.
Dass man jetzt überrascht feststellt, wie unverzichtbar Russland ist, wirkt weniger wie Diplomatie als wie ein verspätetes Eingeständnis.
Auch China taucht plötzlich wieder als Partner auf. Macron erinnert sich an die Bedeutung des chinesischen Marktes. Eine bemerkenswerte Entdeckung nach Jahren europäischer Belehrungen, Sanktionen und öffentlicher Herablassung gegenüber Peking. Vertrauen, so scheint man in Paris zu glauben, sei eine reversible Größe.
Man beleidigt, grenzt aus und wundert sich später über fehlende Kooperationsbereitschaft. Macron nennt das Multilateralismus.
Am unerquicklichsten ist jedoch die Haltung des französischen Präsidenten zum sogenannten Board of Peace. Eine amerikanische Initiative, vorangetrieben von Donald Trump, die Macron demonstrativ ablehnt. Begründung: Frankreich wolle sich nicht vereinnahmen lassen.
Interessant ist weniger das Nein als die Angst dahinter. Die Initiative kommt von den USA, jenem Staat, den Macron selbst als Schlüssel der NATO bezeichnet. Widerspruch ist also erlaubt, solange er folgenlos bleibt. Doch diesmal drohen Konsequenzen. Und plötzlich wirkt Macrons Prinzipientreue erstaunlich vorsichtig.
Frankreichs Präsident spricht von neuem Imperialismus, von Aggressivität, von einer Welt ohne Regeln. Das Publikum applaudiert. Doch draußen wird Politik gemacht. Während Macron redet, setzen andere Zölle fest, verschieben Einflusszonen und definieren Macht neu. Der französische Staatschef kommentiert, mahnt und warnt. Handeln überlässt er lieber anderen.
Vielleicht ist das zentrale Problem Emmanuel Macrons nicht seine Analyse. Sie ist oft richtig. Sein Problem ist, dass sie immer erst kommt, wenn die Entscheidungen bereits gefallen sind. Der Präsident erkennt Trends zuverlässig. Leider stets im Rückspiegel.
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