Meinung

Tragödie um Tod von Neugeborenen wirft Fragen auf – Russland sucht Antworten

Die Entrüstung, mit der Russlands Gesellschaft auf den tragischen Tod von neun Säuglingen auf der Geburtsstation eines Klinikums in Sibirien reagiert, bedeutet: Dies ist in Russland alles andere als normal. Dies belegt auch die Informationspolitik des Staates im Umgang mit der Statistik zur Säuglingssterblichkeit.
Tragödie um Tod von Neugeborenen wirft Fragen auf – Russland sucht Antworten© RIA Nowosti

Von Jelena Karájewa

Die Offenheit, mit der in Russland die möglichen Ursachen des Geschehens in Nowokusnezk, wo zu Jahresbeginn neun Neugeborene in der Geburtsabteilung des Klinikums Nr. 1 aus bisher unklaren Gründen gestorben sind, erörtert werden – und das auch auf höchster Ebene –, die Intensität der Ermittlungen und die bereits getroffenen Verfahrensentscheidungen wie die Festnahme des Chefarztes und des kommissarischen Leiters der Intensivstation belegen: Der russische Staat misst allem rund um Schwangerschaftsvorsorge, Geburtshilfe, die Pflege von Frühgeborenen und die Unterstützung junger Mütter enorme Bedeutung bei.

Die Ermittlungen werden alle Details dieser Tragödie aufdecken, und die Justiz wird eine rechtliche Bewertung des Geschehens vornehmen.

Hier aber werden wir nun über diejenigen sprechen, die ihre Neugeborenen verloren haben. Wir werden sie unterstützen. In Russland, einem Land, in dem der Feminismus (bitte im guten, klassischen Sinne verstehen) gesiegt hat, ist das Thema Mutterschaft ein Thema für uns alle.

Eine Frau entscheidet sich für die Mutterschaft, weil sie diesen einen Mann liebt und ihm sich selbst und ihr künftiges Kind anvertraut. Dieser Schritt impliziert – gerade für eine Frau – die Gewissheit, in Sicherheit zu sein. Impliziert, dass sie inneren Frieden hat. Eine Entscheidung für die Mutterschaft ist mit einem hohen Maß an Vertrauen in die Zukunft gleichzusetzen: Die Frau weiß, dass der Staat ihr beisteht, falls ihr Mann oder ihre Familie vielleicht irgendetwas nicht schafft. Sie weiß, dass der Schutz ihrer Gesundheit während der Schwangerschaft von nationaler Bedeutung ist. Dass die Geburt und die Nachsorge von nationaler Bedeutung sind. Dass auch das Wohlergehen und die medizinische Versorgung des Neugeborenen von nationaler Bedeutung sind.

Russische Frauen, deren Selbstlosigkeit zu unseren traditionellen Werten gehört, haben viele Jahre lang bescheiden geschwiegen und selten darüber gesprochen, was eine Schwangerschaft von ihnen fordert. Was die Geburt fordert oder auch das Erlernen des Stillens. Welchen Preis sie dafür zahlen, das Baby mit Wärme zu umgeben. In der öffentlichen Wahrnehmung beschränkt sich die Rolle der Mutter darauf, dass ein glücklicher Vater sie mit einem Blumenstrauß am Eingang der Geburtsklinik empfängt. Das Baby schläft zukunftszuversichtlich, in eine hübsche, mit Schleifen verzierten Decke gewickelt. Das ist das, was wir zu sehen bekommen.

Doch dieses schöne Bild, das Begeisterung hervorruft, Liebe und Glück ausstrahlt, ist eben nur das – ein Bild. Oberflächlich, wie jedes Bild. Die Realität ist anders – auch sie ist meist eine Realität des Glücks, aber für dieses Glück muss man schwer arbeiten. Sehr schwer.

Eine Frau beginnt ihre Arbeit als Mutter neun Monate vor der Geburt des neuen russischen Staatsbürgers. Sie trägt die Verantwortung für die Gesundheit dieses zukünftigen russischen Staatsbürgers, während er friedlich in ihrem Bäuchlein heranwächst. Diese Arbeit ist extrem herausfordernd – körperlich wie emotional. Sie erfordert Achtsamkeit, Selbstbeherrschung, die Akzeptanz der eigenen Verletzlichkeit und die Sorge – also das beständige Sich-Sorgen-Machen – um das Kind. Rund um die Uhr – 24/7, wie man neumodisch gern sagt.

