
"Der Tiger" – eine Wehrmachts-Gespenstergeschichte

Von Astrid Sigena
Seit einigen Tagen kann der bisher nur in ausgewählten Kinos gezeigte Film "Der Tiger" des deutschen Regisseurs Dennis Gansel auch bei Amazon gestreamt werden. In den Prime-Video-Charts ist "Der Tiger" ein großer Erfolg, in manchen Ländern steht er sogar an der Spitze. Selbst Oscar-Hoffnungen sind nicht mehr gänzlich unglaubwürdig. Für einen deutsch-tschechischen Antikriegsfilm (zumindest wird er so etikettiert) sind das durchaus beachtliche Aussichten.

Der Film spielt im Sommer 1943, also nach der katastrophalen Niederlage von Stalingrad, während sich die Wehrmacht auf dem Rückzug befindet. Der "Tiger" und die fünfköpfige Panzerbesatzung unter Leutnant Philip Gerkens schaffen es gerade noch so über die Dnjepr-Brücke, bevor sie gesprengt wird. Sofort nach der Reparatur des Panzers erwartet sie der nächste Auftrag: Sie sollen hinter die Front stoßen und Oberst von Hardenburg, einen guten Freund Gerkens, vor der Gefangennahme durch die Sowjets bewahren. Ansonsten drohen wichtige Geheimdokumente in die Hände der Roten Armee zu fallen.
Das "Unternehmen Labyrinth" (so die Bezeichnung der wahnwitzigen Unternehmung) wird zu einer Reise in den Hades, in ein Zwischenreich von Toten und Lebenden, mit dem Dnjepr als dem Grenzfluss von Leben und Schattenreich, Letzteres bevölkert von Geistern aus der ukrainischen Mythologie. Während sich die Panzerbesatzung durch dichtes Wald- und Sumpfgebiet durchschlägt, glaubt man jeden Moment, den "Wij", das Monster aus der ukrainischen Mythologie, aus dem Erdboden aufsteigen zu sehen. Die ukrainische Freundin des jungen Panzersoldaten Michel hatte ja davor gewarnt, dass in den Wäldern ihrer Heimat die Toten hausen. Unheimliche Vorfälle häufen sich, von denen man nicht weiß, ob sie übernatürlich oder mit dem Pervitin-Konsum der Panzerfahrer erklärbar sind. Nicht umsonst haben viele Rezensenten den Film mit einer Fahrt ins "Herz der Finsternis" verglichen.
Dazu kommen die Schrecken des realen Krieges. Der Zuschauer fiebert bei einer nervenaufreibenden Minenräumung mit, er erlebt eine unter die Haut gehende Tauchfahrt des "Tigers" (eine Hommage an Wolfgang Petersens "Das Boot") sowie ein Gefecht mit einem sowjetischen SU-100 (Achtung: Anachronismus! Dieser Panzertyp existierte erst ab 1944/45). In einem Dorf werden die fünf Kameraden Zeuge, wie die SS wehrlose Zivilisten in eine Kirche sperrt, sie anzündet und die darin Eingeschlossenen verbrennen lässt. Die historischen Bezüge zu Massakern wie Chatyn oder Oradour liegen auf der Hand. Als Leutnant Gerkens mit der "Tiger"-Besatzung am Zielpunkt ihres gemeinsamen Abenteuers angelangt ist, dem Bunker, in dem sich Oberst von Hardenburg aufhält, muss er sich mit den eigenen Verbrechen auseinandersetzen. Verbrechen, die in kurzen Erinnerungsbildern zuvor bereits immer wieder angedeutet worden waren.
Die Panzer-Mannschaft besteht nicht aus Nationalsozialisten, im Gegenteil, sie zweifelt an der Sinnhaftigkeit des Krieges und ihres Auftrags. Auch von einer rassistischen Haltung gegenüber der einheimischen russisch-ukrainischen Bevölkerung kann keine Rede sein. Dass der Film "die SS in der Zeitenwende" darstelle, wie Henryk Gondorff in einem Artikel für das Overton Magazin kürzlich meinte, ist eine abwegige Interpretation, die auf einer Verwechslung der Totenkopf-Symbolik beruht. Dabei hätte eine kurze Recherche genügt, um herauszufinden, dass die Totenköpfe auf den Kragenspiegeln der Uniformen eben nicht auf eine SS-Zugehörigkeit der Panzerfahrer hinweisen, sondern auf eine Traditionslinie bis zu den kaiserlichen Totenkopf-Husaren. Ohnehin hätte man sich denken können, dass selbst in Zeiten verschärfter Militarisierung ein bundesdeutscher Regisseur niemals die SS verherrlichen würde.
Die Bezüge zu heute sind natürlich mit den Händen zu greifen. Die Handlung spielt jenseits des Dnjepr, also in einem aktuell zwischen russischer und ukrainischer Armee umkämpften Gebiet. Das unheimliche Waldgebiet, durch das sich die Wehrmachtssoldaten durchschlagen müssen, könnte ebenso gut im litauischen Rukla oder Rūdninkai liegen, den Standorten der Panzerbrigade 45. Und wer denkt beim Stichwort Panzer nicht an die heutige Entsprechung zum legendären "Tiger", den "Leoparden", den die BRD als hochgelobte, angeblich kriegsentscheidende Wunderwaffe an die Ukraine lieferte?
Dennoch irrt Gondorff, wenn er gegen den Film polemisiert und sarkastisch von "unseren Jungs bei den Scheißrussen" schreibt. Auch hat der Film nicht – wie im Overton Magazin behauptet – den Plot mit dem "anständigen Menschen aus Deutschland und den brutalen Feind aus Osteuropa". Der Film ist grundsätzlich auch nicht dazu gemacht, "künftig die deutsche Geschichte für die Zukunft im Angesicht des russischen Feindes" umzudeuten. Zu eindeutig ist in dem Streifen die Verurteilung deutscher Kriegsverbrechen.
Ohnehin kommen Russen in "Der Tiger" überhaupt nicht vor (bei der vermeintlich russischen Besatzung des gegnerischen Panzers handelt es sich um eine übernatürliche Erscheinung). Gondorff registriert das auch selbst, wenn er schreibt: "Die Russen bleiben dabei schemenhaft. Der Zuschauer vernimmt kein Russisch, der Feind ist eine drohende Naturgewalt, die über die Helden des Filmes kommt." Das gilt übrigens auch für die Opfer der deutschen Verbrechen, sei es von der SS oder durch die Wehrmacht: Auch sie bleiben weitgehend gesichtslos, seltsam verschwommen, ihr Leiden äußert sich nur in Schreien – im Gegensatz zur eindrücklichen Darstellung der durch die begangenen Untaten erfolgten Traumatisierung bei den Wehrmachtsangehörigen.
Für den Zuschauer wäre es geradezu eine Erleichterung, würden an irgendeiner Stelle "Iwans" auftauchen – und seien sie auch noch so stereotyp gezeichnet. Stattdessen begleitet man die Panzerbesatzung auf einer albtraumhaften Fahrt durch eine mit Geistern besiedelte Landschaft. Wahrlich eine Reise ins "Herz der Finsternis"! Das kann man allerdings auch kritisch sehen: Das Gebiet jenseits des Dnjepr wird nicht als die Heimat ganz gewöhnlicher Leute geschildert, die aufgrund des deutschen Angriffskrieges verwüstet ist, sondern als Stätte der Dämonen. Bei Joseph Conrads antikolonialistischem Original monierte das bereits der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe. Gewalt und Verrohung der weißen Kolonialbeamten und Händler habe Conrad zwar wahrheitsgemäß geschildert, zugleich aber impliziert, dass Afrika als das "Herz der Finsternis" erst diese grausamen Seiten im Charakter des weißen Mannes hervorgerufen habe.
In gewisser Hinsicht kann man Henryk Gondorff in seinem Unbehagen also durchaus recht geben. Der Film ist eine Verherrlichung der technischen Leistungen von Panzer und Panzertruppe, des Mutes und der Tüchtigkeit deutscher Soldaten. Alle fünf Hauptpersonen sind durchweg positiv geschildert. Leutnant Gerkens, der auf die Durchführung des erteilten Auftrags pocht und dabei sogar den Versuch einer Meuterei übersteht, ist ein Vorbild an treuer soldatischer Pflichterfüllung. Zugleich wirkt er musterhaft in der Sorge um seine Untergebenen. Auch seine letzten Worte gelten ihnen:
"Was ist mit meinen Männern? Ohne mich überleben die nicht!"
Es mag angenehm sein, wenn deutsche Soldaten nicht als hasserfüllte Monster dargestellt werden – ihre Heroisierung wirkt jedoch genauso befremdlich.