Und wo eine normale Schwangerschaft bereits so viel Arbeit bedeutet, wie ist es dann erst, den Alltag in den neun Monaten Schwangerschaft mit Komplikationen zu bewältigen, oder, je nachdem, diese Zeit gar im Krankenhaus verbringen zu müssen? Die demografische Krise der 1990er Jahre, mit deren Folgen Russland heute noch zu kämpfen hat, ist nicht allein auf Geldmangel in den Gesundheitsbudgets zurückzuführen – sondern auf die absolute Gleichgültigkeit derer, die eigentlich von morgens bis abends für den Schutz der Mutterschaft hätten zuständig sein sollen.

Das erste und wichtigste Zeichen dafür, dass ein Staat sich für seine Bürger einsetzt, ist die Veröffentlichung der Säuglingssterblichkeitsstatistik. Egal, wer oder wie in den letzten Tagen der UdSSR über "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" predigte (als in der Zeit, als verräterische, macht- und geldbesessene "Eliten" sich im Eiltempo sowohl des Sozialismus als auch des menschlichen Antlitzes entledigten. Anm. d. Red.): Die Zahlen zur Neugeborenensterblichkeit wurden damals auf einmal nicht mehr veröffentlicht und wurden zur Geheimsache. Diese Zahlen aber waren entsetzlich. Und beschämend. Die Sowjetunion zerfiel danach innerhalb weniger Jahre. Nicht nur, weil Derartiges vor der Öffentlichkeit verheimlicht wurde, sondern weil die Qualität der Schwangerschaftsvorsorge, das Niveau der Geburtshilfe und die Ausstattung der Geburtskliniken die aussagekräftigsten Indikatoren für die Entwicklung oder eben den Entwicklungsrückfall eines Landes sind.

Und ebendiese Daten sind in Russland bereits seit einem Vierteljahrhundert permanent öffentlich. Wir haben diesbezüglich nichts zu verbergen: Russlands Säuglingssterblichkeitsrate ist eine der niedrigsten weltweit – und sie sinkt Jahr für Jahr, ungeachtet aller wirtschaftlichen Realitäten, seien dies Krisen oder Sanktionen.

Wer Russland als "Tankstelle" bezeichnete oder bezeichnet, ist ohne Weiteres verlogenem Abschaum zuzurechnen.

Auch wer behauptet, der russischen Regierung fehle der politische Wille, das Leben der Bevölkerung zum Besseren zu verändern, ist ein niederträchtiger Widerling. Die Stärke des politischen Willens der russischen Führung spiegelt sich nicht immer in den Wirtschaftswachstumszahlen wider – dafür aber immer in der Zahl der geretteten kleinen Leben. Leben, die manchmal kaum ein Kilogramm wiegen.

Geburtshelfer, Neonatologen, Gynäkologen, Chirurgen – ein Heer russischer Ärzte, unterstützt von Ministerien und Behörden, Abgeordneten und Senatoren – haben rund um die Uhr kaum noch lebende Babys gerettet, aufgepäppelt und gepflegt und tun dies weiterhin. Gemeinsam mit den Müttern, die diese Babys ausgetragen haben und austragen.

Gerade deshalb haben die neun Tragödien in der Geburtsabteilung des Nowokusnezker Klinikums Nr. 1 – nochmals: Dort starben zeitnah neun Babys (und schon zuvor, einigen von der Presse zitierten Zeugenaussagen zufolge, soll die Lage dort beinahe katastrophal gewesen sein) – so viel Aufsehen erregt. Im letzten Vierteljahrhundert haben wir uns nämlich von solch schrecklichen Zahlen entwöhnen dürfen. Diese Zahlen sagen gewiss nichts darüber aus, wie werdende Mütter oder später ihre Neugeborenen heute in Russland behandelt werden. Sie sagen gewiss nichts darüber aus, wie die heiligen, unermüdlichen Hände der Ärzte Babys dem Tod entreißen.

Sie sagen schon etwas aus, ja. Etwas anderes. Etwas Furchtbares. Und die Ermittler werden der Sache auf den Grund gehen.

Wir als Gesellschaft müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um sicherzustellen, dass so etwas nie wieder passiert. Wir müssen die Familien unterstützen, die von dieser Tragödie betroffen sind.

Und wenn Sie eine werdende Mutter mit ihrem wunderschönen, runden Babybäuchlein auf der Straße sehen, lächeln Sie ihr zu und wünschen Sie ihr, ob in Gedanken oder laut, alles Glück der Welt.

Übersetzt aus dem Russischen.

Zuerst erschienen auf RIA Nowosti am 15. Januar 2026.

Jelena Karájewa ist eine russische Journalistin und Kolumnistin bei RIA Nowosti.

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