Die Schrecken des Krieges verheimlicht der Film durchaus nicht, auch nicht, wie die Soldaten darunter leiden. Der Todeskampf des Funkers Keilig ist erschütternd. Auf der Evakuierungsmission fährt der Panzer an aufgehäuften menschlichen Gebeinen vorbei – die Überreste der gefangenen Rotarmisten, die beim Bau von Panzersperren für die Wehrmacht zugrunde gerichtet wurden. Die Besatzung wirkt emotional angegriffen – und führt ihren Auftrag weiter durch. Auf der Suche nach Treibstoff kommen sie in ein Dorf, dessen Bevölkerung gerade Opfer eines SS-Massakers wird. Leutnant Gerkens verweigert zwar den Hitlergruß gegenüber der SS, schweigt jedoch zu den vor ihm ablaufenden Verbrechen. Trotz dieses moralischen Versagens bleibt er der Sympathieträger, im Gegensatz zum schablonenhaft gezeichneten SS-Obersturmbannführer Krebs, dem man das Böse schon äußerlich anmerken soll.
Das Verbrechen, für das Gerkens eigentlich verantwortlich ist, das Beschießen von Zivilisten im deutsch besetzten Stalingrad, lässt der Film in befremdlicher Weise als nahezu verständlich erscheinen: Die Panzertruppe muss einen befohlenen Vorstoß durchführen, der durch eine von Rotarmisten besetzte Traktorenfabrik behindert wird. Dorthin haben sich auch sowjetische Zivilisten geflüchtet. Gerkens erzwingt von seinem Freund und Vorgesetzten Paul von Hardenburg die Erlaubnis zum Schießen. Die Insassen des Gebäudes verbrennen. Davon erfährt der Zuschauer allerdings erst nach fast zwei Stunden Filmlänge, in der letzten halben Stunde des Films, also zu einem Zeitpunkt, zu dem die Sympathie für den Panzerkommandanten kaum mehr zu beeinträchtigen ist.
In einem im feindlichen Gebiet liegenden Bunker trifft Gerkens auf seinen Mittäter und nunmehrigen Ankläger von Hardenburg (eine Abwandlung des Treffens mit Colonel Curtz in "Apocalypse Now"). Hier schwingt Regisseur Gansel nun doch noch die Moralkeule: Gerkens (und der Zuschauer) bekommt in einem schablonenhaft wirkenden Dialog klargemacht, dass der Verweis auf einen Befehlsnotstand nicht gelte (falls es jemand noch nicht verstanden hat). Der Feuertod von Gerkens Frau und Sohn (also ebenfalls Zivilisten) bei der britischen Bombardierung Hamburgs wird mit der Plattitüde "Wir ernten, was wir säen." abgetan. Fragen tun sich auf: Ist am Ende SS-Mann Krebs ein Bestandteil des mutigen Panzerfahrers Gerkens? Und wer soll dieser Oberst Richter sein, der Gerkens den Auftrag ins Feindesgebiet erteilt hat? Die Vermutung, es handele sich dabei um den eschatologischen obersten Richter aller Menschen, liegt nahe.
Absonderlich ist der Rückblick auf beider Freundschaft in der Vorkriegszeit, der im Bunker stattfindet. Die Zeit vor dem 1. September 1939 wirkt geradezu paradiesisch – als ob damals nicht bereits der Nationalsozialismus geherrscht hätte, als ob es nicht damals schon die KZs gegeben hätte. Die Sicht bleibt auf das private Glück beschränkt. Diese Wehrmachts-Geistergeschichte mutet seltsam ahistorisch und unpolitisch an. Doch nun hat der Krieg (dessen Ursache der Film nicht nennt) alles zerstört, Familie und Freundschaft. Auch Freund Paul von Hardenburg ist womöglich nur eine Halluzination.
Der Film endet, wie er begonnen hat: im Feuer. Dass dieses Feuer kein Höllenfeuer darstellt, sondern man es als kathartisch, als reinigendes Fegefeuer begreifen kann, darauf lassen von Hardenburgs kryptische Worte schließen. Gerkens sei selbst das Labyrinth und er, von Hardenburg, sei dazu berufen, ihn aus diesem Labyrinth zu führen. Auf der schon flammenumloderten Dnjepr-Brücke blicken Gerkens – wie schon am Anfang der Handlung – die Augen eines Rehs an. Ein Zeichen für kreatürliche Unschuld, Sanftmut und Güte.
"Der Tiger" ist weder eine revisionistische Apologie des Nationalsozialismus noch die Rechtfertigung eines kommenden Krieges gegen Russland. Als Geistergeschichte beeindruckt er, zur Deutung des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion (nach Jochen Hellbeck "ein Krieg wie kein anderer") trägt er herzlich wenig bei. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Zuschauer in ihrer Begeisterung für die tapfere Besatzung des "Tigers" kein Vorbild an deren beharrlichem Befehlsgehorsam zugunsten eines verbrecherischen Regimes nehmen.
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